Forschung 19.12.2008, 19:38 Uhr

Technologie allein wird zum Auslaufmodell

Nur wenige Unternehmen sehen über einen Zeithorizont von zwei Jahren hinaus. Dabei ist wichtig, was man in Zukunft zu tun beabsichtigt, als auch darum, was man nicht mehr machen will. Die Ergebnisse der Strategieüberlegungen können schmerzhaft sein.

Siemens hat die letzten zwei Jahre ein Beispiel gegeben für Langfriststrategien: Man orientiert sich an „Megatrends“, am wachsenden Energiebedarf, an der wirtschaftlichen Globalisierung, an der alternden Bevölkerung und baut die Energieerzeugung aus, die industrielle Automatisierung, die Medizintechnik.

Sozio-ökonomische Entscheidungen beeinflussen zunehmend technologische Entwicklungen und diese gesellschaftlichen Einflüsse sind zwar mit Zahlen zu untermauern, aber unterliegen auch erheblichen mentalen Schwankungen.

Im IBM-Forschungslabor in Rüschlikon bei Zürich arbeitet der gebürtige New Yorker Moshe Rappoport als „Executive Technology Briefer“ an diesen Strategien. Er stellt im Kundenzentrum des Labors dort den „Global Technology Outlook“ vor. Dieser Outlook wird dem Vorstand des Weltkonzerns ein Mal im Jahr in einer ganztätigen Veranstaltung präsentiert.

Das Kernproblem ist seit Jahrzehnten das Gleiche: Künftige Entwicklungen sind über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren bei entsprechend sorgfältiger Vorarbeit gut erkennbar. Der Zeitraum von fünf bis sieben Jahren lässt sich noch hinreichend überblicken, ist aber schon mit Unsicherheiten behaftet. Jenseits davon beginnt die Spekulation.

Dass bei IBM der Computer eine große Rolle spielt, verwundert nicht. Computer sind in fast allen Branchen inzwischen allgegenwärtig. Unvorhergesehene Trendwechsel fordern jedoch meist andere Technologien als die, welche oft angeboten werden. Das hat IBM selbst in der ersten Hälfte der 90er-Jahre erfahren, als man fast nicht mehr die Kurve bekommen hat, weil man die „falschen“ Produkte im Spektrum hatte. So lernte man Zuhören und Zusammenarbeit mit dem Kunden, den Universitäten, manchmal sogar mit Wettbewerbern, wenn man sich dadurch Vorteile verspricht.

Rappoport hat da eine klare Meinung: „Man kann nicht mehr allein als Großunternehmen entscheiden, wenn man Trends nicht verpassen will. Es genügt nicht, Technologien zu entwickeln – man will wissen, wie werden solche Technologien von Menschen genutzt – das wird in Zukunft entscheidend sein.“

Beispiel: RFID-Tags. Sie sind eine brillante Idee, weil sie dem industriellen Kunden wirtschaftliche Vorteile bringen. So optimiert die Grazer RF-iT Solutions mit RFID die Logistik beim deutschen Textilproduzenten Seidensticker entlang der Wertschöpfungskette. Will es aber auch der Endverbraucher? Sicher dann, wenn auch er von den Vorteilen profitiert, z. B. an der Kasse des Supermarktes oder im Warenhaus nicht mehr anstehen und warten muss.

Was aber ist, wenn die RFID-Tags Nachteile haben? Ein zunächst noch theoretisches Beispiel: Die Schweizerische Nobeluhrenindustrie könnte zur Identitätssicherung in ihre Uhren einen sub-millimeterkleinen Chip einbauen. Der enthält die Daten, wann und vom wem zusammengebaut, wann an wen ausgeliefert – kurz: Die Identitätskette lässt sich lückenlos zurückverfolgen. Man kann sicher sein, beim Erwerb keiner Fälschung aufzusitzen. Könnte das Kriminelle anlocken, die mit geeigneten Geräten die Uhr „fern-orten“ und den Träger berauben wollen? Das Problem ist lösbar, wie die IBM-Forscher mit den sogenannten „Clipped Tags“ demonstriert haben – aber solche Sozialaspekte müssen mit erfasst werden.

