Forschung 28.09.2001, 17:31 Uhr

Sandfisch schlägt Windkanal

Über 60 000 Menschen bestaunten Mitte September in einer „Langen Nacht der Wissenschaften“ die Labors und Institute Berliner Forscher. Sie amüsierten sich, Caiphirinha floss in Strömen und mancher ging heiser nach Hause.

Es gab so viel zu sehen hier. Und zu hören. In dieser langen Nacht. Aber fangen wir erst mal mit dem Riechen an und stecken unsere Nasen in diese Glaskolben, die aus einer blank gewienerten Edelmetallkiste ragen. Ein Anflug von Moos oder Holz steigt auf, irgendwo da drin summt ein kleiner Elektromotor.

Doch der Geruch bleibt vage und Ole Böttcher freut sich über mein ratloses Gesicht. Denn Böttcher ist Riechprofi, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hermann Rietschel Institut und hat das „Riechlabor“ in den Gängen seines Instituts an der TU Berlin mit aufgebaut. „Na, schon eine Ahnung“, fragt er?

Nein, keine Ahnung. Dafür duftet die zweite Probe klar nach Wein. Und die dritte Probe erst, Zitrone! „Auch leider falsch“, sagt Böttcher lächelnd, und öffnet die Metallbox: Brauner Zucker, Cachaca und Limone. Drei Mal daneben gerochen. Immerhin weiß ich, was dabei raus kommt, wenn man das alles zusammen gießt: Caiphirinha. Das süße Gesöff fließt in Strömen an der Bar unter dem weißen Behelfszelt am Eingang des Instituts. Also, prost!: Auf die erste „Lange Nacht der Wissenschaften“ in Berlin.

Seit Anfang des Jahres haben Wissenschaftler der Stadt für diese Nacht gebastelt: Bei den Biomedizinern im nördlichen Stadtteil Buch dreht sich alles um Gentechnik und Lebenswissenschaft. Die Techniker und jungen Firmen im süd-östlichen Wissenschaftspark Adlershof öffnen ihre Labors und Prüfstände, um Solarzellen und ihre Fußball-Roboter vorzuführen. Und weit im Süd-Westen, im gut bewachten Hahn-Meitner-Institut am Wannsee, dürfen Besucher die Sicherheitssperren passieren und sich in die Nähe des Elektronenbeschleunigers und des Atomreaktors wagen.

Die lange Nacht begann Samstag, abends um 18 Uhr. So groß war der Wunsch der Wissenschaftler, mit den ganz normalen Berlinern ins Gespräch zu kommen, dass zuletzt nicht mal die Organisatoren mehr wussten, wie viele Institute und Veranstaltungen in dieser Nacht bereit stehen – an die 100 werden es wohl gewesen sein.

Im Riechlabor, versichert Böttcher, wird nicht nur Caiphirinha probiert. Normalerweise dreht sich hier alles um Geruchstests in dem großen Glashaus, das in einem der hinteren Räume steht. Dort sitzen trainierte Spürnasen, die über die Düfte von Teppichen und Möbeln befinden. „Sick-Building-Syndrom“ ist der Antrieb aller Arbeit hier.

Seit der Ölkrise in den 70er Jahren haben Ingenieure weltweit die Luftwechselraten in den Gebäuden gesenkt. Weil dadurch die Gerüche aus den Produkten nicht mehr abtransportiert werden, reagieren immer mehr Menschen mit Übelkeit und Kopfschmerzen. „Die menschliche Empfindung ist das Maß aller Dinge“, sagt Boettcher. Seine Tester schicken deshalb Produkte, die zu sehr riechen, zurück an den Hersteller.

Die Luft- und Raumfahrt-Techniker haben da andere Probleme. Sie testen einen neuen Antrieb, der in 15 Jahren einmal ein europäisches Space-Shuttle in den Orbit schleudern soll. Statt Kerosin oder Wasserstoff, treibt eine explosive Mischung aus flüssigem Sauerstoff, Wasserstoff und heißem Wasserdampf den Raumgleiter an.

