Forschung 15.09.2006, 19:23 Uhr

Wie im Feuersturm Glas zu Eis wurde  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 15. 9. 06, ber – Alltagsgegenstände sind die stummen Begleiter der jeweiligen Gesellschaft. Sie zum „Sprechen“ zu bringen, versuchen derzeit Forscher der TU Bergakademie Freiberg. Anhand von Dresdner Grabungsfunden wollen die Wissenschaftler die Temperaturen der Bombenangriffe vom Februar 1945 rekonstruieren. Sie sollen bei der Ermittlung der Zahl der Todesopfer helfen.

Als britische und amerikanische Bomber vom 13. bis 15. Februar 1945 in mehreren Wellen ihre tödliche Fracht über Dresden abwarfen, verwandelte sich das Zentrum der barocken Residenzstadt in ein Inferno. Meterhohe Flammen loderten aus den Häusern, orkanartige Feuerstürme rasten durch die Straßen, in den Kellern erstickten und verbrannten Menschen. Die Macht des Feuers war so stark, dass selbst Glas schmolz, der Asphalt siedete.

Freiberger Wissenschaftler untersuchen nun Proben, die in mit Trümmerschutt verfüllten und bis heute unberührten Kellern der Dresdner Altstadt lagen. Die Forschungen, die in Zusammenarbeit mit dem sächsischen Landesamt für Archäologie und dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. erfolgen, sollen bei der Bestimmung der Opferzahlen durch die Bombenangriffe helfen.

Dazu wurde Ende 2004 die „Kommission zur Ermittlung der Zahl der Todesopfer während der Luftangriffe auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945“ vom Dresdner Oberbürgermeister Ingolf Rossberg ins Leben gerufen. Von den Ergebnissen, die Ende September vorliegen sollen, versprechen sich die Forscher Erkenntnisse darüber, ob während der Bombennacht Menschen rückstandslos verbrannten.

Dipl.-Ing. Kathrin Häußler, Koordinatorin der Untersuchungen am Institut für Keramik, Glas- und Baustofftechnik (IKGB) der TU Bergakademie Freiberg nimmt dafür Bilder jener Fundstücke genau unter die Lupe, die Grabungen am Dresdner Neumarkt zu Tage gefördert haben.

„Viele Abbildungen erzählen uns unmittelbar vom Ort des Geschehens“, erklärt Häußler. „Auf einem geborgenen Emaille-Schild vom Altmarkt ist der Schriftzug ,Seitenrang“ durch die enorme Hitze zerflossen. Die Bomben müssen wohl ein Kino, das sich dort einst befand, zerstört haben.“ Auch andere Gegenstände auf den Fotos, wie Flaschen, Schmuck und Brillengestelle mit Gläsern, tragen die Brandzeichen der Nächte vom 13. bis zum 14. Februar 1945.

Für Häußler geben die Aufnahmen auf verschiedene Art und Weise Aufschluss über die Dresdner Feuernacht und die Temperaturen, die in den Kellern geherrscht haben muss. Neben der Verformung liefert die Färbung wichtige Informationen.

„Bei den geborgenen Gegenständen erscheint das Glas wie Eis – das Glas ist rekristallisiert. Dieses Phänomen tritt ein, wenn das Material nach hoher Hitzeeinwirkung wieder langsam abkühlt“, erläutert die Forscherin.

Auch die ursprüngliche Farbe ist bei der Ermittlung der Temperatur ein wichtiges Indiz. Grünes Glas verformt sich bereits ab 800 °C, weißes Glas für optische Anwendungen erst bei Temperaturen von über 1000 °C. Emaille schmilzt in Abhängigkeit von seiner chemischen Zusammensetzung ebenfalls nur in einem hohen Temperaturbereich.

Neben den mit bloßem Auge erkennbaren Hitzeeinwirkungen untersuchen die Experten auch die nicht sichtbaren Material- und Strukturveränderungen. In kleinen Plastikröhren bewahren die Freiberger Wissenschaftler Materialproben der Gegenstände auf. Schon geringe Mengen der 20 Glas- und Emailleobjekte sowie von zehn Wandproben aus den Kellerräumen reichen für eine Analyse aus.

In ihren mit modernsten Geräten ausgestatteten Laborräumen setzt Häußlers Team das Probematerial einem Elektronenstrahl aus. Das untersuchte Material gibt daraufhin Röntgenstrahlung frei, die Informationen über die Probenzusammensetzung enthält.

In bestimmten Temperaturbereichen bilden sich durch Hitzeeinwirkung jeweils unterschiedliche Verbindungen. Es entsteht ein charakteristischer Fingerabdruck des Materials. Mit dem angewandten EDX-Verfahren (energiedispersive Röntgenanalytik, engl. energy-dispersive X-Ray) ist auch die Intensität der Strahlung messbar. Damit lässt sich die Menge der enthaltenen Elemente genau bestimmen.

Um die Struktur des Materials und die möglichen Veränderungen optisch sichtbar zu machen, tastet ein Elektronenstrahl die Oberfläche ab. Zuvor erfolgte die Analyse der Dresdner Proben mit dem Rasterelektronenmikroskop (REM-Verfahren). Die so bestimmten Stoffe und die veränderte Materialstruktur geben den Freiberger Experten Aufschluss über die Hitzebelastung.

Die indirekte Art der Temperaturbestimmung wird ergänzt durch Untersuchungen von unbelasteten Materialien. Bei so genannten thermischen Belastungsversuchen werden intakte Gläser und Baustoffe bis zu 24 h lang großer Hitze ausgesetzt. „Dies entspricht der Dauer des Dresdner Feuersturms“, ergänzt Häußler.

Die entstandenen Veränderungen und ihr Vergleich mit dem geborgenen Gegenständen geben Rückschluss auf die damaligen Hitzeeinwirkungen.

Um aussagekräftige Resultate an ganzen Objekten im Vergleich zu den historischen Funden zu erhalten, werden Glasflaschen mit ähnlicher chemischer Zusammensetzung und Geometrie verwendet. Unbelasteter Sandstein, das Baumaterial der Dresdner Keller, lässt sich unweit der Stadt im Elbsandsteingebirge finden. Teilweise stammten das Untersuchungsmaterial aus nicht beschädigten Kellerräumen der Dresdner Altstadt. Bei Baustoffen sind Versuche im Bereich von 500 °C bis 1000 °C geplant, bei Glas ab etwa 700 °C.

Aus Zeitzeugenberichten und aus Grabungen ist bekannt, dass die Brände in der Altstadt unterschiedlich stark und räumlich verteilt waren. Dies bestätigen auch die Freiberger Untersuchungen. So stellt Kathrin Häußler fest: „Schon die Färbungen des Sandsteins der Kellerüberreste sowie die Verformungen der geborgenen Emaille- und Glasobjekte machen deutlich, dass die Hitzebelastung von Gebäude zu Gebäude sehr stark abwich. Unsere Analysen zeigen, dass thermisch belastete und unbelastete Objekte räumlich sehr nah beieinander liegen, teilweise nur getrennt durch eine einzige Wand.“

BETTINA RECKTER

Von Bettina Reckter

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