Bislang war der Verkäufer der Mächtige, der bestimmte, welche Produktinformationen der Kunde erhält. Heute kann sich der Käufer im Internet informieren und bekommt in „Blogs“ mitgeteilt, welches Produkt gut und welches schlecht ist.

Rappoport sieht Folgen für Forschung und Entwicklung in der Industrie: Risiken werden globaler sein. Diejenigen Unternehmen, die frühzeitig Trends erkennen, den Puls des Kunden fühlen und ihre Geschäftsmodelle entsprechend anpassen, werden als Gewinner auf ihrem Gebiet in den Märkten bestehen.

Und so definiert der IBM-Forscher ein paar technologisch bedeutsame Veränderungen: Weiter schnellere Computer, billigere Basistechnologien und eine „offene“ Technologie: „Open Sources“, „Open Services“, „Open Data“, Cloud Computing. „Innovation“, die neue Idee, ist das entscheidende Faktum.

Technologie allein wird so zum Auslaufmodell, die Weltprobleme und ihre Lösung werden künftig die Treiber der Technologieentwicklung sein. Das IBM-Labor in Rüschlikon hat sich auf eine Handvoll Trends für die nahe Zukunft fokussiert.

Solartechnologie in Asphalt, Fenstern und Kleidung. Man geht davon aus, dass sich die Kosten von Solarzellen in den nächsten fünf Jahren halbieren lassen. Triebfeder sind Dünnschichtsolarzellen, die billiger und 100-mal dünner sind als heutige. Daher kann man sie auf unebenem Untergrund aufbringen.

Gesundheit ist ein weiteres Zukunftsthema des IBM Technology Outlook. Dafür kann man eine „genetische Landkarte“ des Menschen aufbauen und daraus Schlüsse ziehen, was einen erwartet und was man selbst tun kann. Dafür jedoch braucht man preiswerte Supercomputer: Erste Projekte gehen bereits in diese Richtung.

Mit dem Web sprechen – das wird kommen und das Web spricht mit einem selbst. Das „Spoken Web“ wird die Gerätelücke in Entwicklungsländern überbrücken. So wird man über Spracheingabe lokale Wetterinformationen aus dem Web holen oder Nachschub an Nahrungsmitteln im Web bestellen, vielleicht sogar eine eigene gesprochene Website („Voice Site“ ) kreieren – ein enormes Potenzial bei rund 4 Mrd. Handybesitzern auf der Welt.

Der „Digital Shopping Assistent“ ist eine Vision, die bis 2013 realisiert sein soll. Er soll die oft fehlende fachkundige Bedienung in den Geschäften ersetzen: Hierzu laufen bereits Pilotprojekte: „Galeria Kaufhof“ in Essen arbeitet in der Herrenabteilung bereits mit RFID-Etiketten. In einem anderen Projekt erkennt man, ob der gerade eintretende Käufer ein Stammkunde ist und macht ihm dann unverzüglich spezielle Rabattangebote.

„Kampf dem Vergessen“ ist ein Projekt, das sich an Ältere wendet, wenn sie zunehmend vergesslicher werden. Es wird derzeit bei IBM im israelischen Haifa entwickelt und baut auf mobile Geräte, die an Tätigkeiten und Kommunikation im Alltag bei sich wiederholende Aufgaben erinnern. So will man frühen Alzheimer-Erscheinungen einen Riegel vorschieben oder doch zumindest entgegenwirken.

Man mag sich fragen, ob man das alles braucht. Die Geschichte lehrt, dass diese Frage überflüssig ist. Als der erste Computer gebaut wurde, hat der frühere IBM-Chef Thomas J. Watson den weltweiten Absatzmarkt auf weniger als 10 Geräte geschätzt. Und als Tim Berners-Lee das World Wide Web „erfand“, hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, dass es heute ein Web 2.0 gibt und dass ein Web 3.0 bereits in der Planung ist.

DILLAN O. KLIPSTAIN

Von Dillan O. Klipstain

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