Zukunftswelten 04.02.2011, 19:51 Uhr

Späher aus dem All als Katastrophenschutz der Zukunft

In den kommenden Jahren will Europa die ersten Satelliten für ein eigenständiges System von Erdbeobachtungssatelliten ins All schießen. Der Name des Projekts: GMES (Global Monitoring for Environment and Security). Nach dem Satellitennavigationssystem Galileo ist GMES ein weiterer Schritt der Europäer in Sachen Autonomie. Mit den GMES-Satelliten sollen der Klimawandel überwacht und Naturkatastrophen vorhersehbar werden. Und wie Galileo soll auch GMES in Zukunft kommerzielle Dienstleistungen anbieten.

Silbern glänzende Olivenbäume überziehen die sanften Hügel. Römische Campagna wie aus dem Bilderbuch –wären da nicht die modernen Gebäude und großen Satellitenschüsseln auf dem Gelände. Denn hier in Frascati, unweit von Rom, entwickeln die Wissenschaftler der Europäischen Weltraumorganisation ESA Satellitensysteme der Zukunft.

Auf den Rechnern in den Büros leuchten Satellitenbilder aus dem Weltall. Vor einem sitzt Josef Aschbacher. Der Österreicher ist verantwortlich für die technische Infrastruktur des seiner Ansicht „ehrgeizigsten Erdbeobachtungssystems der Welt“: GMES (Global Monitoring for Environment and Security).

Das Ziel ist ambitioniert: Mit einer speziellen Konstellation von Satelliten, Sentinels genannt, ergänzt durch die Umweltdaten anderer Satelliten, will GMES ein dichtes Netz an Umweltdaten liefern: von der Abholzung der Wälder über den Zustand der Gewässer bis hin zu Daten über Flutkatastrophen, Waldbrände und Luftqualität.

GMES hat zudem eine Sicherheitskomponente: Die Satelliten sollen illegale Migration aufdecken und kritische Infrastrukturen wie Brücken, Dämme oder Kernkraftwerke überwachen.

1998 einigte sich die ESA mit den nationalen Raumfahrtbehörden ihrer Mitgliedsländer auf die Entwicklung von GMES. Seitdem arbeiten Wissenschaftler und Unternehmen europaweit an den unterschiedlichsten Projekten zur Ausgestaltung von GMES.

Da das System bisher über keine eigenen Satelliten verfügte, wurden Daten aktueller Umweltsatelliten, wie Envisat, Metop oder GOCE für eine Art „virtuelles GMES“ genutzt.

Das wird sich bald ändern: Ende 2012, Anfang 2013 sollen die ersten speziell für GMES entwickelten Sentinel-Satelliten ins All starten (siehe Kasten).

Mit rund 100 Experten koordiniert Aschbacher den Bau des Bodensegments, von dem aus die Kommandos an die Satelliten gehen. Auch wenn die Sentinels im Einsatz sind, werden die Daten anderer Satelliten weitergenutzt. „Wir können dann“, so Aschbacher, auf gut 15 Satelliten zurückgreifen.

Damit lässt sich auch eine Schwäche von GMES ausgleichen: Die Sentinels überfliegen in der Regel nur alle fünf Tage einmal den selben Punkt der Erde. Durch die Nutzung zusätzlicher Satelliten lässt sich dieser Mangel zumindest teilweise beheben.

Denn GMES hat ein ambitioniertes Ziel: So wie Galileo Navigationsdaten kommerziell anbieten wird, soll auch GMES kommerziellen Nutzern Umweltdaten liefern. „Wir müssen das Programm an den Nutzer bringen“, so Aschbacher, „sonst hat es keine Zukunft.“

Deshalb werden von der EU Dutzende Projekte gefördert, die die kommerzielle Nutzung der GMES-Daten vorbereiten. Erst in der vergangenen Woche verabschiedete die EU-Kommission zwei neue Projekte: In dem einen werden dem privaten Nutzer in Echtzeit Daten über die Luftqualität vor seiner Hautür aufs Handy oder per SMS geschickt, bei dem anderen geht es darum, die Bildung von Eisbergen im Polarmeer und der Ostsee zu überwachen und zu prognostizieren und sie interessierten Reedereien zur Verfügung zu stellen.

