Displays 05.11.1999, 17:23 Uhr

LCD-Hersteller richten sich auf neue Ergonomienorm ein

Den Produzenten von Flüssigkristallbildschirmen steht voraussichtlich im nächsten Jahr eine neue internationale Norm für die Ergonomie von LCDs ins Haus. Die TÜV Rheinland Product Safety testet zur Zeit die ersten Modelle – mit erhellenden Ergebnissen.

Die neue internationale Ergonomienorm 13406-2 für LCD ist für uns eine große Erleichterung“, betont Horst Strobender, Produktmanager Monitore bei Samsung Deutschland. „TFT-Monitore werden zunehmend als Ersatzgeräte für Kathodenstrahlgeräte (CRTs) im Geschäftsbereich eingesetzt. Doch bislang gab es keine LCD-spezifischen Ergonomiestandards – man wendete die für CRTs gültigen Kriterien auch auf TFT-Displays an, und das geht nur bedingt.“ Dieser Usus hätte, so Strobender, zur Angabe technischer Daten für LCDs geführt, die vielfach bislang nichts als „Hausnummern“ seien. Seit 1995 tüftelte die International Standardisierungs Organisation (ISO) in Genf deswegen an einer Ergänzung des Ergonomiestandards ISO 9241 (s. Kasten).
Seit diesem Sommer stehen nun die Inhalte für die ISO 13406-2 fest. Die TÜV Rheinland Product Safety (TRPS) hat jetzt nach diesem neuen Standard, der demnächst die ergonomischen Anforderungen an die Bildqualität von Flachbildschirmen definiert, in seinem neuen Labor in Köln erstmals einige LCDs unter die Lupe genommen.
Nach Angaben von Stephan Scheuer, Bildschirmspezialist bei der TRPS, ergeben sich durch den neuen Standard zwei wesentliche Schlüsselparameter für die Beurteilung der LCDs: „Bei den Flüssigkristallanzeigen ist die Gleichmäßigkeit von Leuchtdichte und Farben über die Blickrichtung ein besonders wichtiges Kriterium. Vor allem eine ungleichmäßige Leuchtdichteverteilung hat erhebliche Auswirkungen auf die Nutzung des Monitors. Deswegen ist die Angabe der optimalen Blickrichtung auf den Bildschirm auch in der Norm festgeschrieben und in der Praxis von großer Bedeutung.“ Die Leuchtdichten stehen hierbei als das Maß für die Helligkeit und die Farbkoordinaten für die Farbwiedergabe und den Farbeindruck.
„Ja genau, Sie machen das instinktiv richtig“, lobt Hans-Jürgen Herrmann, Scheuers Kollege bei der TRPS und für die Testdurchführung verantwortlich. „Sie sehen nämlich dann das Bild auf dem LCD am hellsten, wenn Sie etwas von oben schauen.“ Der Monitor des Herstellers Viewsonic hat einen optimalen Betrachtungswinkel von 10° aus der Waagerechten nach oben.
Herrmann demonstriert, welche Auswirkungen sich dadurch auf den Kontrast ergeben können. Unter Dunkelraumbedingungen ist deutlich erkennbar, dass der schwarzgeschaltete Viewsonic-Monitor nicht gleichmäßig „schwarz“ ist. Am oberen Bildschirmrand schimmert es hell. „Und jetzt sehen wir uns das Kontrastverhältnis beider Messungen an.“ Am besten ist der Kontrast, wenn man leicht von links oder rechts unten auf das Bild schaut – also nicht da, wo das Bild am hellsten ist. „Das hängt an der recht hellen Stelle am oberen Bildschirmrand, die beim dunkel geschalteten Monitor auftritt. Bei den geringen Helligkeiten reichen dann auch schon Leuchtdichteunterschiede von ein bis zwei Candela, um erhebliche Kontrastdifferenzen zu erzeugen.“
Als Schlussfolgerung ihrer ersten Messungen halten die TÜV-Spezialisten fest:
Die Darstellung des Dunkelraumkontrastes erscheint als Bewertungsgrundlage für die Festlegung der Blickrichtung für ein LCD nicht ausreichend. Die Blickrichtung sollte auch mit Hilfe des Verlaufs der Anzeigeleuchtdichte für den Ansteuerungszustand „weiß“ (in vertikaler Richtung) festgelegt werden. „Dieser Aspekt ist besonders für Anwendungen wichtig, bei denen Displays in vorgegebenen Systemen eingebaut sind und der Betrachter unter einem fixen Betrachtungswinkel die Anzeige betrachtet“, so Scheuer. Deshalb nehme der neue Standard auch mehr Rücksicht auf Anwendungen und Einsatzbereiche, indem er verschiedene Blickrichtungsklassen definiere. Je nachdem, ob ein einzelner Nutzer bei fester Augen- und Kopfposition (Klasse IV) oder mehrere Anwender aus verschiedenen Winkeln (Klasse I) die Anzeige betrachten.
Flachbildschirme mit hoher Leuchtdichtegleichmäßigkeit, also einer ausgewogenen Helligkeitsverteilung über den Betrachtungsbereich, zeigen ein flacheres und breiteres Plateau der Anzeigeleuchtdichte für den Ansteuerungszustand „weiß“.
Bei Flachbildschirmen mit einer geringeren Gleichmäßigkeit im Farbbereich kommt es zwischen verschiedenen Farben, etwa grün und blau, zu einer Überdeckung, wenn der Bildschirm unter einem bestimmten Blickwinkel betrachtet wird. „LCDs können Sie aus diesem Grund für Anwendungen, wo es auf Echtfarbdarstellung und hohe Farbunterscheidbarkeit ankommt, nur eingeschränkt einsetzen. Hier sind hochwertige CRT-Geräte immer noch unverzichtbar“, betont Stephan Scheuer.
Die Qualitäts-Anforderungen steigen mit größer werdender Bildschirmdiagonale bei vergleichsweise konstantem Sehabstand.
