Messen 09.06.2000, 17:25 Uhr

Grasnager unterm Fernseher

Der Themenpark unter dem Motto „Mensch Natur Technik“ gilt als Herzstück der Expo 2000. Doch seine hohen intellektuellen Ansprüche bleiben unerfüllt.

Mit raumgreifenden Bewegungen drängt sich die kräftige Blondine, Typ Sabrina, in die Schlange. „Hey, ich bin Bibi, ich nehme mal Ihren Platz ein, dann können Sie sich ein bisschen ausruhen.“ Der Familienvater mit dem Rucksack lächelt gequält. Animationstheater, wie furchtbar. Bibi lässt sich nicht beirren, jetzt ist seine Frau dran. „Wow, Sie haben aber einen tollen Haarschnitt! Da ist ja gar kein Spliss! Gucken Sie mal meine Haare.“ Und schon hat die Mittvierzigerin Bibis Locken vor der Nase. Das Gespräch unter Frauen kann beginnen.
Bibi ist Akteurin bei „Rent a friend“, der „Extremkommunikationsdienstleistung m.h.H.“, und sie tut ihr Bestes, um dem Publikum, das auf den Eintritt in den „Planet of Visions“ wartet, die Zeit zu vertreiben. Man hat es alles schon mal gesehen, und ist doch dankbar für die kleine Abwechselung, denn eine Viertelstunde später ist“s vorbei mit dem Zauber, dann heißt es nur noch Slalom-Schieben in Halle 9 des Messegeländes. Wer will, kann sich die Sprüche ansehen, die auf die Wand projiziert werden, oder den Worten aus dem Lautsprecher lauschen, die die Welt von morgen beschreiben.
„Dafür haben wir gewartet?“ Die elegant gekleidete Dame kann ihre Entrüstung kaum verbergen, als sie schließlich das Eingangstor zum „Planet of Visions“ in Form eines aufgeklappten Buchs passiert hat und in dem düsteren Entree steht. Kulissenarchitektur, so billig und so protzig wie in Las Vegas empfängt die Besucher, die gierig ausschwärmen, und ins „Paradies“ strömen, der ersten Station der Schau, in der Vergangenheit und Zukunft, Visionen und Konzepte thematisiert sind. Eine andere Besucherin kann ihre Begeisterung kaum zügeln. „Guck, mal, die Giraffe, da unten, sie spiegelt sich. Ist es nicht toll?“ Ihr Sohn wendet sich ab, ist doch völlig uncool, sagt sein Rücken, diese naturalistische Installation, in der Decke und Fußboden sich gegenseitig spiegeln. Den Teenager drängt“s weiter, vorbei an dem monumentalen Panorama, das vor allem an Gotham erinnert, aber keinen Batman zu bieten hat, hin zu den Monitoren, die sich in der Ecke klumpen. Hier dürfen die Besucher eine Nachricht für die Zukunft hinterlassen. „Darf ich mal?“ Der Jugendliche schiebt eine Frau beiseite, die noch zögert, welche Botschaft sie loswerden will. Eifrig beugt er sich über die Tastatur und beginnt zu tippen: „Viele Grüße von Sven.“ Ach.
Ob Sven seine Botschaft noch an anderen Stellen hinterlassen hat, ist nicht bekannt. Gelegenheit genug hätte er auf jeden Fall gehabt. Denn die Expo 2000 ist in erster Linie eine Ausstellung von Monitoren. Ob im „Planet of Visions“, in den Hallen des Themenparks oder im Deutschen Pavillons, überall raunt“s und wispert“s, es rauscht, dröhnt und flimmert aus den Kisten, die an Decken montiert wurden, an Wände und Fußböden, die in Käfige verbannt wurden oder als Blüten von stählernen Baumkonstruktionen baumeln. Im Jargon der Ausstellungsmacher ist von Pre-Show, Main-Show und Post-Show die Rede. Multimedia, allüberall. „Nein, danke“, japst irgendwann eine Besucherin und dreht sich auf dem Absatz um, „ich hab heute schon genug Filme gesehen.“
„Was heute als Science Fiction beginnt, wird man morgen vielleicht als Reportage zu Ende schreiben müssen.“ Dieses Zitat von Norman Mailer, zu sehen im „Planet of Visions“, hätte ein schönes Motto für die Weltausstellung werden können. Immerhin erhebt sie den ehrgeizigen Anspruch, zu den drängenden Fragen der Zukunft Stellung zu beziehen. Deshalb hat diese Expo auch zum ersten Mal einen Themenpark eingerichtet, in dem unter dem Motto „Mensch Natur Technik“ Fragen des Wissens, der Ernährung und Gesundheit, der Mobilität, der Zukunft der Arbeit, der Energie abgehandelt werden.
Man hat Wissenschaftler um Rat gefragt und Szenografen zur Inszenierung engagiert. Ziel der elf Einzelausstellungen ist es, abstrakte Thesen so darzustellen, dass sie auch einem Massenpublikum verständlich werden. Die Ergebnisse sind Slogans, die zum Standardrepertoire jeder Unternehmerrunde zählen. „Durch das Internet wird die Welt zum globalen Dorf.“ „Gesundheit kommt nicht von ungefähr.“ „Neue Werkstoffe ermöglichen neue Lebensqualität“. Das sagt eine männliche Stimme, während sich ein nylonbestrumpftes Frauenbein ins Bild schiebt.
