Forschung 26.10.2007, 19:31 Uhr

Mit der Ikea-Eieruhr am Plasmatisch  

VDI nachrichten, München, 26. 10. 07, ber – „Jeder kann kochen“, lautet das Motto des Films Ratatouille. „Jeder kann einen PC bedienen“, sagt der Münchner Informatikprofessor Andreas Butz. Es kommt nur darauf an, den PC bzw. mit ihm betriebene Anwendungen so zu gestalten, dass der Nutzer sich seiner Vorteile intuitiv bedienen kann. Für seine Forschungen zum Thema Interaktion von Technik und Mensch und zur Koppelung von virtueller und realer Welt erhält Butz heute den mit 20 000 € dotierten Forschungspreis der Alcatel-Lucent-Stiftung.

Und so schuf Butz zusammen mit Studenten eine Anwendung, bei der Bilder mit den Fingern quer über einen großen Plasmatisch hin- und hergeschoben, gedreht und vergrößert werden können. Mit PhotoHelix kreierte das Team zudem eine Anwendung, die dem Hobbyfotografen erlaubt, geschickt durch seine Bildersammlung zu navigieren.

Und das funktioniert so: Eine Ikea-Eieruhr, der die Forscher eine Funkmaus implantiert haben, wird als Drehknopf auf den interaktiven Plasmatisch gesetzt und von diesem erkannt. Um die Eieruhr legt sich ein spiralförmiger Zeitstrahl, auf dem die Bildersammlung einsortiert ist: Oktober 2007, September 2007, August 2007 usw.

Vorerst arbeitet die Software nur mit wenigen hundert Fotos, später aber soll sie Tausende von Bildern erfassen und nach den Vorstellungen des Fotografen organisieren können.

Die Ikea-Eieruhr kann dann durch einen einfachen, aber edel designten Holzknopf ersetzt werden, der allerdings für jeden Nutzer personalisiert entworfen werden kann. Der Holzknopf steht für eine Grundidee in der Arbeit des 1967 geborenen Butz, der nach seinem Studium in Saarbrücken und an der Columbia University das Spin-off-Unternehmen Eyeled mit aufgebaut hat: Es gilt Computersysteme in den Alltag einzubetten und so zu gestalten, dass sich ihre Verwendung dem Nutzer ohne viel Erklärung mitteilt.

Für Otto Normalverbraucher wird der von Butz und seinen Studenten entwickelte Plasmatisch zunächst noch zu teuer sein. Doch der im Keller der Münchner Uni erprobte Prototyp wird jetzt von den Berliner Unternehmen W5 und Foresee, einer Ausgründung der Traditionsmöbelfirma Wilkhahn, marktreif gemacht. Im kommenden Jahr soll der Multitouch Interactive Table für Architekten und Immobilienmessen auf den Markt kommen.

So können Architekten an dem Tisch ihre Modelle im Team erstellen und verändern oder Bebauungspläne für große Wohnanlagen möglichen Interessenten oder Investoren vorstellen und dabei je nach Wunsch beliebige Detaildarstellungen hervorzaubern. Dafür hat das Butz-Team auch die Frage gelöst, wie mehrere Nutzer parallel am Tisch Elemente verschieben und bearbeiten können.

Aber auch anderswo gibt es für das von Butz an den digitalen Arbeitsplatz zurückgeholte kollaborative Element großen Bedarf. Wolf-Dieter Lukas, Ministerialdirigent im Bundesministerium für Bildung und Forschung, und Jurymitglied bei der Alcatel-Lucent-Stiftung für Kommunikationsforschung, sagte bei der Vorstellung des Preisträgers vergangene Woche in München, er sehe eine Menge Einsatzmöglichkeiten.

„Einsatzzentralen der Feuerwehr, der Polizei oder am Flughafen“, so Lukas, „drucken heute ihre am Bildschirm erstellten Informationen aus und fangen an, sie wieder zusammenzuschnipseln.“ Anders als angenommen gebe es in den Behörden große Probleme bei der Kommunikation, und zwar eben gerade wegen des Einsatzes der Informations- und Kommunikationstechnik, die mehr und mehr die direkte Zusammenarbeit ablöse.

Butz“ Vorschläge liefen letztlich darauf hinaus, digitale Kommunikation gerade mal so gut zu machen wie die direkte, sagte der Geschäftsführer der Alcatel-Lucent-Stiftung Dieter Klumpp. Tatsächlich versucht Butz das Beste aus beiden Welten zu kombinieren – wie das Beispiel des virtuellen, gemeinsamen Brainstorming zeigt. Bei dieser Anwendung können verschiedene Partner kleine Post-Its schreiben, einander über den Tisch zuschnipsen, sie verhandeln, verwerfen oder aber auf einen Wandschirm übertragen, an den vier im Hintergrund laufende Rechner angeschlossen sind.

Um den Überblick zu vervollkommnen, lässt sich weniger Wichtiges dort auf zwei Schirme rechts und links des Plasmaschirms verschieben, die zentralen Gedanken können gruppiert werden, bis eine kollektive Mindmap entsteht. Studien zur Nutzung des virtuellen Brainstorming am Plasmatisch haben laut Butz ergeben: „Es gibt zwar keine signifikant besseren Ergebnisse, aber das Planungsergebnis wird positiver beurteilt.“ Die Kommunikation, bei IT-gestützter Zusammenarbeit häufig ein Problem, sei verbessert, allein schon dadurch, dass sich die Leute am Tisch gegenübersitzen.

Als Nächstes würde er sich wünschen, sagte Butz, einmal eine ganze Wand in einem Gang der Universität mit solch einem interaktiven Schirm auszustatten, damit sich etwa Leute dort Nachrichten hinterlassen können, die dann aktiv werden, wenn etwa der Angesprochene mit seinem Mobiltelefon vorbeikommt.

Vorerst mussten Butz und seine Studenten noch manches improvisieren, von der Eieruhr bis zu den beiden Randschirmen fürs Brainstorming: Nur der Zentralschirm ist ein interaktiver Plasmaschirm. Bekanntlich aber macht Not ja erfinderisch und das hat der Münchner Uni, den beiden Berliner Partnerfirmen und dem Butz-Team gerade auch eine Patentanmeldung eingebracht.

Als Butz-Mitarbeiter Dominikus Baur und Sebastian Boring den Multitouch Interactive Table anlässlich der IFA in Berlin aufbauten, stellten sie fest, dass er wegen zu viel Helligkeit nicht funktionierte – das Infrarotsignal des Tischs kommt da durcheinander. Microsoft präsentierte seinen Surface Interactive Tisch daher bislang in dunklen Räumen, so Butz.

Beim Kaffee entschieden sie, eine zusätzliche Polykarbon- und darüber eine Infrarot-undurchlässige Schicht einzuziehen. Das funktionierte so gut, dass man sich beeilte, es als Patent anzumelden – innerhalb von wenig mehr als einer Woche. Da hat es mit der Kooperation zwischen Forschern, Unternehmen und Patentverwertungsstelle an der Uni München mal gut geklappt, obwohl man dort noch auf die neuen interaktiven Kooperationstools wartet.

MONIKA ERMERT

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