Die vom TÜV Rheinland getesteten LCD-Modelle, so betont Stephan Scheuer, sind im Großen und Ganzen in der Lage, die Anforderungen der Norm zu erfüllen. Neben der Leuchtdichteverteilung seien in der Praxis die Kontraste von hoher Bedeutung. Der mittlere Kontrast in beleuchteter Umgebung, etwa einer Büroumgebung, liegt deutlich über dem Mindestwert von 3 : 1, ermittelte die TRPS. Die typischen Werte liegen zwischen 40 : 1 und 90 : 1.
Auch bei den Reflexionsklassen schneiden die LCDs ordentlich ab. Sie verfügen in der Regel über die Reflexionsklasse I nach der neuen ISO 13406-2. „Für den Einsatz in einer Büroumgebung sollte der Bildschirm mindestens Klasse II einhalten“, so Scheuer. Sämtliche getesteten Geräte erfüllen auch die Anforderungen nach der Klasse I für die Darstellung mit negativer bzw. positiver Polarität. Sie haben somit eine gute und im Vergleich zu üblichen Bildschirmgeräten mit Kathodenstrahlröhre durchschnittlich bessere Entspiegelung.
Und Flimmern? „Das tritt zwar auch bei einer Wiederholfrequenz von 60 Hz praktisch nicht auf, aber trotzdem sollten Anwender der Flachbildschirme diese mit der vom Hersteller empfohlenen Bildwiederholfrequenz betreiben, um unerwünschte Modulationen auf der Anzeige ausschließen zu können“, so Hans-Jürgen Herrmann.
Als wesentlichen neuen Punkt definiert die neue Ergonomienorm eine Pixel-Fehlerklasse (s. Tabelle). „Das bringt eine deutliche Transparenz, die auf dem Markt bisher nicht gegeben war. Hier bekommen Einkäufer und Anwender endlich ein transparentes, nachvollziehbares Entscheidungskriterium“, erläutert Stephan Scheuer. „Ich kann mir schon vorstellen, dass die Hersteller in Zukunft die Displays in mehreren Pixel-Fehlerklassen anbieten werden, wobei dann über Garantie und Preis eine Regulierung erfolgen kann.“
Für die LCD-Produzenten ist die Pixel-Fehlerklasse ein Thema. „Der Hersteller muss sich damit verpflichten, dass in der Serienfertigung diese Fehlerklasse eingehalten wird“, so Armin Collong, Product Manager beim deutschen Eizo-Generalvertrieb Raab Karcher in Nettetal. Linie von Eizo wäre, nur LCDs der Pixelfehlerklasse II anzubieten, betont Collong. Eine Differenzierung von einzelnen Modellen nach den Pixelfehlern sei nicht sinnvoll. „Damit ist nicht zu rechnen, da man dann letztlich eine Güteklassensortierung einführen würde, denn der Preis von etwa 3000 DM für einen 15-Zoll-LCD ergibt sich durch das Tolerieren einer unterschiedlichen Zahl von Fehlern unterhalb eines Grenzwertes, der die Verwendung des Bildschirmes im Büro nicht einschränkt.“
Frank Thieme, Technical Manager für Displays bei NEC Europe, glaubt nicht, dass die vorgesehene Fehlerklasse I – keine Pixelfehler auf dem gesamten Display – für den Bürobereich relevant ist. Bei Büroanwendungen falle das eine oder andere defekte Pixel nicht auf. Er glaubt jedoch, ähnlich wie Scheuer, dass die verschiedenen Pixel-Fehlerklassen in den unterschiedlichen Marktsegmenten spezifisch eingesetzt werden. Er konnte sich dafür jedoch nicht vorstellen, dass es von ein und demselben Monitormodell zwei verschiedene Pixel-Fehlerklassen gibt, die sich preislich unterscheiden. „Wenn, dann macht man das durch verschiedene Monitortypen“, erläutert er. LCDs mit der PixelFehlerklasse I hält er für nicht verkaufbar. „Wir würden für diese Produkte einen Preis nehmen müssen, den niemand bereit wäre zu zahlen.“
Unternehmen wie Nokia oder Eizo kündigen auch schon an, dass sie beabsichtigen, sämtliche ab nächstem Jahr, bei Samsung ab der CeBIT, erscheinenden neuen LCD-Monitore konform zur neuen ISO 13406-2 auf den Markt zu bringen. Anders dagegen stellt sich die Lage aus Sicht von Gisbert Lemke, Koordinator für die Zertifizierung von Monitoren beim europäischen Marktführer Maxdata, dar. Er sieht in der momentanen Situationen – die Ergonomienorm ISO 13406-2 ist bisher nicht verabschiedet – noch keinen Handlungsbedarf dafür, Belinea-Monitore schon zu Beginn des kommenden Jahres konform zu dem geplanten Standard auf dem deutschen Markt anzubieten. „Unsere LCDs erfüllen alle ergonomischen Anforderungen. Die entsprechenden Prüfungen werden von einem externen Dienstleister durchgeführt. Die Normentwürfe, und alles was an Standards sonst geplant wird, wird besonders hier in Deutschland vom Gesetzgeber sehr sauber kommuniziert.“
Horst Strobender hält den Übergang der noch nicht endgültig verabschiedeten ISO 13406-2 zu einer endgültigen Norm für eine reine Formsache. Und er glaubt: „Viele Hersteller werden umdenken müssen. Die Ergonomienorm ISO 13406-2 ist für uns hier in Deutschland ein ganz eklatantes Vertriebsargument. Sie wird sich hier in Deutschland durchsetzen, und das auch sehr rasch“, ist er sich sicher. STEPHAN W. EDER
Gute Sicht aus allen Lagen? Die neue LCD-Ergonomienorm ISO 13406-2 soll es künftig an den Tag bringen. Foto: Acer
Leuchtdichteverteilung und Kontrast bestimmen bei LCDs die optimale Blickrichtung. Dieser Monitor ist im Zustand „schwarz“ nicht gleichmäßig dunkel (linkes Bild, Maximum oberer Bildrand). Die optimale Blickrichtung liegt bei ca. 10° von oben (mittleres Foto). Es ergibt sich ein optimaler Bildkontrast für die Betrachtung von leicht links/rechts unten (rechtes Bild). Foto (2): TRPS
„Eine ungleichmäßige Verteilung der Leuchtdichte hat erhebliche Auswirkung auf die LCD-Nutzung“, so TRPS-Experte Stephan Scheuer.

