Interview: Geschlechterforschung 30.11.2012, 20:10 Uhr

„Wir wollen Ungleichheit verhindern“

Technik verbindet Menschen nicht nur, sie kann sie auch trennen. Corinna Bath geht der Frage nach, wo Methoden und Produkte Geschlechterbarrieren aufbauen. Technische Konzepte, wie etwa das „Auto für die Frau“ oder der „weibliche Rasierer“, entsprächen nicht den wahren Bedürfnissen der Frau. Wer Stereotype bediene und der Frau Technikkompetenzen abspreche, dürfe sich über einen Ingenieurinnenmangel nicht wundern.

Ingenieurin unter Männern

Foto: panthermedia.net/Dmitriy Shironosov

VDI nachrichten/INGENIEUR.de: Frau Prof. Bath, geht es bei der Geschlechterforschung in Ingenieurwissenschaften/Informatik darum, mehr Frauen in Unternehmen und Hochschulen unterzubringen?

Prof. Bath: Frauen in diese Bereiche zu bringen, ist eher Aufgabe der Gleichstellungsbeauftragten. Die Geschlechterforschung zielt darauf, Ungleichheit in und durch Technik zu verhindern. Dabei liegt der Fokus nicht allein auf den Frauen. Wir beleuchten Produkte und Methoden, ob diese womöglich Geschlechterdifferenzen und Barrieren aufbauen.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Prof. Bath: Es gibt krasse Beispiele, bei denen jede und jeder sagt: Da liegt das Problem doch auf der Hand. Ich denke da etwa an frühe Spracherkennungssysteme, die an einer männlichen Norm ausgerichtet waren und die viele Stimmen von Frauen nicht wahrnehmen konnten. Daneben kennen wir aber auch subtilere Vergeschlechtlichungen. Um diese kenntlich zu machen, ist Geschlechterforschung notwendig.

Es gibt aber doch technologische Trends, die die Frau mit ihren Wünschen und Bedürfnissen stärker als früher berücksichtigen, etwa das Auto für die Frau.

Prof. Bath: Damit bedienen wir Stereotype. Im Auto mehr Platz für den Einkauf und für den Kinderwagen zu schaffen, ist nicht zwangsläufig ein frauenfreundliches Konzept, sondern beruht auf der Unterstellung, nur oder vorzugsweise Frauen kauften ein und kümmerten sich um das Kind. Ein anderes Beispiel sind Rasierer für Frauen. Diese haben nicht nur eine andere Farbe und Form, sondern können im Vergleich zu Rasierern für Männer nicht aufgeschraubt werden und haben auch kein Display mit Informationen über den technischen Zustand. Damit wird Frauen qua Design technische Kompetenz abgesprochen, während sie bei Männern vorausgesetzt wird. In den 70er- und 80er-Jahren hat man in der Frauenforschung mit solchen Stereotypen gearbeitet. Das ist misslungen.

Sie sagen, der Mensch neige dazu, die eigene Kultur und den Status quo als Maßstab zu nehmen. Was ist falsch daran?

Prof. Bath: Häufig wird die Beteiligung am technischen Arbeitsmarkt biologisch begründet: Frauen mögen keine Mathematik und meiden daher die Technik. Insbesondere die Historie und andere Kulturen widerlegen diese These. In der DDR gab es ein völlig anderes Verständnis von Frauen in der Technik. Mit der Wiedervereinigung ging diese Anschauung verloren. Arbeitslosen Ingenieurinnen wurde geraten, in soziale Berufe zu gehen. In Malaysia ist der Frauenanteil in der Informatik höher als der der Männer. Es gibt also nicht die Frau. Vielmehr sind es meist kulturelle und soziale Bedingungen, die bestimmte Hierarchien und Denkmuster festschreiben. Da ist viel zu erforschen, um einerseits Frauen in die Technik zu holen und andererseits Technik noch besser zu gestalten.

Wie weit ist die Geschlechterforschung in den Ingenieurwissenschaften?

Prof. Bath: Geschlechterforschung ist weithin etabliert, allerdings in Bezug auf die Ingenieurwissenschaften ist sie sehr ausbaufähig. Einige wenige Professuren treiben sie in Deutschland voran. In einzelnen Fachbereichen wie dem Maschinenbau ist die Erkenntnislage noch sehr dünn. Geschlechterforschung in den Ingenieurwissenschaften stellt eine Herausforderung für die kommenden Jahre dar.

Wann setzt Vergeschlechtlichung ein?

Prof. Bath: Das ist schwer zu sagen. Geschlecht ist überall. Studien zeigen, dass Klassenarbeiten in der Schule unterschiedlich bewertet werden: Steht ein weiblicher Name unter der Mathematikarbeit, wird sie tendenziell schlechter bewertet, egal, ob ein Lehrer oder eine Lehrerin korrigierte, in sprachlichen Fächern werden die Jungen schlechter benotet. Es geht also auch darum, Handlungsmuster zu durchbrechen. Und das gilt für alle Beteiligten in Schule, Hochschule, bei den Medien oder in der Produktentwicklung eines Unternehmens. Wir sollten versuchen, solche geschlechtsspezifischen Erwartungen und Handlungen nicht immer wieder zu reproduzieren, sondern diesen Verhaltensmustern etwas entgegensetzen. Das ist nicht einfach, weil wir alle durch die Kultur geprägt sind, in der wir aufwachsen.

Haben Initiativen, die sich der Frauenförderung verschreiben, Erfolgsaussicht?

Prof. Bath: Alle Initiativen sind wichtig: solche zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Quotenregelungen, Girls“ Days. Viele gibt es seit 20 oder 30 Jahren. Aktuelle Statistiken zeigen, dass diese Initiativen bei Weitem nicht ausreichen.

Welche Erkenntnisse, Missstände ausräumen zu können, liegen vor?

Prof. Bath: Einerseits müssen sich die Berufsbilder ändern. Es herrscht in der Gesellschaft noch das Vorurteil, Ingenieure seien Hacker und Nerds, männliche Außenseiter im Karohemd, die nicht mit Menschen umgehen können. De facto kommunizieren Ingenieure und Ingenieurinnen viel mit Kunden und Kundinnen sowie mit Auftraggebern und Auftraggeberinnen. Revidieren wir das Bild des unattraktiven Technikers und passen es den Berufsanforderungen an, werden nicht nur mehr Frauen, sondern auch andere Männer als bisher angesprochen.

Müssen junge Frauen bei den Studienangeboten anders „angesprochen“ werden?

Prof. Bath: Wir wissen, dass sich Frauen stärker angesprochen fühlen, wenn sich die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge interdisziplinär öffnen. Im neuen Studienprogramm „Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften. Technik – Wissenschaft – Praxis“ an der TU Berlin lernen Studierende technisch-naturwissenschaftlicher Fächer, ihre Fachinhalte aus Perspektive der Geschlechterforschung historisch, wissenschafts- und gesellschaftstheoretisch zu reflektieren. Knapp die Hälfte dieser Studierenden sind Männer.

Von Wolfgang Schmitz

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