Drucker 08.09.2006, 19:23 Uhr

„Prävention ist besser als Feuerwehreinsätze“  

VDI nachrichten, Heidelberg, 8. 9. 06, swe – Die Heidelberger Druckmaschinen AG möchte mit einer langfristigen Service- und Logistikstrategie den Anteil der Dienstleistungen am Umsatz auf 30 % schrauben. Fast ein Viertel der Belegschaft von Heidelberger arbeitet inzwischen im globalen Servicenetzwerk des Unternehmens. Das Weltlogistikzentrum sitzt im baden-württembergischen Wiesloch, bald werden zwei weitere Logistikzentren in Asien hinzugekommen sein. Heidelberger investiert im Rahmen des Gesamtkonzeptes auch in die Vernetzung.

Maschinenbauer verdienen nur am Maschinenbauen – das war einmal. Längst macht die Werkzeugmaschinenbranche vor, dass der weltweite Service ein kräftiges Standbein sein kann. So kommt Trumpf in diesem Bereich auf rund 30 % Umsatzanteil. Ein Potenzial, das auch andere Unternehmen heben wollen, wie der Branchenprimus im Druckmaschinenbau, die Heidelberger Druckmaschinen AG.

„Beim Service hat Heidelberg mögliche Wachstumspotenziale noch lange nicht voll ausgeschöpft, da liegt noch viel Arbeit vor uns“, betont Bernhard Steinel, Senior Vice-President für Services. Heidelberg will mit intelligentem Service die Kunden produktiver machen und sich selbst ein weiteres umsatzträchtiges Standbein schaffen.

Steinel, von Hause aus Maschinenbauingenieur, kennt die Bedürfnisse seiner Kunden, der Drucker. Viele der Druckunternehmen sind fast rund um die Uhr produktiv, müssen dies sein, denn die Konkurrenz ist in der Regel hart und die Kundschaft selbstbewusst. Ein Maschinenstillstand in der laufenden Produktion eines Kunden ist kritisch und setzt deshalb bei Heidelberg eine global vernetzte Maschinerie in Gang, um die Störung möglichst schnell zu finden und zu beheben.

Bernhard Steinel ist als Servicechef bei Heidelberger Herr dieses Räderwerks, das das Dienstleistungsportfolio und die Servicelogistik im Unternehmen umfasst. Traditioneller Reparaturservice und Ersatzteile ist das, was man sich traditionell unter „Service“ vorstellt. Moderne Komponenten, die inzwischen dazugehören, sind zum Beispiel die präventive Wartung, Prozess- und Workflowoptimierung oder Mitarbeiterschulungen.

„Früher galt der Service als reiner Reparaturbetrieb“, sagt Steinel. „Tritt der Notfall ein, so bedeutet das für den Kunden einen Verlust an Produktivität und wir müssen sehr schnell reagieren. Besser ist es allemal, wenn man solche Notfälle vermeiden kann.“

Steinel muss deshalb bei seiner Arbeit teilweise Löcher durch die dicken Bretter alter Gewohnheiten bohren. Früher, so erklärt er, hatten die Heidelberg-Kunden die Erwartung, dass Serviceeinsätze prinzipiell in der Investition enthalten sind. Das war bequem, schlug sich aber auch in den Preisen nieder.

Heute heißt das Servicepaket, das Kunden in vielen Ländern beim Kauf einer Maschine in der Regel hinzuerwerben, „systemservice36plus“. Die Kunden erhalten damit in den ersten drei Jahren über die gesetzlichen Gewährleistungsfristen hinaus eine hohe Maschinenverfügbarkeit sowie eine sichere Kostenplanung. Bei Störungen sind Ersatzteile und Technikereinsatz inklusive, definierte Softwareupdates – heute bei Druckmaschinen ein wichtiger Punkt – und die Ferndiagnose ebenfalls. Im Bereich Druckvorstufe löst Heidelberg bereits vier Fünftel aller Serviceanfragen online.

