Forschung 16.06.2006, 19:22 Uhr

Millionen Milliarden Bytes zeigen den Weg vom Lallen zur Sprache  

VDI nachrichten, Boston/New York, 16. 6. 06, swe- Am Media-Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston entsteht derzeit das weltweit größte Massenspeichersystem. Prof. Deb Roy will damit das Erlernen der Muttersprache in den ersten drei Lebensjahren untersuchen. Beim Aufbau des dafür nötigen Speichernetzes setzt das MIT-Labor nicht auf teure Großsysteme, sondern auf viele preiswerte Module, die auf der Technologie eines US-Start-ups beruhen.

Wir müssen den Pfad konventioneller Systeme verlassen, denn unsere Anforderungen an das Speichersystem entsprechen den Anforderungen von Supercomputern an die Prozessorgeschwindigkeit“, gibt Prof. Deb Roy als Grund für den ungewöhnlichen Lösungsansatz an. Seiner Ansicht nach sind die üblichen großen Massenspeicher für Tausende parallel zugreifender Nutzer mit Millionen Zugriffen auf ebenso viele Dateien konzipiert – eine Anforderung, die für ihn nicht gilt. „Für uns besteht das System in seiner Ausbaustufe praktisch nur aus zwei oder drei Dateien, über die wir eine Vielzahl an vektoriellen Analysen laufen lassen müssen. Bei uns handelt es sich also um eine äußerst massive parallele Verarbeitung von an sich einfachen Prozessen“, erklärt er das Anforderungsprofil seines neuen Speichersystems.

Damit aber muss die Speichereinheit über eine hohe Bandbreite verfügen, die bis zu 160 Gbit/s betragen soll. Zweiter Aspekt ist die Skalierbarkeit, die von anfangs 50 Terabyte (TByte = 1012 Byte) bis weit über ein Petabyte (PByte = 1015 Byte) möglich sein muss.

Diese Datenmenge entstammt einer Art Big-Brother-Überwachung, die Prof. Roy mit seinem vier Monate alten Sohn vom ersten Tag an gestartet hat. Seitdem das Baby zu Hause ist, zeichnen 14 Mikrofonen und elf Fischauge-Kameras jede Bewegung, jedes Kreischen, Blubbern und Lallen des Sprösslings auf. Pro Woche fallen damit einige Terabyte an Video- und Audio-Daten an. Die kommen zunächst auf ein 5 TByte großes Speichersystem im Keller, bevor sie an das MIT-Labor weitergeleitet werden. Bis zum Projektende in knapp drei Jahren werden auf diese Art rund 1,4 PByte anfallen, die dann komplett ausgewertet werden müssen.

„Diese Aufzeichnungen versetzen uns in die Lage, in die Schuhe des Kleinkindes zu schlüpfen und jeden Umwelteinfluss genauestens zu registrieren und zu analysieren“, meint Prof. Roy über das Projekt. Und sein Chef vergleicht diese Untersuchung bereits mit anderen Meilensteinen der Menschheitsentdeckung: „Es handelt sich hier um ein ähnliches Neuland wie einst die Dekodierung des Human-Genome-Projektes“, glaubt MIT-MediaLab-Chef Prof. Frank Moss.

Die vielen kleinen, auf IP basierenden Datenspeichereinheiten kommen vom US-Start-up Zetera. Seagate liefert die eigentlichen Festplatten, von Marvell kommen die Highspeed-Switches sowie die bandbreitigen I/O Devices und Bell stellt die Mounting-Racks von Hammer-Storage bereit, in denen alles zusammengefügt wird. Hammer und Seagate sind bekannt für ein neues vertikales Daten-Aufzeichnungsverfahren für Festplatten, welches gegenwärtig die größte Schreibdichte bei magnetischen Plattenspeichern bietet. Zetera legt Netzintelligenz von den Routern in die Festplatten.

Das neue Superspeichersystem des MITs soll nach heutiger Planung in seiner Ausbaustufe 100 10Gbit-Ethernet-Switches von Marvell, 3000 Festplatten, 300 Z-Rack-Enclosures und rund 400 Blade-Prozessoren enthalten. So will man mit 200 Servern in jeder Nacht rund 700 TByte an Daten analysieren.

„Unser unkonventioneller Ansatz besteht darin, dass wir relativ einfache Massenprodukte über entsprechende Hochleistungsverbindungen verknüpfen, somit sparen wir eine Menge Geld und Zeit“, sagt Jeff Greenberg, Chef des Produktmarketing bei Zetera.

MIT-Lab-Chef Prof. Moss hat bereits Erfahrung mit großen Datenbeständen, denn als ehemaliger Chef von Tivoli-Systems bei IBM war er maßgeblich am Aufbau von großen Unternehmensdatenbanken und dem zugehörigen Systemmanagement beteiligt. „Wir erleben hier die Geburtsstunde zukünftiger Speichertechnologien“, prophezeit er.

 

Von Harald Weiss

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