Displays 23.04.2004, 18:30 Uhr

Hoffen auf die Slim-Röhre

VDI nachrichten, Tschernitz, 23. 4. 04 -Samsung Corning Deutschland produziert in Tschernitz Bildschirme und Konen. Als Zulieferer für Bildschirmröhren- Werke trotzt das Unternehmen nahe der polnischen Grenze auch der Konkurrenz von LCD- und Plasmabildschirmen. Die Hoffnungen von Koreanern wie Brandenburgern ruhen hier auf neuen, ganz besonders flachen Röhren.

Glutrot ploppt ein meterlanger Glastropfen direkt aus der 1600 °C heißen Schmelz-wanne in die Form. Ein Stempel presst die zähe Masse auf ein 21-Zoll-Fernsehglas. Diesen „Plopp“ hört niemand. In der Halle stampfen, zischen und rattern die Maschinen. Einarmige klobige Roboter transportieren die zerbrechlichen Produkte zum Kühlen, Einschmelzen von Stiften, Schleifen, Polieren und Waschen.
„Wärme, Nässe und die Schleifmittel setzen der Technik zu“, weiß der Maschinenbauingenieur Jens Peschke. Die hauseigene Abteilung Mechanische Instandhaltung entwickelte ein ausgefeiltes Konzept, um bei den Anlagen, die zu 80 % aus Korea stammen, eine fast 100 %ige Maschinenverfügbarkeit zu gewährleisten.
Unter anderem verfolgen Temperatursensoren den laufenden Betrieb, um auch kleinste Abweichungen schnellstmöglich dem System zu melden. Stolz kommentiert Torsten Schroeter: „Da hat Korea schon gestaunt.“ Der Maschinenbauer überwacht im schalldicht abgeschlossenen Computerraum die Instandhaltung und Fehlermeldungen.
Nur drei Schritte weiter ist es mit der Ruhe vorbei. „Lärm und Hitze muss man hier in Kauf nehmen“, brüllt der 60-jährige Klaus-Dieter Gensicke. Bei einer Umgebungstemperatur von 90 °C überwachen wenige Kontrolleure die Produktion, die in Acht-Stunden-Schichten rund um die Uhr läuft.
Der Facharbeiter für automatische Glasverarbeitung weiß, wovon er spricht. Er hat 1963 im Fernsehwerk Friedrichshain als Auszubildender angefangen. Seither ist viel passiert. Gensicke hat 1981 Produktionslinien mit japanischer Technik aufgebaut und wieder abgerissen. Seit 1994 entstanden am heutigen Standort unter seiner Leitung die koreanischen Produktionslinien mit Pressen, Kühl-, Wasch- und Schleifanlagen der Fernsehgläser. Zum zehnjährigen Jubiläum ist gerade die Bildschirmlinie DE 12 für die Produktion von Großglas bis 32 Zoll angelaufen.
Rund 15 Mio. € investierten die Koreaner allein in den letzten Monaten, um mit der Konkurrenz Schritt halten zu können. „Wir stehen in zweierlei Hinsicht unter Druck“, sagt Volker Henzel, Vizepräsident bei Samsung Corning Deutschland. Zum einen gibt es die großen Mitbewerber in Europa, die das gleiche Produkt herstellen. Nicht wenige produzieren in den grenznahen Niedriglohnländern. Um den Standort sorgt sich Henzel dennoch nicht. Dafür hätten die Koreaner hier „zu viel reingesteckt“. Rund 300 Mio. € wurden insgesamt bis heute investiert.
Zum anderen sind die Flachbildschirme zunehmend auf dem Vormarsch. Trotzdem ist der ranghöchste deutsche Manager im Werk nach Präsident Kong Sun Lee zuversichtlich, dass der weltweite Verkauf sich kontinuierlich weiterentwickeln wird.
In erster Linie setzt der Maschinenbauingenieur dabei auf die Slim-Röhre, die Samsung in 2005 auf den Markt bringen will. Henzel: „Die neuen Fernseher wären dann kaum mehr als doppelt so tief wie die heutigen LCDs.“
