Forschung 12.11.2010, 19:50 Uhr

„Mit der Hightechstrategie haben wir der Weisheit letzten Schluss noch nicht gefunden“

Diese Woche wurde im Deutschen Bundestag der Haushalt des Bundesforschungs­ministeriums verabschiedet. Er schreibt wesentlich die Trends der Vorjahre fort. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, fordert im Gespräch mit den VDI nachrichten von der Bundesregierung eine bessere Koordination der Forschungspolitik.

VDI Nachrichten: Wie lässt sich das deutsche Forschungs- und Innovationssystem stärker auf künftige Herausforderungen ausrichten?

Bullinger: Wir müssen die Hightechstrategie konsequent fortführen. Hier hat man einen Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik organisiert, damit ein breiterer Konsens angestrebt und die Forschungsfelder nicht von einzelnen Beratern bestimmt werden, die ihre Vorschläge in die Ministerien einspeisen. So etwas wäre früher undenkbar gewesen. Klar ist aber auch, dass Deutschland zu klein ist, um alles erforschen zu können. Wir müssen unser Geld gezielt einsetzen.

Hat die Bundesregierung überhaupt einen Überblick darüber, ob dies geschieht?

Man müsste diesen Überblick erstellen. Mir ist nicht bekannt, ob das jemand tut. Wir haben das auch nicht gemacht, sondern nur für die Programme, für die wir das gebraucht haben. Der fehlende Überblick ist ein großes Problem, nicht nur in Deutschland. Die interministerielle Zusammenarbeit ist aber als Problem erkannt. Im Bereich Energie beispielsweise sind gleich fünf Ministerien zuständig. Mit der Hightechstrategie, die unter dem Patronat der Forschungsministerin für die ganze Regierung steht, haben wir der Weisheit letzten Schluss noch nicht gefunden. Die ministeriumsübergreifende Koordination muss noch geübt und weiterentwickelt werden.

Was ist aus Ihrer Sicht das beste Beispiel dafür, dass eine „konsequente strategische Neuausrichtung in der Innovationspolitik”, wie sie die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) fordert, nötig wäre?

Im Bereich der Energie sehen Sie das genau. Für die Energiewende mit erneuerbaren Energien brauchen wir Energiespeicher. Wie neue Energiespeicher entwickelt werden, kann das Bundesumweltministerium nicht festlegen, denn auch das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesforschungsministerium haben dazu eine Meinung. Viele komplexe Probleme sind nicht mehr von einer Disziplin allein zu lösen. Daher ist es völlig klar, dass unsere nach Funktion aufgestellten Ministerien eine neue Form der Zusammenarbeit finden müssen. Aber wenn diese noch von unterschiedlichen Koalitionspartnern besetzt sind, erschwert das die Abstimmung. Aber es gibt ein Bemühen.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der Elektromobilität? Tut die Bundesregierung genug?

Von den Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen kommt ein Drittel aus der öffentlichen Hand, zwei Drittel kommen aus der Wirtschaft. Der Player mit dem einen Drittel kann das Problem allein nicht lösen. Es gibt Forschungsprogramme, die nicht unter dem Label der Elektromobilität laufen, die aber dennoch dazu beitragen, wie etwa die Mikroelektronik oder Materialforschung. Wenn sie diese Programme dazu zählen, dann haben wir ein schönes Bemühen. Wenn man aber nur die 500 Mio. € sieht, die explizit für Elektromobilität aufgebracht werden sollen, dann erscheint das der Wirtschaft zu wenig, die das dreifache Budget fordert.

Wie beurteilen Sie die Mittelverteilung hinsichtlich der Fusionsforschung, die einen erheblichen Anteil des Budgets für erneuerbare Energien einnimmt?

