Gesellschaft und Normen 15.07.2011, 12:09 Uhr

Studie lüftet das Geheimnis der Toleranz

Je stärker eine Gesellschaft sich durch Katastrophen bedroht fühlt, umso schärfer reagiert sie auf Abweichungen von sozialen Normen, wie Forscher ermittelt haben.

Wer in einer norddeutschen Klein-stadt bei Rot eine Kreuzung überquert, muss mit einer scharfen Zurechtweisung durch andere Fußgänger rechnen. Wer aber in der argentinischen Metropole Buenos Aires bei Rot wartet, wird schräg angeschaut. Wenn die Straße einigermaßen frei ist, läuft man dort los.

Wer in Berlin in der Öffentlichkeit eine Currywurst verspeist, ist dabei zumeist nicht einmal allein. Niemand nimmt Anstoß, auch nicht, wenn man sich mit einer Flasche Bier in der Hand durch die Stadt bewegt. Ganz anders in Singapur. Hier sind Essen und Trinken in der Öffentlichkeit eher verpönt, und wer mit einem Kaugummi im Mund erwischt wird, dem droht unter Umständen sogar eine Geldstrafe.

Je größer die Bedrohung, umso rigider die Gesellschaft

Warum ist das so? Warum reagieren Menschen in verschiedenen Ländern oder Kulturkreisen unterschiedlich auf solche kleineren oder größeren Verstöße gegen Verhaltensnormen und Anstandsregeln?

Eine internationale Forschergruppe ist dieser Frage nun in einer 33 Länder umfassenden Untersuchung auf den Grund gegangen. Das durchaus überraschende Ergebnis ihrer insgesamt knapp 7000 Interviews mit Personen aus diesen Ländern: Gesellschaften sind je nach dem Grad ihrer potenziellen Bedrohung durch Kriege, Umweltkatastrophen, Epidemien oder Ressourcenknappheit unterschiedlich tolerant in Bezug auf derartige Normabweichungen. Die Faustregel lautet: Je höher die Belastung einer Gesellschaft oder eines Landes durch solche Gefahren, desto restriktiver reagiert sie auf von der Norm abweichendes Verhalten.

Dies gilt nach den Untersuchungen des Forscherteams, das seine Ergebnisse im US-Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht hat, etwa für asiatische Länder wie China, Japan, Südkorea, Indien oder Malaysia. Am restriktivsten erwies sich Pakistan, ein Land, das besonders von Unruhen, Überbevölkerung und Ressourcenknappheit geprägt ist.

Deutschland liegt auf der Toleranz-Skala im Mittelfeld

Am anderen – liberalen – Ende der Skala stehen mit der Ukraine, Estland und Ungarn drei europäische Länder, die nach dem Ende des Sozialismus im Vergleich zu früher einen hohen Grad an Liberalität und Freiheit erlangt haben. Allerdings ist die Grenze zwischen Toleranz und Gleichgültigkeit nicht immer leicht auszumachen. Deutschland, das in dieser Untersuchung in West- und Ostdeutschland aufgeteilt war, landete im Mittelfeld.

Warum die Gesellschaft in der stabilen Demokratie Deutschland nicht zu den liberalsten zählt, was das Verhalten gegenüber Normabweichlern angeht, erklärt Manfred Schmitt, Professor für differentielle und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Koblenz-Landau, der für Deutschland an der Studie mitgewirkt hat: „Die deutsche Erfahrung ist von zwei großen Kriegen im 20. Jahrhundert und katastrophalen Ereignissen wie der Pest geprägt. Normen verändern sich nur sehr langsam und über viele Generationen, und deshalb entsteht Liberalität gegenüber abweichendem Verhalten nicht über Nacht.“

Toleranz und politischer Autoritarismus können auch nebeneinander existieren

Ein besonders überraschendes Ergebnis der Studie ist, dass Toleranz und politischer Autoritarismus in einer Gesellschaft durchaus nebeneinander existieren können. Der ausschlaggebende Faktor ist nach Ansicht des Forscherteams der Grad der Belastung, unter der die Gesellschaft existiert. „Ein Land wie Japan ist von einer hohen Bevölkerungsdichte, einer geringen Anbaufläche und von Erdbebengefahr geprägt“, erklärt Manfred Schmitt. „Die Gesellschaft in einem solchen Land ist gezwungen, sich sehr gut zu organisieren. Das erzeugt eine gewisse Strenge und Konformität. Die Verhaltensspielräume für den Einzelnen sind dort eingeschränkter.“

20 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist der Unterschied zwischen den Haltungen der Menschen in West und Ost deutlich spürbar. Schmitt erklärt das mit der Trägheit von Mentalitätsveränderungen.  

www.sciencemag.org

Von Johannes Wendland

Stellenangebote im Bereich Forschung & Entwicklung

TH Köln-Firmenlogo
TH Köln Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in ökologische Unkrautbekämpfung / Agrar Köln
WILO SE-Firmenlogo
WILO SE Entwicklungsingenieur (w/m/d) Elektrotechnik Dortmund
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Elektroplaner / Produktingenieur für mobile Assistenzsysteme (w/m/d) Bruchsal
Fresenius Kabi Deutschland GmbH-Firmenlogo
Fresenius Kabi Deutschland GmbH Entwicklungsingenieur / Innovation & Development Engineer (m/w/d) Bad Hersfeld
Weidemann GmbH-Firmenlogo
Weidemann GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Antriebstechnik Diemelsee-Flechtdorf
B. Braun Avitum AG-Firmenlogo
B. Braun Avitum AG Entwicklungsingenieur Elektrotechnik (m/w/d) Melsungen
Heraeus Quarzglas Bitterfeld GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Heraeus Quarzglas Bitterfeld GmbH & Co. KG Projektleiter (m/w/d) Forschung & Entwicklung Bitterfeld-Wolfen
Heraeus Quarzglas Bitterfeld GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Heraeus Quarzglas Bitterfeld GmbH & Co. KG Projektleiter (m/w/d) Entwicklung Bitterfeld-Wolfen
XENIOS AG-Firmenlogo
XENIOS AG Projektleiter R&D (m/w/d) im Bereich Neuproduktentwicklung Heilbronn
ADMEDES GmbH-Firmenlogo
ADMEDES GmbH Werkstoffwissenschaftler (m/w/d) Für den Bereich Technologie und Innovation Raum Pforzheim

Alle Forschung & Entwicklung Jobs

Top 5 Forschung

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.