IT-Infrastruktur 20.08.1999, 17:22 Uhr

Kupferkabel wird endlich versilbert

Ab heute tritt der Verkauf des TV-Kabels der Telekom in seine erste Phase. Interessenten – von Deutsche Bank bis Microsoft – haben ihre Angebote für regionale Teilstücke abgegeben. Doch es ist noch ein weiter Weg, bis das heutige Fernsehnetz multimediafähig und damit profitabel wird.

Groß dürfte heute das Gedränge vor der Pförtnerloge der Telekom nicht mehr gewesen sein. Am 20. August um 12.00 Uhr verstrich der Abgabetermin für Kaufangebote des Kabelnetzes. Die Frist war verlängert worden, „um auch jenen die Abgabe eines qualifizierten Angebotes zu ermöglichen, die sich erst spät dazu entschlossen haben“, so Wilfried Seibel von der Pressestelle der Deutschen Telekom. Dabei hatten die Kaufinteressierten seit Ende Juni Zeit, sich mit den Expertisen zu beschäftigen.
Man darf gespannt sein, wieviel ernsthafte Interessenten es gibt. Schließlich ist der Knoten im Kabel noch immer nicht gelöst. Vor 20 Jahren begonnene milliardenschwere Investitionen werden nur als ein einfaches Verteilnetz für Fernsehen und Hörfunk genutzt, das von einem modernen interaktiven Multimedianetz noch Lichtjahre entfernt scheint. Die Telekom muß sich von ihrem Kabelnetz trennen, die Europäische Kommission in Brüssel möchte das so.
Und da die Telekom ihr derzeitiges Geldgrab gerne in eine Goldgrube verwandeln will, wird hoch gepokert. Mit am Tisch sitzen Deutsche Bank, Bertelsmann und Microsoft. Alle haben ihre Kriegskassen gut gefüllt, doch nach Ansicht von Telekom-Chef Ron Sommer nicht gut genug. Die Telekom rechnet simpel. Etwa 17,8 Mio. Haushalte sind ans Kabel angeschlossen. Multipliziert mit einem Tausender, den jeder derzeitige Anschluß wert sein könnte sowie etwas Aufschlag, ist man bei 20 Mrd. DM. Ein ordentlicher Kaufmann kalkuliert mit einem Gewinn von 30 % nebst 16 % Mehrwertsteuer – und schon sind die 30 Mrd. DM erreicht.
Dabei wird vergessen, daß die Telekom nur zu etwa 5,5 Mio. Haushalten direkte Kundenbeziehungen hat. Die 90 Netzbetreiber, die in der Anga, dem Verband Privater Kabelnetzbetreiber, organisiert sind, haben in 8 Mio. Wohnungen ihre Anschlußdosen liegen. Beim Bundesverband Deutscher Wohnungsunternehmen sind es nochmal gut 4 Mio. Einheiten, die versorgt werden.
So recht weiß derzeit ohnehin niemand, was zum Verkauf steht. Die Telekom redet vom Breitband-Kabel(BK)-Netz, meint damit aber nur das Kupferkoaxialnetz. Mit dem allerdings kommt man nicht weit. So müßte nämlich auch noch das Glasfaser-Overlaynetz mitverkauft werden, das gewissermaßen die Kapazitätsreserven erschließt, mit denen zusätzliche Dienste und ein breitbandigerer Kapazitätsausbau bis 862 MHz erst möglich werden. Dieses Netz ist bereits größtenteils vorhanden, doch davon möchte sich die Telekom nicht trennen, offeriert bestenfalls Mietmöglichkeiten.
Die Strategen lassen sich Zeit. Zu viel Zeit, wie auch Ursula Adelt, Geschäftsführerin des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation, findet: „Seit acht Jahren fordern wir den Ausbau der Netze, doch die Telekom zögert ihn immer wieder hinaus.“
Doch der Druck wird größer. Um nämlich aus dem Kabel wirklich eine Goldgrube zu machen, muß es auch zu mehr nutzbar sein als nur für Hörfunk und Fernsehen. Schließlich wäre das BK-Netz auch noch fürs Internet und zum Telefonieren gut, wenn man es nur ließe und entsprechend weiterentwickeln würde. Die Deutsche Bank will jetzt Dampf machen, damit endlich Bewegung in die Angelegenheit kommt.