„Preislich schlagen wir ohnehin alles. Dazu verbraucht die Röhre weniger Strom, hat eine höhere Farbbrillanz und eine längere Lebensdauer.“ Außerdem sei sie robuster als LCD und Plasma, ist sich Henzel sicher. Kämpfen müssen die Tschernitzer Glasexperten dabei – wie andere auch – gegen die Flachbild-Konkurrenz im eigenen Haus. Bei den Computermonitoren ist der Kampf bereits entschieden. Weltweit stehen die Flachen auf den Schreibtischen.
Zurzeit verlassen 16 Mio. Bildschirme und Konen jährlich das Werk, hergestellt von 454 Mitarbeitern. Außer dem Präsidenten arbeiten heute nur noch 15 Koreaner in Tschernitz. Diese Entwicklung ist neu. Präsident Kong Sun Lee setzt auf stärkere Öffnung nach außen. Noch vor zwei Jahren gab es ein komplett koreanisches Management und einen höheren Anteil koreanischer Mitarbeiter unter den Beschäftigten.
Geblieben ist von der asiatischen Unternehmenskultur die einheitliche Firmenuniform. Ob Pförtner oder Pressesprecherin, Facharbeiter oder Präsident, das hell-dunkelblaue Samsung- Jäckchen ist der Dress-Code. Geblieben ist auch das tägliche koreanische Gericht in der Kantine.
Groß plakatierte Parolen fordern nicht nur in den Hallen „Gemeinsam Handeln und Teamgeist entwickeln“. Der Besucher wird schon an der Werks-halle mit dem großflächig angebrachten Hinweis empfangen „¿excellent work, safety, perfect cleanliness in the factory“.
Nüchtern wirkt der komplette Verwaltungstrakt. Doch wer die Tür zum Präsidentenbüro öffnet, steht vor einem großen Aquarium. Unübersehbar prunkt die tiefrote samtene Samsung-Fahne mit ihren glänzend goldenen Quasten und Fransen vor der Cheftür. Sie fehlt bei keiner Betriebsfeier.
Auf diesen gemeinsamen Festen ist auch der 35-jährige Dae Woo Kim dabei. Er kam vor zwei Jahren aus dem Samsung Hauptwerk im südkoreanischen Gumi nach Tschernitz. Seither wohnt der Ingenieur mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Cottbus.
Viele andere Südkoreaner wohnen allerdings im 160 km entfernten Berlin. „Gerade, wenn sie aus Seoul kommen, brauchen die den Trubel“, weiß Pressebetreuerin Marina Röwer. Und den scheint auch Dae Woo Kim zu vermissen. Vor allem das „Shopping“ in der knappen Freizeit. Kim untersteht wie seine 14 Kollegen dem Headquarter und hat einen koreanischen Arbeitsvertrag: eine Sechs-Tage-Woche mit einem Acht- bis Zehn-Stunden-Tag und einer Woche Jahresurlaub.
Kim pendelt täglich von Cottbus zu Samsung. Das Unternehmen liegt außerhalb des kleinen Neiße-Örtchens Tschernitz. „Eine reiche Gemeinde“, weiß der Vizepräsident. Der größte Arbeitgeber am Ort sorgt für gefüllte Kassen. Nicht nur die Samsung-Steuern helfen dem Bürgermeister. Vor allem, so Henzel, „weil viele Leute Arbeit haben“.
Einmal jährlich zum „Family Day“ sind alle Tschernitzer eingeladen in das Werk auf der grünen Wiese vor den Toren der Stadt. Im Jahr 2002 wurde den Tschernitzern ein ganz besonderes Schauspiel geboten: Rot glühend ergoss sich das flüssige Glas in einem hohen Bogen in den Hof. Die 100 m lange Schmelzwanne musste ausgetauscht werden. Der Glasregenbogen war für die meisten Schaulustigen vermutlich das einzige Zeichen, dass hinter den Werksmauern die 200-jährige Tradition der Lausitzer Glasproduktion noch lebt. B. BÖHRET/N. WOHLLAIB

 

  • Birgit Böhret

  • Nikola Wohllaib

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