Der Geschäftsbereich Geo-Information Services von Astrium hat auf der Basis von Satellitendaten eine Vermögenswertkarte entwickelt, die zeigt, wo welche Vermögenswerte regional verteilt sind und welche Gefährdungspotenziale, etwa durch Überflutung oder Brände, bestehen. „Für die Risikoabschätzung von Versicherungen kann das eine entscheidende Information sein“, so Franz Jaskolla, bei Astrium Geo-Information Services für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder zuständig.

Mit solchen Anwendungsfragen beschäftigt sich auch Roya Ayazi. Die Juristin ist Generalsekretärin von Nereus in Brüssel, einem Netzwerk von 26 europäischen Regionen, die die Errungenschaften der Raumfahrttechnologie für sich nutzen wollen. „Die an GMES-Interessierten bilden inzwischen eine starke Gemeinde“, sagt Ayazi mit Blick auf Landstriche wie die Abruzzen (Italien), Azoren (Portugal), Andalusien (Spanien), Mazovien (Polen) oder deutsche Bundesländer wie Baden-Württemberg, Brandenburg oder Bremen.

So setzen die Südeuropäer auf GMES, um Waldbrände effizienter zu bekämpfen. Die Küstenregionen schließen sich zusammen, um GMES für ihr Küstenmanagement (Erosion der Strände, Messung von Strömungen und Wasserqualität) einzusetzen.

Zumeist sind das öffentliche und kommunale Interessenten, vereinzelt gibt es aber auch innovative Privatfirmen, die Dienstleistungen auf der Basis von GMES-Daten anbieten. „Das muss allerdings“, betont die Generalsekretärin, „noch viel stärker ausgebaut werden.“

Das weiß man auch in Bremen. Die Hansestadt versteht sich als GMES-Pilotregion. Mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), den Firmen OHB und Astrium und der Universität als Partner hat die Stadt 2009 „ceon“, eine landeseigene Kontaktstelle zur Vermarktung von GMES-Daten gegründet. „Wir verstehen uns als Infobörse, als Technologie-Transferzentrum“, erklärt ceon-Chef Stephan Holsten.

Holstens Ansprechpartner sitzen in Industrie und Behörden. Mit GMES, hofft er, können in Zukunft Bremer Reedereien ihre Schiffe sicherer und kostengünstiger und vielleicht sogar auf völlig neuen Routen um die Welt schicken. Die Bremer Beluga Reederei lotste bereits mithilfe von Erdbeobachtungsdaten aus dem All erstmals ihre Handelsschiffe über die Arktis-Route vom Atlantik in den Pazifik.

Was den Sicherheitsaspekt angeht, besteht bei GMES allerdings Nachholbedarf: So beklagte das EU-Parlament noch vor Kurzem, dass bei GMES etwa in Sachen Bildauflösung „bedauerlicherweise die besonderen Bedürfnisse des Sicherheits- und Verteidigungssektors“ zu kurz kämen.

Dass GMES einen nachhaltigen Einfluss auf die europäische Wirtschaft, aber auch auf die Bürger in Europa, haben wird, darin sind sich Fachleute allerdings einig. „So wie heute Meteosat für die tägliche Wetterkarte genutzt wird, ist GMES künftig für Klimawandel, Katastrophenschutz oder das Management der Meere unverzichtbar“, so Holsten.

„GMES“, ergänzt Roya Ayazi, „wird den Regionen helfen, die Sicherheit bei natürlichen und technischen Katastrophen, bei humanitärer Hilfe und Rettungseinsätzen zu erhöhen.“

Darauf setzt auch Jaskolla: „Wir können mit GMES genauere, gezieltere Informationen bei Katastrophen bereitstellen und auch den Verlauf etwa von Bränden oder Überflutungen präziser vorhersagen und damit die Rettungsaktivitäten unterstützen.“

Auch in Sachen Klimaschutz, so Jaskolla, wird GMES eine wichtige Rolle spielen: „Wenn Europa einmal Technologien wie das Speichern von CO2 im Boden nutzen wird, dann können wir mithilfe von GMES feststellen, ob sich etwa der Erdboden aufwölbt. GMES schafft einfach mehr Sicherheit für viele Maßnahmen.“ S. SEEGER/moc

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