Displays 24.09.1999, 17:22 Uhr

Bald Flachbildschirme „Made in Germany“

Angesichts des steigenden Bedarfs an hochwertigen Displays plädiert eine Initiative von Anwendern und Zulieferern dafür, die Gunst der Stunde zum Aufbau einer wettbewerbsfähigen heimischen Flachbildschirm-Produktion zu nutzen.

Die zunehmende Verdrängung von Bildröhren bei PC-Monitoren sowie der enorme Bedarf an handlichen und portablen Endgeräten haben zu einer beispiellosen Nachfragesteigerung nach Flachdisplays geführt – bereits heute wird der Weltmarkt auf 27 Mrd. DM beziffert, und der eigentliche Aufschwung steht erst noch bevor: Für die nächsten fünf Jahre erwarten Marktauguren Zuwachsraten von mehr als 10 % jährlich.
Doch bei diesen Schlüsselkomponenten der Informationstechnik spielen deutsche Hersteller kaum noch eine Rolle. Selbst bei den Flüssigkristallanzeigen, für die es in Deutschland und in Europa einen großen Anwendermarkt gibt, hat die lokale Produktion im Weltmaßstab nur einen bescheidenen Anteil. Das soll nun anders werden: Eine Reihe von Firmen – darunter BMW, Bosch, DaimlerChrysler, IBM und Siemens – haben sich jetzt, unterstützt von fünf Forschungsinstituten und drei Verbänden, zur Flachbildschirm-Initiative zusammengeschlossen und wollen das Blatt gemeinsam wenden. In einer Studie, die sie am Freitag letzter Woche im Institut für Mikrotechnik Mainz (IMM) der Öffentlichkeit vorstellten, beschreiben sie die technischen und wirtschaftlichen Optionen einer „Strategie zum Ausbau der deutschen Position auf dem Flachdisplay-Weltmarkt“.
Bisher exisitieren hierzulande nur zwei Produzenten: Die aus der Mehrheitsbeteiligung des japanischen Optrex-Konzerns an Mannesmann VDO hervorgegangene Optrex Europe GmbH in Babenhausen, die mit einem Jahresumsatz von 230 Mio. DM passiv angesteuerte Flüssigkristall-Displays (LCDs) für Automobilanwendungen herstellt, sowie die AEG MIS in Ulm, eine Ausgründung von Mitarbeitern der ehemaligen AEG, die mit LCD-Anzeigesystemen für öffentliche Verkehrsmittel im letzten Jahr einen Umsatz von rund 15 Mio. DM erzielte. Auf dem Gebiet der videofähigen Flachdisplays gibt es hierzulande keine Fertigung.
Aber das Zeitfenster für den umfassenden Einstieg in eine Flachdisplay-Produktion, so heißt es in der Studie der Flachbildschirm-Initiative, sei „derzeit extrem günstig“. Chancen bieten sich vor allem in Automobilanwendungen, bei Handys, SmartCards sowie bei Industrie- und Spezialdisplays für öffentliche Terminals. So sei aufgrund des Multimedia-Booms in Kraftfahrzeugen allein in Europa bis 2004 von einem Bedarf von 5 Mio. hochwertigen Flachdisplays zur Rücksitzunterhaltung oder für das ,Büro im Fond“ auszugehen. Bei den Handys, die zunehmend mit hochauflösenden, farbfähigen Displays ausgestattet werden, werde die weltweite Nachfrage bis 2002 auf jährlich 400 Mio. Stück ansteigen. Und wenn künftig auch nur ein geringer Teil der für das Jahr 2004 erwarteten 4 Mrd. bis 6 Mrd. Chipkarten mit einem flexiblen Foliendisplay – z. B. zur Anzeige des Guthabens auf der Geldkarte – ausgestattet wird, zeichnet sich auch in diesem Bereich enormes Absatzpotential ab.
Die Vorschläge der Initiative laufen auf eine Doppelstrategie hinaus, der zwei unterschiedliche Technologieansätze – die Aktivmatrix-LCDs (AMLCDs) und die organischen Leuchtemissions-Displays (OLEDs) – zugrundeliegen. Die weitverbreitete Meinung, daß der Einstiegszeitpunkt in die AM-LCD-Technologie angesichts der Dominanz fernöstlicher Hersteller bereits verpaßt sei, hält der Stuttgarter Unternehmensberater Josef Weidinger für irrig. „Wenn man davon ausgeht, daß gemessen am Potential der Anwendungen in fünf bis acht Jahren heute erst 5 % der benötigten Kapazität installiert sind, so sind diese Bedenken in keiner Weise gerechtfertigt.“ Vielmehr bietet die steigende Nachfrage noch gute Aussichten, vom Marktwachstum zu profitieren, und „die deutsche Industrie sollte die Chance wahrnehmen, daran zu partizipieren“.
Das setzt jedoch eine schnelle Entscheidung für den Produktionseinstieg voraus, um rechtzeitig das Fertigungs-Know-how aufzubauen, damit man in drei bis vier Jahren für das Marktwachstum gerüstet ist. Gedacht ist an eine Produktionslinie zur Prozessierung von Glassubstraten der Größe 550 mm x 670 mm, die mit Investitions- und Anlaufkosten von 363 Mio. DM für eine Kapazität von 7000 Substratstarts pro Monat und einen Dreischicht-Betrieb an 350 Tagen im Jahr ausgelegt ist und in der vom dritten Jahr an rund 1 Mio. 7-Zoll-Displays vom Band laufen könnten, deren Absatzpotential vor allem in der Automobilindustrie liegt.
Das zweite Standbein sollen die OLEDs bilden. Mit dieser Technologie lassen sich äußerst dünne Displays mit geringem Gewicht und Energieverbrauch herstellen, da OLEDs selbstemittierend sind und somit ohne platzraubende Hinterleuchtung auskommen. Aufgrund ihrer Leuchtstärke liefern sie auch bei hellem Tageslicht ein kontraststarkes Bild. Das prädestiniert sie als Displays in portablen Geräten wie Handys, PDAs oder Digitalkameras. Schon heute wird das Stückzahlpotential auf 150 Mio. Einheiten pro Jahr geschätzt.
„Der Aufbau einer OLED-Pilotlinie bietet Chancen zur Technologieführerschaft“, erklärt IMM-Geschäftsführer Wolfgang Ehrfeld. Als Grundstein für den Einstieg in die Massenproduktion schlägt die Initiative ein Stufenkonzept vor. Nach einer zwei- bis dreijährigen, fertigungsnahen Forschungs- und Entwicklungsphase, in der kostengünstige und zuverlässige Produktionstechnologien einschließlich der Testprozesse erprobt werden, soll dann eine Pilotfertigung im Mehrschichtbetrieb bis zu 100 000 Stück pro Monat herstellen. Die Aktivmatrix-Ansteuerung der organischen Kleindisplays ist dabei in konventioneller CMOS-Technik vorgesehen. Unter diesen Voraussetzungen werden die Investitionen auf 51 Mio. DM und die jährlichen Betriebskosten auf 25 Mio. DM geschätzt.
Die Ausgangslage zur Umsetzung der Vorschläge ist nach Meinung der Beteiligten günstig. „Wir waren alle überrascht“, so Walter Meizer, Geschäftsführer der IBM Deutschland Speichersysteme GmbH in Mainz, „welche positiven Voraussetzungen hinsichtlich der wissenschaftlichen und technischen Kompetenz in der Anwender- und Zulieferindustrie in Deutschland gegeben sind.“
So ist die Schott Displayglas GmbH bei einigen Dünnglasarten Weltmarktführer die frühere Leybold AG, heute Balzers Process Systems GmbH in Alzenau, ist Europas größter Hersteller von Vakuum-Beschichtungsanlagen für Displays, und die Merck KGaA verfügt als Hersteller von Flüssigkristallen über einen Weltmarktanteil von über 50 %, liefert aber mehr als 90 % der Produktion an die fernöstlichen Display-Fabrikanten. Bei den OLEDs nimmt die Covion Organic Semiconductors GmbH weltweit eine führende Stellung als Lieferant organischer LED-Materialien ein.
Das FuE-Potential, Vorproduzenten, Ausrüster und Abnehmer sind am Standort Deutschland vorhanden. „Was fehlt“, meint Ehrfeld, „ist die Produktion als Bindeglied.“ Jetzt sind Manager gefragt, die ein Industriekonsortium auf die Beine stellen können. Die Flachbildschirm-Initiative will dazu das Strategiepapier nun um ein Finanzierungskonzept ergänzen.
RICHARD SIETMANN
Der Löwenanteil aller Flachdisplays stammt aus Fernost. Doch Deutschland hat gute Chancen, eine eigenständige Produktion aufzubauen.

