Forschung 01.04.2005, 18:37 Uhr

„… mögen die Gegenwart nicht und fürchten die Zukunft“  

Mehr öffentlich aktive Wissenschaftler.

Miegel: Innovation heißt ja nichts anderes als Erneuerung, und der Erneuerung bedürfen alle gesellschaftlichen Bereiche. Dass der Innovationsbegriff verengt worden ist auf die Bereiche der Wissenschaft, Technik und vielleicht noch der Wirtschaft, ist eine Fehlentwicklung. Während im wissenschaftlich-technischen Bereich Innovationen nur so sprudeln, dümpelt die Gesellschaft als Ganzes vor sich hin. Die Schrittgeschwindigkeit der gesellschaftlichen Teilbereiche ist zu unterschiedlich geworden. Das hat uns aus dem Tritt gebracht.

VDI nachrichten: Was fehlt unserer Gesellschaft denn?

Miegel: Die Gesellschaft steht grundlegenden Neuerungen mehrheitlich ablehnend gegenüber. Wenn die Menschen könnten, würden viele die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit rückgängig machen. Sie mögen die Gegenwart nicht und fürchten die Zukunft. In Deutschland herrscht keine Aufbruchstimmung.

VDI nachrichten: Anders als noch im aufstrebenden Deutschland der Wirtschaftswunder-Zeit?

Miegel: Vor 50 Jahren hatten die Menschen viel weniger Geld als wir. Aber sie lebten in einer sehr chancenreichen, weil offenen und durchlässigen Gesellschaft. Die heutige Gesellschaft ist extrem sicherheitsfixiert. Das hat sie erstarren lassen. Denn wer etwas wagt, der riskiert immer ein Stück seiner Sicherheit.

VDI nachrichten: Im Kern geht es Ihnen also um ein Mentalitätsproblem?

Miegel: Richtig. In Deutschland sind die Menschen vom Staat ruhig gestellt worden. Sie sollten sich um nichts sorgen müssen. Aber wohin hat uns das gebracht? Neuerungswillige sind bei uns zu Innovationsspezialisten mutiert: der eine für dies, der andere für das, aber niemand mehr für die Gesellschaft als Ganzes. Diese Zuständigkeit für das Ganze ist der eigentliche Bereich der Politik. Doch gerade hier fehlen die Neuerungswilligen und -fähigen. Dabei denke ich gar nicht in erster Linie an die Berufspolitiker, sondern an Männer und Frauen, die politisch genug sind, die Gesellschaft voranzubringen und zu erneuern.

VDI nachrichten: Aber auch in Forschung und Wissenschaft gibt es doch erhebliche Probleme …

Miegel: Wie ich gesagt habe: Die Schrittgeschwindigkeit der gesellschaftlichen Teilbereiche ist zu unterschiedlich geworden. Es reicht für eine Gesellschaft nicht aus, wenn einzelne Bereiche vorangetrieben werden. Woran hakt es denn beispielsweise in der Gentechnologie? Doch nicht an der Fähigkeit der Wissenschaftler, Neues zu denken. Das Problem ist der zähe gesellschaftliche Widerstand gegen Veränderungen in diesem Bereich. Als Gesellschaft nur partiell innovativ zu sein, ist nahezu unmöglich. Denn irgendwann ist ganz einfach die Grenze erreicht, jenseits derer der kleine innovative und kreative Teil den großen trägen Teil nicht mehr bewegen kann.

VDI nachrichten: Fehlt es nicht auch einfach an innovativen Köpfen?

Miegel: Das glaube ich nicht. Zwar ist der Anteil wirklich innovativer Menschen in einer Gesellschaft immer begrenzt – die meisten sind ihr Leben lang Nachahmer – aber ich bin sicher, dass die Bevölkerung dieses Landes genetisch gesehen genauso viele kreative Köpfe hervorbringt wie die Bevölkerungen anderer Länder. Die Frage ist, was aus diesen Köpfen wird.

VDI nachrichten: Sind unsere Politiker Innovationen gegenüber nicht aufgeschlossen genug?

Miegel: Für Innovationen finden sie immer ein freundliches Wort. Aber sie selbst stehen nur ausnahmsweise im Lager der Innovatoren. Das liegt an ihrem Werdegang. In der Politik kommt nicht nach oben, wer kreativ ist, sondern der bestmöglich Angepasste.

VDI nachrichten: Sollten dann Wissenschaftler politisch aktiver werden?

Miegel: Das würde ich sehr begrüßen. Aber viele haben ganz einfach Angst, sich öffentlich zu engagieren. Sie betrachten die Mauer ihrer Laboratorien als Schutzwall, hinter dem sie sich verschanzen können. Sich mit einer innovationsträgen oder gar -feindlichen Bevölkerung anzulegen, ist nicht ihre Sache.

VDI nachrichten: Viele Kommentatoren meinen, es fehle schlicht an finanziellen Mitteln für mehr Innovation.

Miegel: Es fehlt nicht an finanziellen Mitteln, sondern am Willen, diese für Innovationen zu verwenden. Das ist keine ökonomische, das ist eine gesellschaftliche Entscheidung.

VDI nachrichten: Nämlich?

Miegel: Wir stecken seit mehr als 30 Jahren ein Drittel dessen, was in Deutschland erwirtschaftet wird, in den Sozialbereich. Dafür mag es einsichtige Gründe geben. Nur – erneuernd wirkt diese Mittelverwendung nicht. Der Sozialbereich umfasst zu einem großen Teil Lebensbereiche, in denen es etwas zu bewahren oder zum Abschluss zu bringen gilt: Alter, Krankheit, Pflege. Neues, Tastendes, Aufbauendes findet sich da kaum. Der Aufwand für Soziales pro Kopf hat sich in Deutschland seit 1950 verzehnfacht. Das Pro-Kopf-Erwirtschaftete hat sich nur verfünffacht. Das erklärt einiges.

VDI nachrichten: Was wäre ein konkreter Missstand, den man sofort angehen könnte, um die Gesellschaft zu entkrusten?

Miegel: Bei uns dauert es im Durchschnitt 45 Tage, um ein Unternehmen zu gründen. In den USA reicht ein Zehntel der Zeit. Hier könnte sofort angesetzt werden. Aber auch in anderen Bereichen sind Änderungen nötig. So ist es in Deutschland noch immer sehr schwierig, nach wirtschaftlichem Scheitern wieder von vorne beginnen zu können. In den USA beispielsweise ist das ganz anders. Da wird derjenige, der sich nicht unterkriegen lässt, bewundert. Bis das in Deutschland so weit ist, werden – so fürchte ich – Jahre vergehen. CARSTEN KÖNNECKER

Von Carsten Könnecker
Von Carsten Könnecker

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