Start-up Porträt 15.10.2010, 19:49 Uhr

World Wide Wissensaustausch für Forscher

Oft beißen Forscher sich die Zähne an Problemen aus, die anderswo längst gelöst sind. Doch wo ist Anderswo? Drei deutsche Gründer wissen es. Auf ihrem sozialen Netzwerk ResearchGate tummeln sich 600 000 Wissenschaftler weltweit. Tendenz steigend. Gerade haben sie als erstes deutsches Start-up Risikokapital aus dem Silicon Valley bekommen.

In Hannover waren die beiden Virologen Ijad Madisch und Sören Hofmayer ein eingespieltes Team. Doch nachdem Madisch 2004 zur Harvard Medical School in Massachusetts gewechselt war, wurde ihre Zusammenarbeit schwieriger. „Trotz des Webs bekamen wir Probleme, unsere gemeinsamen Projekte weiter zu verfolgen“, so die Mediziner.

Madisch nervte nicht nur das. „Ich habe damals Tag und Nacht geforscht und hätte mich bei vielen Fragen gerne mit Spezialisten aus meinem Fachgebiet ausgetauscht“, erinnert er sich. Doch wie sollte er die Experten in der global verteilten Wissenschaftsgemeinschaft ausfindig machen? Inzwischen hätte er es sehr viel leichter. Und das hat Madisch selbst zu verantworten.

Mit Hofmayer und einem weiteren Freund, dem Passauer Informatiker Horst Fickenscher, hat er in den letzten beiden Jahren ResearchGate.net aufgebaut – eine Art Facebook für Forschende. Sie können in dem Social Network ihre Profile und Publikationen einstellen, Communities rund um ihre Fachthemen gründen oder per Volltextsuche potenziell spannende Kollegen oder hilfreiche Fachaufsätze aufspüren. Dafür ist die Plattform an acht Literaturdatenbanken mit 40 Mio. wissenschaftlichen Publikationen angebunden.

Anscheinend hat die Wissenschaftswelt auf dieses Angebot gewartet. „Im Januar 2009 haben wir uns über den 25 000sten User gefreut. Inzwischen sind es über 600 000“, freuen sich die Gründer über die rasante Entwicklung ihres Netzwerks. Größtenteils handele es sich um Doktoranden und Post-Docs. Dass sie scharenweise durchs ResearchGate strömen, liegt einerseits daran, dass Registrierung und Nutzung kostenfrei sind. Andererseits haben die Gründer den globalen Siegeszug geschickt eingefädelt. Denn sie haben ihre Kontakte in alle Welt bemüht und so frühzeitig Dutzende Professoren und Nachwuchswissenschaftler für ihre Idee und für die Mitarbeit im Global Advisory Network ihrer Web 2.0. Plattform gewonnen. „Sie helfen uns mit wissenschaftlicher Expertise, Tipps und wirken als Multiplikatoren an ihren Instituten aktiv daran mit, unsere Plattform bekannt zu machen“, so Madisch.

Mittlerweile arbeiten die drei Gründer als Vollzeitunternehmer. Madisch, der neben Medizin auch ein Informatikstudium absolviert hat, ist in die Rolle des CEO geschlüpft. Fickenscher trägt als CTO die technische Verantwortung. Und als Mediziner und Betriebswirt hat Hofmayer den kaufmännischen Part übernommen. Ganz leicht sei ihnen der Abschied aus der Medizinforschung nicht gefallen, räumen Madisch und Hofmayer ein. „Doch letztlich könnten wir mit ResearchGate.net viel mehr bewegen als mit unserer Forschung“, tröstet sich Madisch. Wie oft würden Forscher an Problemen verzweifeln, die andernorts längst gelöst seien. Wie viel Redundanz gebe es in der Forschung. Und wie oft bleibe Wissen verborgen, weil negative Ergebnisse oder Randaspekte in Aufsätzen unter den Tisch fallen. „All dieses Wissen, das nur in den Köpfen gespeichert ist, führen wir über unsere Plattform zu einem Großen zusammen“, sagt er.

Jeder Forscher ist in diesem globalen Gehirn eine Synapse – die Plattform verknüpft sie und sorgt so für effizienten Wissenstransfer. Bleibt die Frage, wie das Trio mit diesem Welthirn Geld verdienen will. „Es gibt zwei zentrale Einnahmequellen“, erklärt Hofmayer. Einerseits habe sich auf der Plattform eine Jobbörse etabliert, in der Unis, Forschungsinstitute und Unternehmen gezielt – und kostenpflichtig – Experten suchen. Andererseits haben die ersten Wissenschaftsorganisationen, darunter die Max-Planck-Gesellschaft und der VDI, ihre interne Kommunikation in die Plattform eingebettet. „Die Daten bleiben auf den Servern der Kunden hinter ihren eigenen Firewalls geschützt. Sie haben die vollständige Datenhoheit“, erklärt Fickenscher. Das Einbetten habe die Intranets vielerorts sehr belebt. Und weil die Gründer dafür sorgen, dass alles funktioniert, sind die Kunden bereit, dafür zu zahlen.

Mit diesem Geschäftsmodell hat das Trio inzwischen eine ganze Reihe von Investoren überzeugt – und das, obwohl sie nie einen Businessplan verfasst haben. Auch hier haben sich die Netzwerke der Gründer als tragfähig erwiesen. So bekam Madisch in Harvard einen Hinweis auf den deutschen Business Angel und Scout24-Mitgründer Joachim Schoss. Er habe binnen Minuten entschieden, ihr Unternehmen zu fördern – und in der Folge vier weitere Engel für ResearchGate begeistert.

Aktuell trocknet die Tinte auf den Verträgen der ersten Finanzierungsrunde. Lead-Investor ist Benchmark Capital, eine VC-Gesellschaft aus dem Silicon Valley. Auch dieser Kontakt kam über Madischs Netzwerk zustande. Ein US-Freund trug ihm zu, dass Benchmark Partner Matt Cohler ihn kennenlernen wolle. „Es hat sofort gefunkt“, erinnert sich Madisch an das erste Treffen mit Cohler, der als Mitgründer von LinkedIn.com und Facebook eine sehr klare Vorstellung von Geschäften im Web 2.0 habe. Neben Benchmark haben sich Accel Partners, zwei britische Business Angels und ein Engel-Quartett um den ersten Förderer Joachim Schoss an dem Start-up beteiligt. „Über die Höhe haben wir Stillschweigen vereinbart“, sagt Madisch. In der aktuellen Gründungsphase sei ihm die geballte Expertise des Investoren-Syndikats aber ohnehin viel wichtiger als das Geld.

PETER TRECHOW

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