Es ist sehr wichtig, dass man sich mit der Fusionsforschung als Zukunftsforschung befasst. Der hierfür vorgesehene Betrag hat aber eine derartige Prominenz, dass man sich fragen muss, ob wir für unseren enorm ehrgeizigen Umbau der Energiesysteme bis 2050 nicht auch Gelder aus diesem Bereich brauchen. Es stellt sich also die Frage nach der richtigen Größenordnung, zumal man sich in der Fusionsforschung hinsichtlich des Budgets ziemlich verkalkuliert hat. Insofern wird man künftig neu diskutieren müssen, mit welchen Mitteln dies bewerkstelligt werden soll.

Sollten Foresight-Prozesse und Technologieprognosen adäquat in der Förderpolitik der Bundesregierung abgebildet werden?

Das glaube ich nicht. Ein guter Foresight-Prozess ist so aufgestellt, dass er für definierte Themenbereiche verschiedene Szenarien entwickelt, dabei die eigenen Annahmen offen stellt – die ja interessengeleitet sind – und Optionen aufzeigt. So bleibt der Politik eine gewisse Entscheidungsfreiheit, wobei ihr die Konsequenzen offen gezeigt werden. Beispielsweise wird zurzeit die Kraftwärmekopplung stark diskutiert. Bei einer starken Isolierung von Häusern sinkt jedoch der Wärmebedarf und insofern braucht es auch weniger Kraftwärmekopplung. Wichtig ist also, die Annahmen offenzulegen.

Sind wir in der Batterieforschung nicht schon längst im Hintertreffen?

In der Batterieforschung haben wir die Grundlagen erarbeitet, doch wir haben die Technologien aus dem Land gegeben, weil wir nicht erkannt haben, dass man sie für neue Bereiche brauchen kann. Aber ich würde mich bei den Batterien nicht geschlagen geben. Wir müssen hier neue Konzepte entwickeln. Es kann nicht das Ende der Weisheit sein, dass wir in einen Tesla-Wagen 800 Laptop-batterien einbauen.

Wo könnten komparative Vorteile bei Spitzentechnologien gesichert werden, in denen weltweit keine Subventionswettläufe stattfinden?

Wir sind in vielen Bereichen weit vorne. Beispiel Leichtbau: ein Auto darf nicht zwei Tonnen wiegen. Hier haben wir viel in der Produktionstechnik zu bieten. Auch sollten wir die Systemforschung in Deutschland weiter ausbauen. Was für die Ministerien gilt, gilt auch für die Forschung: Chemiker müssen mit den Werkstofftechnikern und diese mit den Produktionstechnikern enger kooperieren. Wir haben einen Vorteil der guten Infrastruktur. Aber wir müssen schneller an die Umsetzung. Wir müssen nicht nur aus Geld Wissen machen, sondern Wissen wieder in die Unternehmen transferieren.

Die Expertenkommission EFI spricht von „Verteilungsschlüsseln” und Gebietsaufteilungen zwischen den Wissenschaftseinrichtungen, insbesondere bei der Ressortforschung von Bund und Ländern. Diese sind bislang sakrosankt – blockieren sie damit nicht eine Neuausrichtung?

Man muss fragen: Stimmt das Profil? Stimmen die Abgrenzungen? Man muss die Strategie überprüfen, ob man das System effizienter machen kann. Die Expertenkommission EFI meint, dass man große Fragestellungen mit organisationsübergreifenden Kapazitäten erschließen sollte. Die Helmholtz-Gemeinschaft hat sich in Karlsruhe mit der Universität zusammengeschlossen. Wir bei Fraunhofer haben alle Institute mit den Universitäten zusammengeschlossen und sind auch eine Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft eingegangen. Der direkte Kanal zwischen den Mitarbeitern der Max-Planck-Gesellschaft und von Fraunhofer ist beispielsweise sehr effektiv. Das ist genau das, was EFI fordert. Diese Kooperation zeigt etwa in den Bereichen Werkstoff und Sensoren, dass sich das lohnt.

CHR. SCHULZKI-HADDOUTI

Von Chr. Schulzki-Haddouti

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