Auf dem Berliner Boden der Tatsachen arbeiten die Wissenschaftler mit einem bescheidenen Modell: „Aquarius“ heißt das Mini-Raumschiff und ist so groß wie ein kleines Bierfass. Am Ende seines Körpers sitzt ein eckiger Kasten, der entfernt an einen Rasenmähermotor erinnert. Hier wird das Wasser erhitzt, bis der Druck im Kessel auf 55 bar ansteigt und das Thermometer 275 Grad misst. Jetzt drängeln sich die Besucher in der Versuchshalle der Luftfahrt-Techniker, der Countdown läuft: Fünf – Vier – Drei – die Besucher gehen auf die Zehenspitzen – Zwei – Eins – Null: Es knallt, Dampf zischt aus dem Heck und die Minirakete zischt ohrenbetäubend und mit 70 km/h über ihre Bahn. Dann kommt sie mit einem lauten Geschepper zum Stehen, eine Schrecksekunde lang ist es still. Dann donnert Applaus durch die Hallen.

Draußen ist der Himmel über Berlin inzwischen schwarz geworden. Zwischen den roten Backsteinbauten auf dem Campus der Charite leuchten warme Glühbirnen an den Imbissständen in die Nacht. Hier knallt nichts, hier stinkt nichts, hier herrscht die Medizin: „Doppelsägen zur Eröffnung der Wirbelsäule“, „Rippenscheren“ und „Nierenklemmen“ aus Edelstahl glitzern fürchterlich in weißen Vitrinen. Daneben zeigen Professoren, was sie heute mit Computern anstellen.

Zwischen den S-Bahn-Bögen und dem Hauptgebäude der Humboldt-Uni an der Straße „Unter den Linden“ schreien sich derweil die Nachtbummler die Seele aus dem Leib. Eine urviehhafte Maschine, groß wie ein Kleinwagen und aggressiv wie ein spanischer Stier, tobt in einem 20 m durchmessenden Gehege aus dicken Eisenrohren: die Anbrüllmaschine.

In seinem Gehege steht das Monster einen Moment lang still, lauscht den Anfeuerungsrufen. „Hey“, „Ho“, und laute Pfiffe, dann rast es batteriegetrieben auf die Stelle zu, wo am lautesten geschrien wird, knallt in die Gitter. Ein Punkt für die Brüller. Denn das Ganze ist ein martialisches Spiel mit rohem Maschinenbau und Computern, bei dem zwei Mannschaften von Schreiern versuchen müssen, die Anbrüllmaschine auf ihre Seite zu locken. Bis die Batterien nachlassen und die Zuschauer sich heiser in der Nacht verlieren.

Es ist spät geworden, und der Sandfisch ist müde. Den ganzen Abend hat er sich durch seine Sandberge am Eingang der Einkaufspassage am Potsdamer Platz gewühlt. Das bleistiftgroße Tier sieht aus wie eine Eidechse. Und nur wenn es unter den Sand taucht und sich wie ein Fisch vorwärts schlängelt, dann drücken die Berliner sich die Nasen platt an seinem Sand-Aquarium, und Ingo Rechenberg lächelt verschmitzt. „Über 100 Mal mal habe ich das heute schon erklärt“, sagt der Professor für Bionik.

Am Potsdamer Platz ist ein kleiner Windkanal aufgebaut, um die Umströmung eines Flügels zu erklären und am Modell einer Kuh erklären Biologen, wie BSE die Nervenbahnen einer Kuh befällt, aber der kleine Sandfisch hat ihnen allen die Show gestohlen. Denn weder auf poliertem Stahl noch auf Kunststoff gleitet Sand so gut wie auf seiner Haut.

Reschenberg ist überzeugt, dass sich die vielen Überstunden für ihn und seine Wissenschafts-Kollegen lohnen. Nicht nur, um Nachwuchs an die eigenen Fachschaften zu locken. „Viele Leute wollen wissen, was wir mit ihrem Steuergeld machen“, sagt Reschenberg. „Und wir sind verpflichtet, ihnen Auskunft zu geben.“ Nachts um zwölf war der Wissensdurst der Berliner dann endlich gestillt. Und der Sandfisch konnte sich zum Schlafen unter seinen Sand zurück ziehen. Müde und zufrieden. Genau wie hunderte Wissenschaftler und 60 000 Berliner.

MARCUS FRANKEN

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