Forschung 06.11.1998, 17:19 Uhr

Sehnsüchtig erwartete Erfindungen

Nur skurril – oder morgen vielleicht schon nützlicher Alltagsgegenstand? Das ist die Frage bei vielen der rund 500 Einzelerfindungen, die sich auf der Nürnberger Erfindermesse präsentierten.

Viel los war nicht, Ende vergangener Woche im Obergeschoß der Halle 10 des Nürnberger Messegeländes, kein Gedränge, keine millionenteuren und spektakulär designten Messestände, eher das Gegenteil: Ein Tisch, ein Stuhl, das Exponat oder Muster und zumeist selbstgestaltete Plakate, das war s. Denn was hier ablief, war die seit 50 Jahren regelmäßig stattfindende Erfindermesse Iena (Ideen – Erfindungen – Neuheiten). Und Millionäre wollen diese privaten Erfinder ja erst noch werden. Andreas Klossek wähnt sich schon ganz nah dran am Millionärsdasein. Siegessicher klettert der 21jährige auf die von ihm entwickelte kippsichere Arbeitsleiter. Die 3 kg bis 5 kg schwere Aluminiumkonstruktion gewährleistet einen Anstellwinkel von 68 bis 75 , läßt sich zusammenklappen und mit ein- oder zweiteiligen Leitern nachrüsten. Nachgeholfen hat sein Arbeitgeber, die Pfleiderer AG. Mit ihr wird er sich seine Millionen teilen müssen. Ein paar Stände weiter läßt ein freundlicher Herr mit modisch kurzem Barthaar Briefe in einem Schlitz verschwinden. Mehr aus einem Selbstverteidigungsreflex heraus wurden seine Frau, die Aachenerin Ursula Koppetsch-Blackert, und er zu Erfindern. Nachdem bei den Blackerts zweimal eingebrochen wurde, entwickelte die Lehrerin als Erstlingswerk die „Posteinzugsvorrichtung“, die verhindert, daß Post verräterisch aus dem Kasten schaut und halb im Postkasten steckende Zeitungen vom Regen durchnäßt werden. Lichtschranken, Scheibenwischermotor und rotierende Gummilappen samt Zeitschaltung befördern die Post in 2 s bis 3 s automatisch und diebstahlsicher durch den Briefschlitz ins Haus oder in den Postkasten. „Für Serienbriefkästen“, so Blackert, „wäre auch Solartechnik denkbar“. Der Blackertsche Postbote ist jedenfalls von der Erfindung hellauf begeistert. Verglichen mit solchen Erfindungen, sehen der Rasierklingenschärfer, der Handschuh mit Schwimmhäuten oder der Doppellochdosenöffner alt aus. Und ob die Welt auf beheizte Schuheinlagen oder die koreanische Herrenhose mit Temperaturkontrolle gewartet hat, muß sich noch zeigen. Doch Erfolge hat es auf der Nürnberger Erfindermesse Iena immer wieder gegeben. So wurde hier der erste Rollenkoffer durch die Halle gezogen, in den 60er Jahren machte sich der Prototyp eines Pkw-Sicherheitsgurtes stramm. Auch Snow- und Skateboard, Roller-Skates, Klappfahrrad, die heute im Verbandskasten obligatorische Rettungsdecke, die sich aufrollende Hundeleine, der teilbare Bierkasten und der Wasserstopp für die Toilette hatten in Nürnberg Premiere. Vor mittlerweile 50 Jahren trafen sich die Erfinder erstmals zur Nürnberger Messe, damals weltweit das erste Treffen dieser Art. Heute gibt es fast in jedem Land eine Erfindermesse. In Nürnberg halten sich die Besucherzahlen in Grenzen, die Ausstellungsleitung spricht von insgesamt 3700 bis 4000 Fachbesuchern. Es könnten aber nicht nur mehr Besucher, sondern auch mehr Aussteller da sein, klagt der Deutsche Erfinder-Verband e.V. und moniert die Ungerechtigkeit, daß im Rahmen der „höchst veralteten Patentgesetzgebung“ die Gebühren für Großkonzerne und für freie Erfinder, z. B. Schüler, gleich hoch sind. Der Verband fordert deshalb eine nach Unternehmensumsatz gestaffelte Gebührenregelung und die konsequente juristische Verfolgung widerrechtlicher Patentnutzung. Gegenwärtig werde dem kleinen Erfinder angesichts der vorzufinanzierenden Kosten „die Möglichkeit und die Lust genommen, sein Recht gerichtlich zu verteidigen“. Und dann ist da natürlich, wie im richtigen Leben, die Konkurrenz aus Fernost. Neben Korea stellt Taiwan die stärkste Gruppenpräsentation auf der Iena. Und die Erfinder aus Fernost drohen den Deutschen das Wasser abzugraben. Der 63jährige Taiwanese Hus Kuei-Chin hat aus rostfreiem Stahl einen Fischfangkäfig entworfen. Wenn ein großer Fisch in den Käfig schwimmt, um nach dem vorbereiteten Köder zu schnappen, geht die Falle zu. Ein Leuchtsignal auf einer Art Schwimmreifen über dem Käfig an der Wasseroberfläche zeigt den Fischern den Fang an. Die kleinen Fischlein können derweil ungehindert durch den Maschendraht entschlüpfen. Man ahnt es: So etwas hat das Zeug, den Erfolg eines Sony-Walkman in den Schatten zu stellen. Kuei-Chins Landsmann Tseng Sheng-Tsai liegt voll im grünen Trend und zeigt ein automatisches Getriebe für Elektroautos, das aus nur 209 Einzelteilen besteht. 26 Patente in 14 Ländern wurden dafür schon erteilt. Auch sein Exklusiv-Agent, Wulien Shie, weiß, was heute angesagt ist: Er ist kein x-beliebiger Yuppie-Manager, sondern Mönch der Amitofo World Peace Movement Association (AMT). Und wenn er an etwas glaubt, dann an Sheng-Tsais Getriebe. Mit Audi habe er jedenfalls schon interessante Gespräche gehabt, berichtet er und schüttelt seine Ordenstracht. Und noch einen Trend bestätigte diese Messe: Die Konkurrenz wird immer jünger. In der schuleigenen Erfinderwerkstatt des Maristengymnasiums in Fürstenzell haben seit 1983 Hunderte von Schülern pfiffige Ideen entwickelt, und auch dieses Jahr sind sie wieder in Nürnberg dabei – mit einer Entfeuchtungsvorrichtung für Kühlgeräte. Diese nimmt das Wasser auf und zeigt an, wann ein Auswechseln der Aufnahmevorrichtung not tut. Die wird dann im Backofen wieder fit und trocken gemacht für den nächsten Einsatz. Auch der Handschuhtrockner aus beheizbaren Lockenwicklern könnte als Service schon bald in jeder Skihütte stehen. 17 Patente haben Maristenschülerinnen und -schüler bisher eingeheimst, das Durchschnittsalter der Patentinhaber liegt bei gerade einmal 14 Jahren. Ihr Lehrer, Studiendirektor Hubert Fenzl, sieht nur bei der Vermarktung ein Problem. In den Entwicklungslabors großer Konzerne „kratzt es zu sehr am Image“, wenn die Idee eines Kindes aufgegriffen würde. Es könne durchaus passieren, daß eine Erfindung durch Profihände etwas geändert auf den Markt komme und der jugendliche Erfinder gehe leer aus, sagt Fenzl. In Nürnberg, machte es den Eindruck, werden sie nicht die einzigen sein, die leer ausgehen.
MARION NOBBE

Ein Beitrag von:

  • Marion Nobbe

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