Forschung 16.03.2001, 17:28 Uhr

Mensch nach Maß

Dass menschliche Embryonen zu Forschungszwecken verwendet werden dürfen, war bisher undenkbar. In Deutschland ist der Schutz des werdenden Lebens gesetzlich verankert. Doch das Embryonenschutzgesetz wackelt.

Die Entscheidung, ob man Embryonen für Forschungszwecke verwenden darf oder nicht, ist ein Güteabwägungsprozess“, so die Meinung des Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker. Für ihn gehe es um die Frage, ob die Aussicht, einen Parkinson- oder Alzheimerpatienten heilen zu können, ein Ziel sei, das die Verwendung eines Embryos für Forschungszwecke rechtfertige. Unter dem Motto „Menschen nach Maß“ diskutierte er gemeinsam mit dem Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, mit der parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Gudrun Schaich-Walch, und dem evangelischen Theologen Prof. Richard Schröder vergangenen Montag in Berlin über Fragen an die Medizin der Zukunft. Zugleich macht der DFG-Präsident in dieser Expertenrunde keinen Hehl daraus, dass „sein Herz für die Forschung an adulten Stammzellen“ schlägt.
Adulte Stammzellen werden nicht durch Klonexperimente, abgetriebene Föten oder so genannte „übrige Embryonen“ gewonnen, sondern können dem Gewebe von Menschen oder Tieren entnommen werden. Dennoch vertritt Winnacker die Auffassung, dass eine parallele Forschung an embryonalen Stammzellen zu Vergleichszwecken wissenschaftlich sinnvoll sein könnte.
Kulturstaatsminister Nida-Rümelin hingegen spricht sich deutlich gegen eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus. Die Gefahr bestehe, dass das therapeutische Klonen gleichzeitig der Einstieg in ein „Projekt der Optimierung des menschlichen Erbgutes“ sei.
„Wir können noch mit gutem Grund skeptisch sein, ob diese Methoden je den Erfolg haben werden, den sich viele davon versprechen“, sagt Nida-Rümelin und weist darauf hin, dass sich die Gesellschaft mit der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PDI) seiner Meinung nach bereits heute in einem moralischen Dilemma befindet. Wer diese Diagnostik ablehne, müsse in Kauf nehmen, dass ein Fötus mit genetischen Schäden erst im dritten Monat abgetrieben werde, während mit Hilfe der PDI bereits die Einnistung dieser Eizelle verhindert worden wäre.
In diesem moralischen Zwiespalt befände man sich eines Tages auch bei einer Freigabe des so genannten therapeutischen Klonens, da sich bei diesem Verfahren eine befruchtete Eizelle nicht mehr zu einem Individuum entwickeln würde, sondern zu einem vom Menschen vorherbestimmten Zellverband.
Brennpunkt der Diskussion war damit erneut die Frage: Wann beginnt menschliches Leben? Sowohl Kulturstaatsminister Nida-Rümelin als auch der Theologe Schröder sprechen sich für ein graduelles Konzept und eine „gestaffelte Schutzwürdigkeit“ des Embryos aus. Die Schutzwürdigkeit sei zwar von Beginn an da, nehme aber im Laufe der Entwicklung des Embryos zu.
Schröder warnt davor, mit „absoluten Grenzen“ und „A-priori-Verboten“ in die Debatte einzusteigen: „Wir wissen zu wenig, um im Voraus festzulegen, was wir forschen dürfen.“ Es sei deshalb zunehmend erforderlich, Urteile zu treffen, die den Forschungsprozess begleiten, statt ihn von vornherein einzuengen.
Auch Schröder und Schaich-Walch sind gegen eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Schaich-Walch argumentiert, die Menschen machten sich nicht klar, welche Werteveränderungen notwendig seien, damit solche Therapien eines Tages durchgeführt werden könnten. Zugleich warnt sie vor Konsequenzen. „Wenn es gelingt, tatsächlich so viele Organe herzustellen, wie man sie für Transplantationen gern hätte, stellt sich die Frage, wer diese Behandlungen bezahlt und wem sie zugänglich gemacht werden.“ Vor diesem Hintergrund sei es notwendig, die gegenwärtige Auseinandersetzung ohne Hast und Eile zu führen.
DFG-Präsident Winnacker dagegen fordert jetzt Entscheidungsgrundlagen. „Wir stehen möglicherweise sehr bald vor der Frage, ob bestimmte Anwendungen erlaubt werden sollen oder nicht.“ Es sei moralisch und wirtschaftlich fragwürdig, menschliche Organe, die durch „therapeutisches Klonen“ in anderen Ländern produziert würden, nach Deutschland zu importieren, um so das deutsche Klonverbot zu umgehen. Sobald es gelingt, eine Behandlung mit Hilfe von embryonalen Stammzellen oder durch therapeutisches Klonen erfolgreich durchzuführen, prophezeit Ernst-Ludwig Winnacker, wären die gegenwärtigen Diskussionen „auf einen Schlag beendet“, weil die Menschen diese Therapiemöglichkeiten dann auch im eigenen Land fordern würden. LOTTA Y. WIEDEN

Stammzellenforschung

Fachbegriffe im Überblick

Embryonenschutzgesetz
„Wer einen extrakorporal erzeugten Embryo (…) zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck abgibt oder verwendet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Um diesen Satz im zehn Jahre alten Embryonenschutzgesetz ist ein Streit entbrannt: Viele Politiker und Medizinern möchten das alte Gesetz durch ein Fortpflanzungsmedizingesetz ersetzen, in dem Herstellung und Verbrauch menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken nicht länger verboten sein sollen. Vorbild ist die Entscheidung des britischen Parlaments, Embryonen in den ersten 14 Tagen für das „therapeutische Klonen“ freizugeben.
Präimplantationsdiagnostik (PDI)
Die PDI ist ein diagnostisches Verfahren zur Untersuchung von Embryonen auf genetisch bedingte Erbkrankheiten. Diese Methode kann nur in vitro (im Reagenzglas) angewandt werden, dem Embryo müssen also in einem sehr frühen Stadium der Zellteilung Zellen entnommen werden. Die PDI an frühen Embryonen ist in Deutschland bislang verboten.
Stammzellen
Eine Stammzelle ist eine Art Ursprungszelle, die sich vermehren und alle Zelltypen des Körpers bilden kann. Ein eigenständiger Organismus kann aus Stammzellen jedoch nicht mehr entstehen. Nur Zellen von sehr frühen Embryonen können durch Teilung ein völlig eigenständiges Leben entwickeln. Stammzellen finden sich in Embryonen und Föten, sie wurden bislang auch in 20 Organen des menschlichen Körpers nachgewiesen, z.B. im Knochenmark. Im Labor lassen sich aus Stammzellen bestimmte Zelltypen züchten. Noch gibt es aber kein Verfahren, mit dem sich die Entwicklung der Stammzellen in eine vorgegebene Richtung dirigieren ließe. Je nach Herkunft unterscheidet man embryonale (vom Embryo), fetale (vom Fötus) und adulte Stammzellen (von Säuglingen und Kindern sowie Erwachsenen). lyw

Von Lotta Y. Wieden
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