Von Richard Sietmann
Von Richard Sietmann

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Produktmanagement

Diehl Defence GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Diehl Defence GmbH & Co. KG Trainee (m/w/d) für das Technische Traineeprogramm Entwicklung | Produktion | Produktmanagement deutschlandweit
Viessmann Group-Firmenlogo
Viessmann Group Product Owner (m/w/d) Electrical Warm Water Allendorf (Eder)
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Product Manager Brake Control (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
ifm efector gmbh-Firmenlogo
ifm efector gmbh Elektroingenieur als Assistent Produktmanagement Positionssensorik (m/w/d) Essen
Minimax GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Minimax GmbH & Co. KG Product Launch Manager (m/w/d) Bad Oldesloe
Total Deutschland GmbH-Firmenlogo
Total Deutschland GmbH Leiter (m/w/d) Produkttechnik & Rangemanagement Berlin
fischerwerke GmbH & Co. KG-Firmenlogo
fischerwerke GmbH & Co. KG Leiter Projekttechnik & Segmente (m/w/d) Waldachtal-Tumlingen
PASS GmbH & Co. KG-Firmenlogo
PASS GmbH & Co. KG Verfahrensingenieur (m/w/d) in der Produktentwicklung Schwelm
motan holding gmbh-Firmenlogo
motan holding gmbh Senior Product Manager (m/w/d) Konstanz
XTRONIC GmbH-Firmenlogo
XTRONIC GmbH Requirements Engineer Bereich Kombiinstrumente (m/w/d) Böblingen

Alle Produktmanagement Jobs

Top 5 Produkte

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.