Forschung 07.04.2000, 17:24 Uhr

Schüler treffen sich in Erfinderclubs

Mit Erfinderclubs will das Bildungsministerium Jugendliche an die Themenfelder Technik und Innovation heranführen. Besonders interessante Arbeiten wurden jetzt ausgezeichnet. In Zukunft werden sich engagierte Schüler und Unternehmer zusätzlich noch auf einer Innovationstour treffen.

Pennäler machen Patente – beispielsweise im „Erfinderclub“ des Gymnasiums St. Georgen im Schwarzwald. Neun Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse erhielten am Dienstag den ersten Preis in einem Wettbewerb des Bundesbildungsministeriums unter dem anspruchsvollen Leitwort „Technik für Menschen – Lebensqualität durch Innovation“. Die Jugendlichen haben eine hydraulische Bremse für Inlineskates entwickelt, Marke „Ursula“ nach ihrer Physiklehrerin und Clubchefin Ursula Schaab. Das Stoppen lässt sich so direkter und dosierter auslösen als mit mechanischer Kraftübertragung auf den herkömmlichen Bremsklotz. Zehn Millionen Rollschuhfahrer allein in Deutschland können sich demnächst noch sicherer als bisher bewegen.
Der Erfolg hat stets viele Väter. Hilfreich war ein Unternehmen der Region, „axel maier“. In seiner Lehrwerkstatt für Kunststoffprodukte konnten die Schüler ein Ferienpraktikum absolvieren und an ihrem Bremssystem weitertüfteln. Auch Oberstudienrätin Schaab opferte dafür zunächst ihre Freizeit. Inzwischen ist der Erfinderclub voll in den Schulunterricht integriert, als zusätzliches „Seminarfach“ für Freiwillige, das allerdings auch Punkte fürs Abi bringt. Besonders musische Mitschüler können alternativ im Symphonie-Orchester mitspielen, wieder andere eine dritte Fremdsprache (Spanisch) belegen.
Das Bundesbildungsministerium fördert mit jeweils ein paar 1000 DM im Jahr insgesamt 150 Erfinderclubs, zwei Drittel davon an Schulen. Das Interesse erwacht oft früh. So entwickelte die Sechstklässlerin Evi Baumgart vom Erfinderclub Dersekow/Mecklenburg-Vorpommern ein „Uhrengedächtnis“, das Termine vormerkt und zur gegebenen Zeit über Lautsprecher zum Beispiel an den Zahnarzttermin erinnert.
Erfindungen und Patentanmeldungen sind der greifbarste, aber nicht einzige und nicht unbedingt wichtigste Leistungsindikator für Innovation. Viele Neuerungen sind als Betriebsgeheimnis besser geschützt als durch die in der Patentschrift veröffentlichte „Lehre zum technischen Handeln“. Die Optimierung von Arbeitsprozessen lässt sich zum Beispiel in einer solchen „Lehre“ gar nicht darstellen, erläutert der Aachener Ingenieurprofessor Karl Nienhaus – und doch kann die Prozessoptimierung gerade in hoch entwickelten Industrien ganz wesentlich zur Wertschöpfung beitragen. „Es kommt nicht immer auf die neueste Maschine an, sondern auf die Steuerung des Gesamtablaufs“, so Nienhaus
Um Schülern ein möglichst vielfältiges Panorama von Produkt- und Prozessinnovation zu vermitteln, fördert das Bundesbildungsministerium parallel zu den „Erfinderclubs“ seit vergangenen Herbst sogenannte „Innovationstouren“. Lehrer und Schüler der Sekundarstufe II an zunächst acht Gymnasien und berufsbildenden Schulen zwischen Rhein (Neuss) und Oder (Frankfurt) besuchen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Firmen in der Region und verarbeiten die Eindrücke im Unterricht. In einer neunmonatigen Experimentierphase soll zunächst festgestellt werden, welche Aspekte von Theorie und Praxis der Innovation sich an welche Fächer anknüpfen lassen. Das müssen nicht unbedingt naturwissenschaftlich-technische Fächer sein, erläutert Hartmut Koch als fachlicher Betreuer des Projekts. Geeignet ist beispielsweise auch die „Wirtschafts- und Rechtslehre“.
Die ersten Versuchsschritte in der Schulpraxis werden ergänzt durch einen Innovations-Ansatz „von oben“: Fachleute entwickeln neue Unterrichtseinheiten und -materialien, die mit den gegebenen Lehrplänen im Einklang stehen. Dabei hängt viel von der Lehrerfortbildung ab. Bei allen Ambitionen verkennt Projektbetreuer Koch allerdings nicht den Boden der Tatsachen, der durchaus steinig ist: Wegen des Unterrichtsausfalls sind Schulleiter allemal nur sehr zurückhaltend mit Fortbildungsveranstaltungen für Kollegen einverstanden. Nichtsdestoweniger sollen die „Innovationstouren“ nach den Sommerferien auf breiter Front, mit mehr als den bislang acht teilnehmenden Schulen, ins Laufen kommen.
Die Schulaktivitäten zugunsten von Invention und Innovation sind Teil eines umfassenden Programms des Bundesbildungsministeriums, das schon seit Mitte der 90er Jahre die „INnovationsSTImulierung der deutschen Wirtschaft“ (INSTI) im Auge hat. Die erste Initiative bestand darin, kleine und mittlere Unternehmen auf den Geschmack am Patentieren zu bringen. Sie scheuen oft den bürokratischen Weg, die Kosten und womöglich einen Rechtsstreit um die Erfindung.
Weiterhin rief INSTI zusammen mit der Hochschulrektorenkonferenz die Universitäten und Fachhochschulen auf, das Patentwesen in Forschung und Lehre zu forcieren. Nur 2 % aller Anmeldungen beim Deutschen Patentamt kommen bislang aus Hochschulen (vgl. VDI nachrichten Nr. 20 vom 21. Mai 1999: „Kaum Patente von Professoren“). Bei einer repräsentativen Umfrage sprach fast jeder mit „Forschung und Entwicklung“ befasste Hochschullehrer der Publikationstätigkeit eine mittlere bis hohe Bedeutung zu. Patente erschienen nur jedem zweiten genauso wichtig, für knapp die Hälfte haben sie „keine oder nur eine geringe Bedeutung“. Um diese Geisteshaltung zu ändern, fördert INSTI jetzt zum Beispiel Lehraufträge zum gewerblichen Rechtsschutz an natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichen (INPAT).
HERMANN HORSTKOTTE
Florian Betz, Christopher Kundmüller und Markus Meier setzten sich mit einem Solarlampenschirm bei den Mini-Forschern durch. Pate war die Fraunhofer-Patentstelle für die Deutsche Forschung.
Manuel Blessing, Dominik Kaltenbacher und Marius März präsentierten in Bonn einen einspurigen Rollschuh mit hydraulischer Bremse. Sie sind die Sieger bei den Junioren. Pate war hier das Steinbeis-Transferzentrum.

Von Hermann Horstkotte

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