Auch der Vorwurf, dass letztlich platte Industriewerbung betrieben wird, lässt sich nicht von der Hand weisen. Wenn Novartis etwa seinen gentechnisch veränderten „Golden Rice“ als Wundermittel gegen den Vitamin A-Mangel der Menschen in den Entwicklungsländern präsentiert, dann ist der Diskussion um mögliche Risiken der Gentechnik ein Riegel vorgeschoben. Und wer den in der Tat imposanten 80 m langen Traffic Boulevard entlang geschlendert ist und die gigantische Filmprojektion zu beiden Seiten goutiert hat, wird beim Hinausgehen mit Produkten von BMW und MAN, konfrontiert. Keine Sorge, wir haben die Lösungen für den Verkehr der Zukunft, heißt die Botschaft. Beide Unternehmen sind Partner, also auch Geldgeber im Themenpark, und sie hätten das auch dezenter dokumentieren können.
„Die Präsenz im Themenpark wird die Technikakzeptanz auch bei kritischen Zielgruppen entscheidend erhöhen“, schrieb die Expo-Gesellschaft 1997 in einer Broschüre, mit der sie um Beteiligung der Industrie warb. Denn „mit phantasievoll gestalteten Erlebniswelten bietet sich hier die Gelegenheit, Denkhaltungen und Wertvorstellungen deutlich zu machen und damit Images und Einstellungen nachhaltig zu verändern.“ Danke, die Botschaft ist angekommen.
Gleichwohl schlägt die Phantasie der Ausstellungsmacher manchmal auch seltsame Kapriolen. Warum nur wurden die Monitore, auf denen Wissenschaftlerinnen aus aller Welt Statements zu der Frage abgeben, ob der Mensch eine Seele hat, hinter Gitter verbannt? Ist die Aussage, dass die Seele mit der fortschreitenden Entschlüsselung durch die Biochemie verschwindet, wirklich so gefährlich? Und welche ironische Berechnung soll die Ausstellung der Grasnager andeuten? Diese aussterbende Spezies von Nagetieren gilt in Benin als Delikatesse, weshalb sich viele Frauen mit der Aufzucht dieser Tiere ein Zubrot verdienen. Im Themenpark der Expo leben die Nager in einem Glaskasten, der die bürgerliche Wohnung eines Industrielandes imitiert. „Wo sind denn die Tiere?“, will ein kleiner Junge von seinem Vater wissen. Unterm Fernseher.
Gemessen an den hohen intellektuellen Ansprüchen des Themenparks, ist das Konzept des Deutschen Pavillons fast eine Wohltat, wenngleich auch hier auf platte Unternehmenswerbung nicht verzichtet wurde. In kleinen Ausbuchtungen am Rande der Post-Show lässt es sich die Industrie nicht nehmen, die Wahrheiten des Arbeitsalltags wiederzukäuen. Vom lebenslangen Lernen, von Globalisierung und Internet ist auch da die Rede.
Zuerst allerdings geht“s in die unvermeidliche Pre-Show, die „Ideenwerkstatt Deutschland“. 47 überdimensionale Büsten laden ein zum heiteren Persönlichkeitsraten. Schon in diesem immer noch hellen Vorraum wird klar, dass von der lichten Architektur Josef Wunds wenig übrig geblieben ist. Der Glaspalast ist vorne vollgestellt und hinten abgedunkelt.
In der Mitte, während der Main-Show, läuft ein kurzweiliger Film in bester Reklameästhetik. Auf sechs Brücken, die quer durch den Raum gespannt sind, können die Besucher das Geschehen auf den sechs Leinwänden verfolgen. Oben und unten, rechts und links, hinten und vorne gibt“s die Bilder von dem unbeschwerten Nachbarschaftsfest in einem Berliner Hinterhof (Gestalter Johannes Milla, Milla & Partner, Josef Kluger, KUK Filmproduktion).
Besonders stolz sind die Macher auf die technische Raffinesse, die hinter ihrem „720º – Erlebnisraum“ steht. „Wir mussten völlig neue Kamerapositionen, Kamerabewegungen und Übergänge finden“, so Regisseur Kluger, da harte Schnitte und klassische Schwenks in diesem Raum nicht angebracht schienen. Ergänzt wurde die aufwändige Filmtechnik durch digitalen Schnitt und Computeranimationen. Doch was nützt die schönste Technik, wenn das Ergebnis seltsam blass und schal bleibt?
„Die aufwändige Technik soll der Besucher gar nicht merken“, betonen Milla und Kluger, „wir wollen tief im Herzen berühren, dem internationalen Publikum einen faszinierenden Blick darauf zeigen, wo Deutschland steht, wohin es geht.“ Da tummeln sich Rocker in trauter Eintracht mit hilfsbedürftigen Greisinnen, da schmusen Männer mit Frauen und alle, alle haben sich lieb. „Deutschland mittendrin“. Hätten Sie“s erkannt? HC
Pause auf dem Liegesessel: In der Ausstellung „Zukunft Gesundheit“ können die Besucher an einem virtuellen See entspannen.
Mobiltelefonieren ist in den Hallen des Themenparks nicht gestattet. Impressionen vom Eröffnungstag der Expo 2000: Überdimensionale Gips-Köpfe in der Eingangshalle des Deutschen Pavillons, Menschen-Schlange vor dem Bertelsmann-Pavillon und Besucher im Themenpark.

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