Tscheljabinsk-Meteorit 28.08.2013, 12:50 Uhr

Neue Erkenntnisse zur Vorgeschichte des Absturzes

Der Tscheljabinsk-Meteorit, der im Februar über Russland abgestürzt ist, hat offenbar eine dramatische Vorgeschichte. Bei der Untersuchung der Trümmerstücke haben Forscher entdeckt, dass der Meteorit entweder mit einem anderen Himmelskörper kollidierte oder sehr nahe an der Sonne vorbeigekommen sein muss.

Ein nahe des Tschebarkul-Sees gefundener Meteroitensplitter. 

Ein nahe des Tschebarkul-Sees gefundener Meteroitensplitter. 

Foto: dpa

Am 15. Februar 2013 raste ein etwa 17 Meter großer Gesteinsbrocken am Himmel über der russischen Region Tscheljabinsk am Ural entlang. Mit einer Geschwindigkeit von 65.000 Kilometern pro Stunde war der Meteorit, dessen Gewicht auf 10.000 Tonnen geschätzt wird, in die Erdatmosphäre eingedrungen. 30 Sekunden später explodierte er etwa 20 Kilometer über der Erdoberfläche. Durch die Druckwelle zersprangen Fensterscheiben in der Millionenstadt Tscheljabinsk und Tausende Trümmerstücke fielen herab. Etwa 1500 Menschen wurden verletzt.

Der größte Teil des Meteoriten liegt auf dem Grund des Tschebarkul-Sees

Während die Geologen davon ausgehen, dass der größte Teil des Meteoriten im nahe Tscheljabinsk gelegenen Tschebarkul-See versunken ist, wurden bisher rund 100 Trümmerstücke an Land gefunden. Das schwerste davon wiegt gut ein Kilogramm. Ein Forscherteam des Instituts für Geologie und Mineralogie (IGM) im russischen Novosibirsk hat einige der Fragmente im Labor näher analysiert. Auf der Goldschmidt Konferenz in Florenz, einem internationalen Treffen von Geochemikern und Geologen, stellten sie ihre Ergebnisse vor.

Der Meteorit gehörte demnach zur Gruppe der sogenannten LL5 Chondriten (Low iron, Low metal). Diese kosmischen Gesteine sind dadurch typisiert, dass sie neben dem Mineral Olivin wenig Gesamteisen und Metall enthalten. Typisch für diesen Chondritentyp sind außerdem relativ große Einschlüsse von rund einem Millimeter Größe. Häufig tragen sie aus der Frühzeit des Sonnensystems zudem Schmelzspuren, die darauf hindeuten, dass sie irgendwann in ihrem langen Leben schon einmal stark aufgeheizt wurden.

Solche Spuren fanden die Geologen nun auch an den Fragmenten des Tscheljabinsk-Meteoriten. Das lässt sich vor allem an den dunkleren Bruchstücken erkennen. Struktur und Mineralzusammensetzung der sehr feinkörnigen Partikel zeigten Hinweise auf einen sehr intensiven Schmelzprozess, berichten die Geologen. „Das bedeutet fast sicher, dass es eine Kollision gab zwischen dem Tscheljabinsk-Meteoriten und einem anderen Objekt im Sonnensystem, oder dass er nur knapp an der Sonne vorbeischrammte“, erklärte Victor Sharygin vom IGM. Welche Variante von beiden zutreffe, lasse sich anhand der bisherigen Proben nicht sagen.

Forscher fanden ungewöhnliche Elemente in der Fusionskruste

Die Schmelzspuren in den dunklen Fragmenten unterscheiden sich deutlich von denen der sogenannten Fusionskruste, der dünnen Materialschicht auf der Außenhaut des Meteoriten, die entstand, während er durch die Erdatmosphäre raste. Aufgeheizt durch die Luftreibung begann diese Schicht zu glühen, schmolz und erstarrte dann wieder, als die Trümmerbrocken den Erdboden erreichten.

In der Fusionskruste fanden die Wissenschaftler kleine Anteile einer Legierung aus Platin, Iridium und Osmium. „Solche Platingruppen-Elemente treten normalerweise als Spurenelemente verteilt in den Mineralen eines Meteoriten auf“, sagte Sharygin. „Aber wir haben sie in einem Metallsulfid-Bläschen in der Fusionskruste gefunden.“ Offensichtlich habe der Schmelzprozess diese Metalle aus dem Gestein herausgelöst und gesammelt.

Die Geologen hoffen, mehr herauszufinden, wenn der Hauptteil des Meteoriten aus dem Tschebarkul-See geborgen wird. Dies soll noch vor Einbruch des Winters geschehen. Allerdings sind die ersten Versuche wegen einer rund drei Meter dicken Schlammschicht am Grund des Sees gescheitert.

Von Gudrun von Schoenebeck

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