Messen 26.02.1999, 17:20 Uhr

Der Einkaufswagen plaudert am Obststand

Die Sonderschau „Shopping Tomorrow“ lockte mit sprechendem Einkaufswagen, Musikdusche oder virtuellem Ankleidestudio. Online-Shopper klicken am Kühlschrank oder suchen Atmosphäre in Gemüse-Abteilungen.

Ananas – aber wie schält man die?“ fragt eine Stimme, als ich meinen Einkaufswagen am Regal mit Kaffee und Konfitüre vorbeirolle. Natürlich schaue ich mich um. Auf der anderen Seite des Gangs, am Obst-Stand, reicht ein Mann mit grüner Schürze frisch geschälte und dekorierte Ananas-Häppchen.
Die Stimme kam aus einem handtellergroßen Kästchen, das am obereren Rand des Kaffeeregals befestigt ist. „Wenn Sie Ihren Einkaufswagen daran vorbeischieben, wird ein Impuls ausgelöst und Sie hören von Sonderangeboten des Tages“, erklärt Jens Gottbrecht. Genau wie ich ist er auf der Investitionsgüter-Messe Euroshop 99.
Die wichtigste Investitionsgütermesse für den Handel ist überall in Düsseldorf ausgeschildert: 20 – 24. Februar 99. Trotz Schnee und Regen sind rund 100 000 Fachbesucher da, die Neuheiten von 1500 Ausstellern aus 38 Ländern bestaunen können. Die Euroshop 99 ist somit die größte Messe seit ihrem Debüt vor 33 Jahren. Mit gutem Grund: Die steigende Zahl der Online-Shopper schreckt die Händler auf. Jetzt wollen sie wissen, was es Neues gibt.
Aber während ich nach Trends beim Einkauf jage, will Erfinder Gottbrecht Kunden in die Sonderausstellung „Shopping Tomorrow“ und an seinen Stand locken. Damit hat er Erfolg. Denn sein Produkt stellt Technik in den Dienst des wonnigen Konsums. Und es erspart angeblich die Lektüre der Sonderangebotszettel.
Der 26jährige ist der Erfinder des sprechenden Einkaufswagens, dessen Technik sich im Griff versteckt. Nur zwei kleine Lochreihen für den Lautsprecher unterscheiden ihn von anderen Modellen. „Damit können Filialleiter Schnäppchenjägern auf diskrete Weise helfen“, freut sich Gottbrecht. Statt Dauerberieselung durchs Einkaufsradio gäbe es nur einen leisen Hinweis. Wer nichts hören will, hält die Löcher im Griff einfach zu. Der Kieler Unternehmer versichert, daß Alt und Jung beim Test im Supermarkt gezielt zum Wunderwagen mit roter Stange gegriffen hätten. „Aber natürlich muß er spielerisch eingesetzt werden“, sagt Gottbrecht. Ob das gelingt? Tester Tengelmann will es wohl versuchen. Aber noch ist nicht klar, wann und wo Einkaufswagen sprechen. Die Reaktion auf seine Weltneuheit hat den Erfinder so überrumpelt, daß er noch nicht mal über einen Preis nachgedacht hat.
Ganz anders dagegen das „Land of Senses“. Dahinter versteckt sich eine elektronische Duftprobe aus der Konserve. Denn die Frechener Macher von Aerome haben erkannt, daß Sinne beim Kauf eine große Rolle spielen. Allerdings präsentieren sie einen Terminal, der auf den ersten Blick alles andere als sinnlich wirkt. Eine graue Metallsäule zeigt in Hüfthöhe einen kleinen Bildschirm, über und unter dem sich je 14×4 Löcher für Duftdüsen befinden. Auf der Touchscreen laden fünf Bildchen mit Schriftzügen wie Coca Cola, Pizza und Davidoff Cool Water zum Berühren ein. Ich wähle Davidoff. Ein zart-kühler Lufthauch entweicht den Düsen, gefolgt von einem trockenen Plopp. Dann wird es sinnlich.
Auf dem Bildschirm erscheint der Werbespot, ein gut gebauter Mann wälzt sich in blauen Fluten. Dazu Musik – und das Parfüm. Jetzt Coca Cola: Ein Lufthauch, Plopp und ab der Spot. Kleine Eiswürfel hüpfen vor Freude im Glas, als endlich die Cola über sie kommt. Und es riecht wirklich nach Coca Cola. Mit Pizza und Orangensaft ist es genauso. Ich habe langsam Hunger. Damit erweise ich mich als leichtes Opfer. Denn die auf der Euroshop erstmalig präsentierten Lebensmitteldüfte sollen schon bald Kunden verführen. Machbar ist jeder Duft, von Salami bis zum Brötchen. Nur von Fisch rät die nette Aerome-Beraterin ab.
