Hardware 26.04.2002, 17:33 Uhr

Festplattenerfinder IBM gibt die Herstellung ab

In den letzten drei Jahren engagierte sich IBM wieder stärker am Speichermarkt. Nun sollen Geschäft und Herstellung von Festplatten in ein Joint Venture mit Hitachi einfließen.

Ziemlich groß war die Überraschung: Am 16. 4. verkündete IBM, man habe vor, das Festplattengeschäft in ein Joint Venture mit Hitachi einzubringen, in dem IBM mit 30 % nur eine Minderheit hält. Das neue Unternehmen soll alle betrieblichen Bereiche von der Forschung bis zum Vertrieb umfassen und in der Silicon-Valley-Metropole San Jose sitzen.
Sowohl Hitachi als auch IBM sollen bei der neuen Firma Festplatten einkaufen können. Gleichzeitig will IBM seine Forschungs- und Entwicklungskooperation mit den Japanern hinsichtlich der Systemprodukte ausweiten, In diesem Bereich konkurrieren zurzeit beide mit den Speicherschranksystemen Shark und Lightning. Hier bleiben aber beide Firmen weiterhin als Wettbewerber am Markt aktiv.
Pikanterweise hatte erst wenige Tage zuvor ein hochrangiges IBM-Team im rundrenovierten Total Storage Executive Briefing Center in Mainz der internationalen Presse verkündet, man befinde sich hinsichtlich der Speichertechnik rundherum im Aufwind. Sogar eine neue Virtualisierungssoftware, diesmal entwickelt von der Storage Systems Group, solle noch in diesem Monat angekündigt werden, verhieß Denise Buonaiuto, weltweit für die Vertriebskanäle der Storage Systems Group (SSG) zuständig. Von Storage Tank, der umfassenden Virtualisierungslösung des IBMs Softwarebereichs, ist keine Rede mehr.
Angesichts des IBM/Hitachi-Beschlusses erscheint die Betrachtungsweise des IBM-Managements auf der Mainzer Veranstaltung etwas zu optimistisch. Zumindesten bei den Festplatten läuft es scheinbar längst nicht mehr so, wie es sollte.
Wenig Begeisterung erzeugte die Ankündigung im Mainz, wo nach Aussage von Michael Kieß, Leiter der Wirtschaftspresse der IBM Deutschland GmbH, insgesamt 2000 Mitarbeiter in der dortigen Festplattenfertigung von dem Joint Venture betroffen sein könnten – 1500 Festangestellte und 500 Arbeitnehmer mit Zeitverträgen. Alles in allem arbeiten nach seinen Angaben in Mainz rund 3600 Menschen bei IBM. 1200 davon sind im Vertriebs- und Servicebereich bei der IBM Deutschland tätig. Klamm steht trotzdem die Frage im Raum, ob die Jobs in Gefahr sind.
Bis das geklärt ist, wird es dauern: Wichtige Punkte wie der endgültige Preis für IBMs Festplattenbereich und die Höhe der prozentualen Beteiligung stehen noch zur Disposition. Die San Jose Mercury News kolportieren einen Betrag von mehr als 1 Mrd. Dollar, der von Hitachi an IBM fließen soll.
Auch die Kartellbehörden dürften ein Wörtchen mitzureden haben. Walter Meizer, Geschäftsführer der IBM Deutschland Speichersysteme GmbH und Leiter der Produktionsstätte, bekennt: „Die Belegschaft ist irritiert. Aus rechtlichen Gründen konnten wir sie nicht wie üblich vorzeitig informieren.“
Insgesamt findet Meizer den Deal logisch und richtig: „Festplatten sind eine Commodity mit sehr harter Konkurrenz und Hitachi ist weit mehr als wir auf Produktionstechnik fokussiert. Wir dagegen konzentrieren uns auf komplexe Produkte und Service. Deshalb gewinnen beide Seiten, werden schneller und wettbewerbsfähiger.“
Dietmar Wendt, europaweit für IBMs Speicherlösungen zuständig, sieht es ähnlich: „Für unsere komplexen Systeme ist eine Festplatte eine Komponente wie jede andere. Prozessoren stellt schließlich auch nicht jeder selbst her.“ Auch Hitachi nutze häufig IBM-Technologie, zum Beispiel produzierten die Japaner keine eigenen Server mehr, sondern bezögen diese von IBM.
Mit dem Vorhaben erreicht die Konsolidierung im Festplattenmarkt ein neues Stadium. Weitere Zusammenschlüsse scheinen nur eine Frage der Zeit. ARIANE RÜDIGER

Ein Beitrag von:

  • Ariane Rüdiger

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