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Produktmanagement

PASS GmbH & Co. KG-Firmenlogo
PASS GmbH & Co. KG Verfahrensingenieur (m/w/d) in der Produktentwicklung Schwelm
motan holding gmbh-Firmenlogo
motan holding gmbh Senior Product Manager (m/w/d) Konstanz
Viessmann Group-Firmenlogo
Viessmann Group Product Owner (m/w/d) Electrical Warm Water Allendorf (Eder)
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Product Manager Brake Control (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
ifm efector gmbh-Firmenlogo
ifm efector gmbh Elektroingenieur als Assistent Produktmanagement Positionssensorik (m/w/d) Essen
Minimax GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Minimax GmbH & Co. KG Product Launch Manager (m/w/d) Bad Oldesloe
Total Deutschland GmbH-Firmenlogo
Total Deutschland GmbH Leiter (m/w/d) Produkttechnik & Rangemanagement Berlin
Diehl Defence GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Diehl Defence GmbH & Co. KG Trainee (m/w/d) für das Technische Traineeprogramm Entwicklung | Produktion | Produktmanagement deutschlandweit
fischerwerke GmbH & Co. KG-Firmenlogo
fischerwerke GmbH & Co. KG Leiter Projekttechnik & Segmente (m/w/d) Waldachtal-Tumlingen
XTRONIC GmbH-Firmenlogo
XTRONIC GmbH Requirements Engineer Bereich Kombiinstrumente (m/w/d) Böblingen

Alle Produktmanagement Jobs

Top 5 Produkte

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.