„Guter Service kostet Geld, aber es lohnt sich dieses aufzubringen, denn Prävention ist besser als Feuerwehreinsätze“, betont Steinel. Mit umfangreichen, teilweise auch individuell zugeschnittenen Services, das machten Unternehmen in anderen Branchen vor, so Steinel, ließen sich Umsatzanteile von bis zu 30 % am Gesamtumsatz eines Unternehmens fahren – siehe Trumpf. Einer Studie von Mercer zufolge liegt der Umsatzanteil des Bereiches Service im Maschinenbau jedoch bei den meisten Unternehmen deutlich unter 20 %, so Steinel. Heidelberg, sagt er, will „deutlich über diese Marke kommen“.

Was moderner Service ist, zeigt das Business-Simulationssystem Bizmodell. Heideldruck mausert sich unter anderem damit vom Lieferanten zum Unternehmensberater für seine Kundschaft. Bizmodell nimmt die Auftrags- und Kostenstruktur des Kunden, seinen Maschinenpark und dessen spezifische Situation und simuliert auf dieser Basis verschiedene Möglichkeiten der Geschäftsoptimierung. So lassen sich z. B. Investitionsentscheidungen besser treffen, sagte Heidelberg.

Ohne das Internet und einen vernetzten Maschinenpark läuft kaum noch etwas im Druckgeschäft. „In der Anwendung der Ferndiagnose und Wartung sind wir neue Wege gegangen. Wir haben mit einer webbasierten Serviceplattform die Voraussetzung geschaffen, online nicht nur mit unseren Kunden, sondern auch deren Maschinen zu kommunizieren“, sagt Steinel. Ziel ist es, ungeplante Stillstandszeiten der Drucksysteme weiter zu verringern.

Als erste praxisnahe Anwendung nennt Steinel die Lichtquelle in der Bildkontrolleinheit Prinect Image Control von Bogenoffsetmaschinen. „Nach einer gewissen Zeit nimmt die Lichtdichte der Leuchtmittel ab. Mit Hilfe der Sensoren können wir die Lichtdichte der Lampe messen und das feststellen. Dann passieren zwei Dinge: Erstens wird die Lichtdichte automatisch nachgeregelt, zweitens sendet die Maschine eine ¿Please replace¿-E-Mail an den Service, damit nicht erst dann, wenn die Lichtquelle ganz ausfällt, das Ersatzteil da ist.“

Zentraler Ausgangspunkt der Servicelogistik bei Heideldruck ist Wiesloch. Dort steht das Zentrum des Servicelogistik-Netzwerkes – das Weltlogistikzentrum oder korrekt: Heidelberg World Logistics Center (WLC). Von hier, so verspricht Heideldruck seinen Kunden, treffen in der Regel die Ersatzteile innerhalb eines Tages in jeder Ecke der Welt ein.

„Das WLC sichert bei rund 1100 Lieferungen am Tag eine Teileverfügbarkeit von mehr als 95 % an 364 Tagen rund um die Uhr“, erklärt Andreas Doikas, Leiter der weltweiten Servicelogistik bei Heidelberg. Rund eine Stunde dauert es, bis nach Auftragseingang in Wiesloch die Ware am Warenausgang liegt. 130 000 von insgesamt 240 000 verwendeten Ersatzteilen sind im WLC ständig auf Vorrat.

Neben dem Wieslocher Logistikzentrum und dem „Hub“ in den USA, wie Steinel das American Logistics Center in Indianapolis nennt, investiert Heidelberg nun zusätzlich rund 3 Mio. € in den Aufbau weiterer Logistikzentren in Asien. Das Japanese Logistics Center in Tokio steht kurz vor der Eröffnung.

„Wir planen aber mittelfristig, auch für China noch einen Hub aufzubauen“, ergänzt Steinel. Nötig seien die beiden neuen Logistikstützpunkte, so Steinel, um die Kunden im Wachstumsmarkt Asien noch besser versorgen zu können. Logistikpartner in Asien wird DHL/Exel Supply Chain Solutions sein, das Logistikzentrum in den USA betreibt Schenker. STEPHAN W. EDER

Von Stephan W. Eder
Von Stephan W. Eder

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