Einen halben Meter neben mir riecht mein Nachbar nichts mehr vom Duft aus Kartuschen mit Trägermaterial und Öl, der binnen Sekunden verfliegt. Testen kann man den rund 14 000 DM teuren Duft-Terminal schon bei Douglas und Kaufhof-Parfümerien in Köln, Bremen und Berlin. Die Idee interessiert auch Erlebnisparks und die Automobilbranche. In rund einem Jahr soll das Duftbranding für Autos fertig sein. Dann, so die Aerome-Frau, wollen quasi alle Hersteller mit einem Auto auf den Markt kommen, zu dem ein bestimmter Duft gehört. Ich träume von einer Limousine, die mal nicht nach Sprit und Plastik riecht.
Unversehens finde ich mich unter einer am Metallständer aufgehängten Plexiglasschüssel wieder. „Musikdusche“ nennt sich das Multimediasystem, mit dem ich mich gleich von mehreren hundertausend Songs berieseln lassen kann. Das Bedienfeld finde ich zwar nicht ganz so verständlich wie der Schweizer Fabrikant Pataco, aber nach einer Minute klappt´s. Die Vorteile sind klar: Statt der üblichen 20 Tophits kann ich mir alles Gewünschte wählen und die Musik anspielen, ohne daß meine Ohren erbarmungslos von einem Kopfhörer zusammengepreßt werden. Und kein Sound tropft daneben, denn 50 cm neben der Musikdusche höre ich nichts mehr. In der älteren Version mit handelsüblichen Kopfhörern – 5000 CDs Kapazität, 4 Bedieneinheiten, 1 PC für rund 40 000 DM – steht sie schon in zahlreichen Städten. Die leistungsfähigere Sounddusche mit Kuppel präsentiert in einer Woche der Levis-Laden in Amsterdam.
Eigentlich soll das System – wie so viele auf dieser Messe – Händlern helfen, Online-Shopper wieder in ihren Laden zu locken. Noch dazu haben sie dank der Elektronik täglich eine genaue Übersicht der angespielten CDs.
Mit Licht statt Sound wartet die Kaiserslauterner Tecmath GmbH auf: Sie präsentiert neben einem 3D-Fußscanner auch den Bodyscanner (VDI nachrichten vom 22.1.99) für Maßgeschneidertes. Tecmath-Mitarbeiter Holger Rothaug schwärmt von seinem Anzug für 800 DM, denn er hat die Idee gleich selbst getestet. Läden mit Bodyscanner gibt es übrigens in Bielefeld (Dodenhof), Aachen (Kaufhof), Braunschweig (Rebmann), Mainz (M+) und Biedenkopf. Davon profitieren allerdings nur Männer, weil die Vermessung der weiblichen Brust (Rothaug: „Schon beim Maß Schulterhöhe-Brustspitze gibt es Schwierigkeiten.“) heikel ist.
Doch während der Bodyscanner Maß zum Schneidern nimmt, soll der Fußscanner bei der Auswahl helfen. Zum Test stelle ich mich auf eine Glasscheibe, ein Laser tastet meinen weiß besockten Fuß ab und ich erfahre nur Minuten später, daß mein linker Fuß 3 mm kürzer als der rechte und dieser 7 mm breiter als der linke ist und mir jenes Modell in Größe 6½ gut passen würde, das ich auf dem Bildschirm begutachten kann.
Der Fußscanner ist ein Modellprojekt, daß der rheinland-pfälzischen Schuhindustrie wieder auf die Beine helfen soll und vom Land gefördert wird. Ab Herbst wird er in den ersten Schuhläden stehen. Die Händler wollen so Lager sparen und mehr Modelle anbieten. Doch der Kunde müßte wohl drei Tage warten.
Noch nicht käuflich ist dagegen der Laserpointer von Virtual Laser Systems. Sein Erfinder Rolf Winkler führt stolz vor, was passiert, wenn er den Strahl auf das Kleid der Schaufensterpuppe richtet: Die im Stift versteckte Weltneuheit aktiviert einen 50×70 cm großes Display, das mir Preis, Größe oder Marke zeigt.
