Forschung 11.02.2011, 19:51 Uhr

Schwierige Bewertung von Nanomaterialien

Die Risiken von Nanomaterialien lassen sich nicht so einfach bewerten. Aktuell zeigt sich das an einer umstrittenen Studie zur Verwendung von nanoskaligem Titandioxid.

In Europa verhandeln Parlament und Rat derzeit über ein Nano-Moratorium für Lebensmittel. Demnach dürfen Nanolebensmittel nicht in Verkehr gebracht werden, solange es keine anerkannten Testmethoden zur Risikoabschätzung gibt. Es dürfte noch einige Zeit dauern, bis die vorliegenden Studienergebnisse etwa zur Verwendung von Nanosilber oder Nano-Titandioxid in standardisierten Testverfahren münden.

Wie diffizil die Bewertung der Materialien ist, zeigte jetzt eine Studie der Universitäten Lausanne und Orléans sowie des französischen Forschungszentrums CNRS. Sie behauptet, dass Nano-Titandioxid ähnlich wirkt wie Asbest und Siliziumdioxid. Im Tierversuch hatte es im Bauchfell und der Lunge einen Proteinkomplex stimuliert, der entzündliche Reaktionen hervorruft. Die Forscher folgern daraus ein mögliches Krebsrisiko für Menschen, die hohen Konzentrationen von Nano-Titandioxid ausgesetzt sind. Für ihre Tests verwendeten die Forscher zudem menschliche Zellen.

Ein differenzierteres Bild zeigten Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg bereits 2009. Sie untersuchten die Titandioxid-Oberflächenbeschichtung von Implantaten. Demnach können verschiedene Oberflächengeometrien von Substraten im Nanometerskalenbereich einen unterschiedlichen Einfluss auf das Verhalten von Stammzellen ausüben. Während Geometrien von 100 nm einen gezielten programmierten Zelltod einleiteten, ließ sich auf 15-nm-Strukturen eine deutlich erhöhte Zellaktivität beobachten.

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit kritisierte den Asbest-Vergleich der schweizer-französischen Forschergruppe jetzt als „unseriös“. Entzündungsreaktionen entstünden im Tierversuch nicht nur mit nanoskaligen, sondern auch bei größeren Partikeln, wenn die Lunge damit massiv überladen werde. Eine Gefährdung des Menschen könne daraus nicht abgeleitet werden.

Die Behörde verweist auf das EU-Projekt „Nanoderm“, das feststellte, dass die gesunde Haut eine gute Barriere beispielsiwese für nanoskaliges Titandioxid aus Kosmetika darstellt. Kritischer sei es allerdings bei -der Aufnahme von freien Partikeln über die Lunge. Entsprechend müsse bei der Herstellung der Partikel auf den Schutz von Arbeitnehmern geachtet werden.

Die Schweiz verschärfte deshalb erst kürzlich den Höchstwert für die Konzentration von nanoskaligem Titandioxid am Arbeitsplatz um den Faktor 30 gegenüber herkömmlichem Titandioxid. Die Schweiz verfügt zudem bereits seit 2008 über ein Vorsorgeraster für die Erkennung und Begrenzung möglicher Risiken durch synthetische Nanomaterialien. Die deutsche Nano-Komission wünscht sich nun für die Risikoabschätzung eine enge Abstimmung mit dem Schweizer Vorsorgeraster.

C. SCHULZKI-HADDOUTI

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