IT-Infrastruktur 18.02.2000, 17:24 Uhr

Internet-PC für alle Ford-Mitarbeiter

Computer-Fitness und Firmenbindung.

Die Ford Motor Company gilt als fundamentaler Innovator, als Symbolträger der frühen Massenproduktion industrieller Güter. Vor knapp 90 Jahren führte Ford die Zeit und Kosten sparende Fließbandmontage ein – zusammen mit der tayloristischen Umwertung und Öffnung des bis dato handwerklich dominierten Produktionsprozesses. Gleichzeitig erhöhte Henry Ford I, damals äußerst kontrovers, das Lohnniveau seiner Arbeiter – als breite Absatzbasis für seine ersten Automobile.
Es scheint so, als wollte sich Ford im Zeichen des elektronisch vernetzten Kommerzes und der flachen, virtuellen Firmenorganisationen wieder einmal als Innovator an die Spitze setzen und ein neues Kapitel der Industriegeschichte eröffnen. Damals wie heute geht es um Effizienz und Qualität. Zugleich aber um die Prozess-optimierte Weiterbildung, Motivation und Kompensation des Humankapitals.
Da zählen auch immaterielle „Benefits“. Anders kann man die Pressemeldung vom 3. Februar nicht interpretieren: Ford will neben seinen 100 000 „White-Collar“- Angestellten nun auch die Frontline-Worker vor Ort in den Informationsfluss seiner firmenweiten Intranets einbeziehen. Das geht, anders als bei den Wissensarbeitern am PC im Büro, natürlich nicht unter dem strikten Takt der laufenden Bänder. Sondern erst abends, am heimischen „People PC“. Dessen Startbildschirm kommt vom Service-Provider Ford. Mit aktuellen E-mails, Infos und Events – vom Arbeitgeber Ford.
Doch nicht nur freundliche Grüße von Vorgesetzten und Kollegen kommen so ins Haus. Sondern auch offizielle Firmenmitteilungen, Rundschreiben, Memos, Arbeitspläne, Termine. Bislang werden solche internen Angelegenheiten „Face-to-Face“ oder auf dem Papier kommuniziert. Da könnte es bald zum guten Ton gehören, jeden Morgen die neueste E-mail vom Boss zu checken, ehe man sich auf den Weg zur Arbeit macht.
Auch der immer wichtigere Komplex der betrieblichen Aus- und Weiterbildung – über neue Produkt-Releases und Materialien, deren Spezifikationen und Verarbeitung, Termine und Probleme – könnte sich bald auf den heimischen Bildschirm verlagern. Das Gleiche gilt für Anfragen an die Firmenleitung, betriebliche Leistungen, Krankheitsfälle, Arbeitskonflikte. Da verspricht die virtuelle Einbindung aller Mitarbeiter erhebliche Kosteneinsparungen: durch automatisierte Menüführung am Heim-PC.
Im Verkehr mit Kunden, Lieferanten und Behörden ist das längst der Fall. Irgendwann könnte das aber auch, meint Harley Shaiken, Soziologieprofessor an der University of California, ganz neue, kaum erforschte, pragmatische „Links“ zwischen den Firmenangehörigen etablieren: „Die selbe Technologie, die den Kauf eines Ford Explorer im Internet erlaubt, ermöglicht es auch, Demonstrationen zu organisieren.“ Die Frage ist also, sagt Shaiken, wie freizügig die Verwendung des firmen-subventionierten Heim-PC gestaltet wird. Zumindest der Vorreiter Ford will nach eigenem Bekunden zu Hause, am „People PC“, anders als im Büro, keine inhaltlichen Limits setzen. Freier, unkontrollierter Info-Fluss über das heimische Modem, herein und hinaus. Porno, Politik und Videogames, am Feierabend erlaubt, gewollt?
Von den im Autobau kampfstarken US-Gewerkschaften wird die People-PC-Initiative bei Ford ausdrücklich begrüßt und gefördert. Bei der UAW (United Auto Workers) gilt die Weiterbildung zu computerkundigen Mitarbeitern klar als geldwerte Leistung und Beschäftigungssicherung. Zum Anderen könnte die Vernetzung Aller mit Allen sogar zu zeitgemäßen Organisationsformen führen und die verkrusteten Gewerkschaftsstrukturen vergangener Industrie-Epochen interaktiv überwinden. Im letzten Sommer war das Projekt bei Ford Bestandteil der Tarifverhandlungen mit der UAW. Die erfolgreiche Vernetzung der Mitarbeiter steht und fällt natürlich mit der Logistik der Anlieferung, Aufstellung, Installation und Wartung von Hunderttausenden von PCs. Und mit der geduldigen Anleitung und Unterstützung ebenso vieler neuer Nutzer.
Wenn das nicht klappt, wird das leicht zum Führungs- und PR-Disaster.
Gerade ist nämlich die erste Welle der kostenlosen Internet-PCs für Consumer sang- und klanglos verebbt. Am vergangenen Montag blieben bei den Abonnenten des Web-Service „FreePC“ die Schirme dunkel: „No connection to provider“. Ein Jahr nach dem Start konnte FreePC die Finanzierung ihrer freien PCs durch Banner-Ads und gesponserte Links nicht mehr aufbringen. Sie wurde an den Billig-Anbieter eMachines in San Francisco verkauft. Der will irgendwann mit einfachen Web-Appliances zurück auf den Markt. Die 25 000 FreePC-Abonnenten dürfen ihre Box behalten. Nur einen eigenen Internet-Service-Provider müssen sie sich jetzt suchen. Trotzdem versucht es die im September 1999 gegründete Firma PeoplePC nochmals mit dem Service-Modell – sogar mit „richtigen“ PCs der aktuellen Technologie: Intel 500 MHz Celeron, 64 Megabyte Ram, 4,36 Gigabyte Festplatte, CD-Rom, 15-Zoll-Monitor, schnelles Modem und Tintenstrahl-Farbdrucker. Preisklasse: zwischen 800 und 1600 Dollar. Einschließlich Internet-Zugang von PeopePC für 25 Dollar Monatsgebühr zu haben.Der Unterschied zu FreePC: Hinter PeoplePC steht Softbank als starker Venturefonds. Der hat bereits Yahoo! und ETrade erfolgreich an den Start geschoben. Bei solcher Rückendeckung hat PeoplePC (mit ganzen 50 Mitarbeitern) hochkarätige Technologie-Partner: Hewlett Packard und Toshiba als PC- und Druckerlieferanten und MCI WorldCom (Uunet) für die Infrastruktur. Neben Ford besteht ein ähnlicher Deal für die 72 000 Mitarbeiter der US-Fluggesellschaft Delta Airlines. Die werden ab Juli für 12 Dollar Monatsgebühr vernetzt.
Für PeoplePC ist der Vertrag mit Ford, bei vorerst dreijähriger Laufzeit, ein Anfang. Für Hewlett Packard ist es ein netter Auftrag über 300 000 PCs (bei fast 7 Mio. Stück Jahresfertigung). Für Ford bedeutet das Projekt eine Investition von 150 Mio. Dollar in die Zukunft der Arbeit. WERNER SCHULZ
William Clay Ford jr., Chairman von Ford, und der Chef des Autokonzerns Jaques Nasser mit Analystin Toary Taylor bei der Vorstellung des von HP gelieferten People-PC.

Von Werner Schulz
Von Werner Schulz

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