Forschung 14.10.2005, 18:40 Uhr

Neugierde ist der Motor der Kreativität  

VDI nachrichten, Berlin, 14. 10. 05 – In Berlin versuchten Naturwissenschaftler jetzt, dem Phänomen Kreativität auf die Spur zu kommen, die als Auslöser innovativer Prozesse gilt. Sehr unterschiedlich sind dabei die Ansätze der einzelnen Disziplinen.

Einstein stellte sich vor, mit dem Fahrstuhl durch das Weltall zu reisen. Der an Schizophrenie erkrankte und später für seinen Beitrag zur Spieltheorie mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Mathematiker John Nash glaubte, Außerirdische würde durch die New York Times zu ihm sprechen. Für Picasso zerfiel die Welt in bunte, geometrische Figuren. Gemein ist den drei in ihrem Fach als Genies geltenden Männern eine überbordende Fantasie und eine besonders stark ausgeprägte Kreativität. Ihre Eingebungen sorgten für Revolutionen in Physik, Mathematik und Malerei.

Woher aber stammt solche schöpferische Inspiration? Was ist das Rätsel der Kreativität? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des 20. Deutschen Kongresses für Philosophie, der vor kurzem an der Technischen Universität Berlin stattfand. 1200 Teilnehmer aus dem In- und Ausland diskutierten in über 200 Vorträgen das Phänomen der Kreativität. Besonders die modernen Naturwissenschaften waren stark vertreten. Das muss erstaunen. Denn gewöhnlich bringt man Kreativität eher mit Kunst und den so genannten kreativen Berufen – Werbung, Film und Fernsehen – in Verbindung.

„Kreativität heißt, Neues in die Welt bringen und nicht einfach nur Neuartiges“, sagt Günter Abel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und Organisator des Kongresses. „Wir binden Kreativität daran, dass etwas phantasie- und geistvoll ist und dass es uns tiefer ins Material hineinführt.“

„Um überlebensfähig zu sein, hängen Wissens- und Technologiegesellschaften“, beschreibt Abel die Tragweite des Themas, „im Kern von Innovationen und den dahinter liegenden kreativen Prozessen ab“. Sozialer Fortschritt und ökonomisches Wachstum seien unmittelbar an die schöpferischen Leistungen einer Gesellschaft geknüpft. Und so beschäftigen sich insbesondere die modernen Naturwissenschaften, die die Schlüsselthemen unserer Zeit vorgeben, mit dem Phänomen der Kreativität. Hirnforschung, Genetik, Neurobiologie und Informatik – die Speerspitze aktueller Forschung und Innovation – waren allesamt auf dem Kongress vertreten.

Das Zustandekommen von Kreativität wird von diesen Disziplinen indessen unterschiedlich erklärt. Nachdem die Psychologie jahrzehntelang Kreativität als besondere Gabe außergewöhnlicher Menschen betrachtete, setzen die „exakten“ Wissenschaften ganz woanders an. Für die Computerwissenschaft beispielsweise kann Kreativität in Algorithmen übersetzt und in einen Rechner implementiert werden. Ähnliches passiert in der Hirnforschung. Sie versteht menschliches Bewusstsein als neurobiologischen Prozess und Kreativität als einen spezifischen chemischen Zustand im Gehirn. Vielleicht wird es eines Tages bunte Pillen geben, die diesen Zustand herstellen und uns alle smarter und kreativer machen.

Auch für die Wirtschaftswissenschaften ist Kreativität zunehmend Thema. Traditionell wird dort Wirtschaftswachstum mit Kapitalakkumulation erklärt: Ein Unternehmer investiert und schöpft Gewinn ab, um ihn erneut zu investieren. Ab den siebziger Jahren rückte das so genannte „Human-Kapital“ ins Visier. Bildung galt fortan als ökonomischer und von Generation zu Generation zu akkumulierender Faktor. Seit den neunziger Jahren hat sich der Fokus erneut verschoben.

Wachstum durch Innovation lautet nunmehr die Parole. Unternehmen schaffen Innovationen und haben für einen gewissen Zeitraum ein Marktmonopol beispielsweise durch Patente inne, durch die sie Konkurrenz verdrängen. Solche Kreativität lässt sich jedoch weder durch Kapital noch durch Bildung restlos begründen. Ohnehin tut sich die Theorie der Ökonomie schwer damit, das Phänomen in die klassischen Erklärungsmodelle zu integrieren. Wie der Freiburger Wirtschaftsforscher Viktor Vanberg veranschaulichte, hat die Wirtschaftstheorie sich gerade erst vom lange geltenden Gleichgewichtsparadigma verabschiedet und begreift Märkte nunmehr als offene und dynamische Prozesse, die sich keineswegs in der Balance befinden müssen. Durch die neuen „evolutorischen“ Ansätze erhöht sich die Prognosefähigkeit der Disziplin allerdings nicht. Wie sich etwa Kartellamtsentscheidungen, bei denen es um Fusionen großer Unternehmen geht, auf das Marktgefüge auswirken, lässt sich kaum noch treffsicher vorhersagen. Und ebenso wenig, welche Auswirkungen eine Fusionskontrolle auf die Kreativität und Innovationsfähigkeit von Unternehmen übt.

Vor den Augen des Philosophen Günter Abel haben all diese Ansätze ohnehin wenig Bestand. Für ihn können weder Informatik noch Neurobiologie, geschweige denn die Ökonomik, die tatsächlichen Strukturen kreativer Prozesse erklären. „Bei kreativen Vorgängen werden verschiedene Gedanken miteinander verknüpft“, sagt Abel, „Vorstellungen und Bilder, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, werden gegenübergestellt und dann werden überraschende Analogien gezogen.“ Kreativität hat für ihn etwas Unvorhersehbares, weshalb sie sich der wissenschaftlichen Beschreibung auch tendenziell entziehen muss.

HELMUT MERSCHMANN

www.dgphil.de

„Vielleicht wird es irgendwann Pillen geben, die uns smarter und kreativer machen“

Von Helmut Merschmann

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