Jede Produktinformation ist denkbar. Der Pointer wirkt wie eine PC-Maus, macht aber den Besitzer durch eine ID-Nummer identifizierbar. Sogar mit dem Call-Center kann ich mich verbinden lassen, wenn ich den Point-of-Sales-Kreis anbeame. Dank der „Antwort auf den E-Commerce“ (Winkler) ist Kaufrausch bei Nacht kein Problem mehr. Der rund 25 DM teure Winzling aus Kraillingen interessiert die großen Warenhäuser so sehr, daß sie ihn wohl in spätestens einem halben Jahr gratis unter die Shopper bringen werden. Auch Museen und Versandhändler sprechen mit Winkler, der nun an den Börsengang denkt.
Virtuell wird´s um die Ecke: Am Kaufhof-Stand drängeln sich die Damen um den Erlebnisspiegel. Damit wird Umziehen ohne Ausziehen ein Kinderspiel: Die aparte Blondine, die vor der Kombination aus Bildschirm und Touchscreen sitzt, gibt ihre persönlichen Daten wie Konfektionsgröße 38 und blasse Hautfarbe ein. Das System stellt ihren Farbtyp fest und druckt den Farbpaß für den „Sommertyp“ inklusive Tips aus. Sie lichtet ihren Kopf per Knopfdruck ab, der auf eine virtuelle Figur ihrer Kleider- und Körpergröße montiert wird. Und schon kann sie sich durch rund 300 Teile der laufenden Konfektion klicken, munter kombinieren und ihr virtuelles Spiegelbild verdoppeln, um zu vergleichen. Die Blondine gefällt sich im grauen Hosenanzug. Variable Hintergrundbilder zeigen ihr, wie sie damit im Büro, auf der Party, vorm Landhaus und an der Strandpromenade wirkt. Der preisgekrönte Styling-Spiegel steht unter anderem seit rund zweieinhalb Jahren im Kaufhof an der Düsseldorfer Kö und begeistert laut Kaufhof-Studie Frauen zwischen 12 und 84 Jahren gleichermaßen.
Auf solche Technikfreaks hoffen auch die Küchenanbieter, die Küche und Kühlschrank mit High-Tech präsentieren: Eine Touchscreen vor der Schranktür bietet mir durch Berührung TV- und Radioprogramm oder eine Rezeptauswahl. Die Zutatenliste schicke ich online an den im Internet ausgewählten Dienstleister, Fehlendes ergänze ich durch einen Handscanner, der den Barcode von Milch oder Bier erfaßt. Dann geht die Liste per Mail an den Laden. Und wenn ich nicht weiß, ob der Teig für den Apfelstrudel gut ist, kann ich ihn per Videokonferenz oder Bildtelefon meiner Mutter zeigen. Das Gemeinschaftsprojekt ist noch nicht käuflich, aber die Technik ist schon da – nur neu kombiniert.
Zu technisch? Dann ab in den Supermarkt. Das EuroHandelsinstitut (EHI), Tengelmann und Ladenbauer präsentieren Obst und Gemüse mit Ambiente: Eine mandeläugige Eritrearin serviert exotische Säfte, Licht und Musik sorgen für Wohlfühleffekte. Durch den E-Commerce fürchtet der Handel um seinen Umsatz – und Frischwaren verkaufen sich nun mal schlechter online. Das Ziel ist Gefühl beim Obst als Kontrast zum sterilen Web. Harald Jansen vom EHI denkt deshalb über Strohballen statt abwischbarer Plastikstühle und Gratis-Kaffee in Filialen nach.
Ich denke an meine Besorgungen. Dann werde ich Verkäuferin plaudern statt mit dem Einkaufswagen.
CORDELIA BECKER
Der sprechende Einkaufswagen rollt auch durch den TV-News-Block der VDI nachrichten – am 1. 3. 99, 21 Uhr , im 3sat-Magazin Hitec. Weitere Information unter: Euroshop
Zugreifen und Wohlfühlen: Obst und Gemüse mit exotischem Ambiente sollen den Gang zum Supermarkt schmackhaft machen. Denn das Web macht Druck. Anziehen ohne Umziehen: Der Erlebnisspiegel zeigt Kundinnen, wie sie in der Kaufhof-Kollektion aussehen und berät bei der Farbwahl.
Duschen mit Musik: Music Island macht Schluß mit quetschenden Hörern und eingeschränkter Titelwahl.
Kühlschrank mit Scanner: Er erfaßt den Bar-Code und mailt die Einkaufsliste an den Laden.
Kaufen mit Pointer: Per Laser ist auch nachts Kaufrausch möglich: Beamen, informieren, bestellen.
Duft per Touch: Parfüm, Pizza und Cola inklusive Werbespot. Und bald sogar der Duft zur Automarke.

  • Cordelia Becker

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