Forschung 19.10.2001, 17:31 Uhr

Vom Widerspruch zum Werbespruch

Stetiger Konkurrenzdruck, verkürzte Lebenszyklen und hohe Anforderungen eines globalisierten Marktes zwingen erfolgsorientierte Unternehmen ständig zu Innovationen. Neuheiten entstehen aber keineswegs nur aus Not oder Muße. Sie können vielmehr regelrecht provoziert werden, behaupten Experten.

Runde Ecken – ein Paradoxon? Keineswegs. Die Beiersdorf AG macht vor, wie das geht. Sie stattete den Abschneider eines neuen Tesafilm-Abrollers mit abgerundeten Spitzen aus. Kurioserweise wurde damit der Abschneider nicht nur verletzungssicherer als seine spitzen Vorgänger, sondern auch schärfer. Ein anderes Beispiel: das Brausesystem Freehander, bei dem das Wasser direkt aus einem Rohr in den Duschkopf strömt. So kommt es beim Haarewaschen nicht mehr zu verfänglichen Situationen im Schlauchgestrüpp. Beides sind Beispiele für Neuheiten, die in Kooperation mit dem Labor für Innovationstechnik der Fachhochschule Coburg entstanden.

„Locker gebundene Systeme funktionieren besser und halten länger“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Hansjürgen Linde, Begründer der „widerspruchsorientierten Innovationsstrategie“ WOIS: „Das gilt sowohl zwischen Mann und Frau als auch für alle Bremsscheiben in modernen Pkw.“ Versteckte Muster der Höherentwicklung aufzudecken, um sie für Innovationsprozesse zu nutzen, ist seine Grundidee. „Die größten Wahrheiten sind paradox und allgemein gültig“, so Linde. Bester Beweis der Universalität seines Konzeptes ist die Branchenvielfalt der Partnerfirmen wie BMW, Bosch, Braun, Dahle, Demag, Grohe, Hilti, Kapp, Siemens, Schöller, Tesa.

„Neue Ideen können provoziert werden“, behauptet Linde. Not, Muße oder aber ein hoher Grad an Freiheit sind der natürliche Humus für die Entstehung von Innovationen, lehre die Vergangenheit. „Diese Bedingungen schafft WOIS gezielt“, erklärt er: Not und Einengung würden künstlich erzeugt, indem Zielsetzungen bewusst so hochgeschraubt werden, bis widersprüchliche Anforderungen an einzelne Effektivitätsfaktoren entstehen. Erst auf diesem Aufgabenniveau erfolge die Freigabe – Befreiung – zur Lösungssuche.

„Eine treffend formulierte Entwicklungsaufgabe erfordert mehr Kreativität als die eigentliche Lösung“, weiß Linde aus Erfahrung. Die Verlagerung von der Lösung zur Aufgabe sei der Knackpunkt: Jeder Ingenieur kennt aus seiner Ausbildungszeit die Vorgehensweise, mit vorgegebenen Hilfsmitteln zur Lösung der ihm gestellten Aufgaben zu gelangen. So wurden bislang Produkte entwickelt, über Jahre verfeinert und mit Hilfe eines geschickten Marketings dem Kundenwunsch angepasst. Doch sowohl Prinzip als auch Modifikationen wie „Schöner, Schneller, Besser“ sind erschöpft.

Aufgaben zu formulieren, sei ohne eindeutige Signale vom Markt oder Bedarfsumfeld schwierig. Heutzutage lau­te die Regel:
„Erfolgreiche technische Innovationen entstehen weniger aus der schlichten Ermittlung von Kundenwünschen als vielmehr aus der Orientierung an Bedürfnissen der Menschen, die diesen oft selbst noch nicht bewusst sind.“

WOIS kann nicht nur auf beachtliche Erfolge im High-End-Bereich der Produktentwicklung verweisen, wie etwa auf Bremssysteme von BMW oder Startergeneratoren von Siemens. Bewährt hat man sich auch im Lowtech-Bereich, wo es besonders schwierig ist, zu überraschenden Ergebnissen für den Nutzer zu gelangen.

Ein Beispiel dafür ist der Rasenmäher – ein Produkt, das auf den ersten Blick wenig Chancen für die Zukunft verspricht. Alle Typen besitzen ein ähnliches Erscheinungsbild, scheinen technisch und qualitätsmäßig ausgereizt. Der Kostendruck durch Billiglohnländer ist enorm – eine typische Situation, die nicht nur für Rasenmäher zutrifft.

Als neu definiertes Oberziel galt den WOIS-Entwicklern „Rasenflächen attraktiver und funktioneller zu gestalten“. Diese Formulierung stellt sowohl den Bezug zu bestehenden Rasenmähern her, erlaubt aber auch den Blick auf neue Technologien in ähnlichen Bereichen.

Gesellschaftliche Trends, die für die Rasenmäher genutzt wurden, sind zum Beispiel das steigende Freizeit-, Qualitäts-, Ästhetik-, Umwelt- oder Preisbewusstsein. Zur technischen Orientierung wurden Verfahren und Einsatzarten der Wettbewerber und physikalische Grundprinzipien untersucht. WOIS rollt stets die komplette Evolution einer Technik auf.

„Technische Wege, die frühzeitig verlassen worden sind, können oft mit heutiger Werkstoff- und Fertigungstechnik wieder erfolgreich begangen werden“, erklärt Linde. „Der erste Rollschuh in den zwanziger Jahren war übrigens auch ein Inliner.“ Bei der Betrachtung der historischen Entwicklung finden stets auch bekannte Prinzipien der Natur Berücksichtigung.

Was die Rasenpflege betrifft, liefert die Natur mit dem Schaf das ideale Beispiel, wie kurz der Stoffkreislauf vom Abtrennen des Grases bis zum Düngen gestaltet sein kann. Aus der Länge des Stoffkreislaufes wurde der Systemparameter „Grad der Grasabführung“ abgeleitet. Zur Erhöhung der Schnittqualität müsste die Anzahl der Messerebenen steigen, anderseits durfte die Anzahl der Messerebenen zur Verringerung der Kosten gerade nicht erhöht werden.

Diesen Widerspruch lösten die Coburger mit der Entwicklung eines Tandemmessers. Durch das zweischneidige Messer wird das Gras nun x-fach zerkleinert und kann als Mulch auf dem Rasen liegen bleiben. Der Rasenmäher-Mulcher ist für die österreichische Firma Viking Umwelttechnik GmbH ein sehr gut verkauftes Produkt geworden.

Formen und Strukturen, die nicht in der Natur vorkommen, sind Prof. Linde prinzipiell verdächtig. „So war uns das klassische Rasenmäher-Messer schnell suspekt: In der Natur ist nichts gerade, aber alles gerade richtig.“ Zu den sogenannten Verdächtigkeiten zählen auch glatte Strukturen, da in der Natur nur „aufgeraute Glättungen“ mit dem nun wiederentdeckten Lotus-Effekt vorzufinden seien. WOIS – ein verdächtiges Patentrezept für Innovationen. CHRISTIANE RADWAN

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