„Ein ständig geöffneter Internet-Zugang zu einer akzeptablen Flat-Rate von monatlich 30 DM bis 50 DM wäre von immenser volkswirtschaftlicher Bedeutung“, argumentiert Dietrich Ulmer, Direktor Unternehmensstrategie von Viag Interkom. Was bei Unternehmen und Institutionen vielfach durch eine festgeschaltete 2–Mbit-Leitung möglich ist, könnte dann in jeder Wohnung und in jedem Büro selbstverständlich sein. Zudem ließe sich über das Kabelnetz auch telefonieren, wenn es dafür Kabelmodems gäbe, der Rückkanal ausgebaut und die Bandbreite erhöht wäre.
Das alles kostet Geld, viel Geld. Mit etwa 10 Mrd. DM rechnen interessierte Investoren. Geld, das eigentlich die Telekom schon hätte investieren sollen. So aber hinkt die Technik hinter den Möglichkeiten her. Wenn jetzt verkauft wird, ist der derzeitige Kabelzustand wohl das größte Hemmnis beim Verkauf, denn z. Zt. ist es für Multimedia-Anwendungen nicht geeignet.
Schon jetzt sollen sich 70 Kaufinteressenten gemeldet haben, unter ihnen Microsoft, Mannesmann, Bertelsmann und die Deutsche Bank. Ihre Beteiligungsgesellschaft DB Investor will in allen neun Regionalgesellschaften tätig werden, meistens über Konsortien. Die bayerische Bietergemeinschaft z. B. soll unter Leitung der HypoVereinsbank stehen, die mit einem Investitionsbedarf von 2 Mrd. DM – eine für den Kauf und die andere für den Ausbau – rechnet.
Doch die Telekom möchte sich aus dem Kabelgeschäft nicht ganz verabschieden. Sie will 25 % plus eine Stimme behalten, „damit aber keine Entscheidungsrechte auf die Geschäftsstrategie, die Investitionspolitik und die Ausbaustrategie der künftigen Regionalgesellschaften anstreben“, erklärt der zuständige Telekom-Vorstand Gerd Tenzer.
Im ersten Schritt geht es nur um Investoren, die mindestens 10 % der Anteile an Regionalgesellschaften erwerben wollen – oder können. Daran soll sich eine zweite Stufe anschließen, wozu die Telekom 20 % für mittelständische Betriebe geparkt hat. Alle Interessenten, darunter auch viele der Anga-Unternehmen, wollen entweder das gesamte Kabelnetz oder Teile an den neun Regionalgesellschaften erwerben: Bayern, Berlin-Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hessen, Schleswig-Holstein gemeinsam mit Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, Bremen mit Niedersachsen, Rheinland-Pfalz mit dem Saarland sowie Sachsen zusammen mit Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Die zum 1. Januar 1999 gegründete Kabel Deutschland GmbH KDG soll die Dachgesellschaft dieser zu gründenden Regionalgesellschaften werden. Unklar ist noch die Funktion der seit dem 1. April operierenden zentralen MediaServices GmbH, München. Die soll neue Dienste für Breitbandkabel und Digital-TV entwickeln und anbieten, eine Funktion, die wiederum die künftigen Netzbetreiber lieber selbst wahrnehmen würden. Doch die müßten dann in Verträge eintreten, die vorher weitestgehend unbekannt sind. „Der Erwerb des Kabelnetzes muß bezahlbar bleiben und den Käufern, also auch unseren Mitgliedern, Spielraum für die Ausbauinvestitionen lassen“, fordert Anga-Geschäftsführerin Claudia Faßbender.
Interessant wird nun sein, welche geprüften Kaufinteressenten die Investmentbank NM Rothschild & Sons in London schließlich der Telekom weitermeldet. Die wird dann „mit einer limitierten Anzahl von Bietern den Verkaufsprozeß fortsetzen“, heißt es. Erst vor drei Monaten hat DB Investor für 1,45 Mrd. DM den Konzernen Veba und RWE die TV-Kabelnetztochter Telecolumbus abgekauft – die 1,6 Mio. Kunden versorgt. Man darf gespannt sein, wann und wie dort das Multimedia-Zeitalter eingeläutet wird. RAINER BÜCKEN
Um aus dem Kabel eine Goldgrube zu machen, muß es aufgerüstet werden. Erst dann können Haushalte über diesen Weg auch Telefon- und Multimediadienste nutzen.

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