Forschung 10.05.2002, 17:34 Uhr

Liebenswerte Weltverbesserer und große Geister

Zum 30. Mal war Genf Schauplatz der Internationalen Erfindermesse. Zum Jubiläum in der vergangenen Woche gabs eine Extraportion Innovation.

Mister Q, der geniale Chefingenieur von James Bond, hat sich gleich mehrfach um die Rettung der Welt verdient gemacht. Doch nun greift José Luis Gómez López nach der Erfinderkrone: Unter seiner von altersflecken übersäten Glatze reifte die Idee für „Autocóptero“ – eine Kombination aus Pkw und Hubschrauber. „Wir erreichen heute fast mühelos andere Planeten. Aber auf der Erde stehen wir dauernd im Stau“, ärgert sich der 68-jährige. „Das kann so nicht weitergehen. Stellen Sie sich nur mal vor, Ihre Liebste ist verletzt, kann aber wegen einer Baustelle nicht sofort ins Krankenhaus gebracht werden. Dann hilft nur Autocóptero: Knopf drücken, Rotor entfalten, abheben.“ Nicht nur, dass der Transport gesichert wäre… „Im ausfahrbaren Heckrotor-Steg ist neben einem Waschzimmer auch noch ein kleiner Operationssaal eingebaut!“
Ein Modell erlaubt es dem staunenden Zuhörer, sich ein Bild vom „Autocóptero“ zu machen. Mit viel Liebe zum Detail hat der pensionierte Wasserbauingenieur diverse Spielzeuge und Elektronikbauteile zusammengefügt. Unter reichlich Klebstoff und viel Farbe ist seine Vision zukünftiger Mobilität erkennbar. Reine Spinnerei? Von wegen! Stolz zeigt der Madrilene seine Patente. Für die sucht er nun einen Käufer. „Für nur 4 Mio. @ gebe ich alles her.“ Hochfliegende Pläne…
Bodenständiger ist die Erfindung von Jürg B. Lumpert. Der schweizer Unternehmensberater präsentiert den sich selbst desinfizierenden, automatisch öffnenden Toilettensitz. „Die WC-Brille wird beim geschlossenen Deckel solange mit UVC-Licht bestrahlt, bis 99,9 % aller Bakterien und Viren abgetötet sind“, erläutert der 60-jährige. „In Flugzeugen, Bahnen, Spitälern und Altenheimen sind die hygienischen Verhältnisse oft unzureichend. Das wollte ich ändern.“ Das Marktvolumen schätzt der gelernte Elektroingenieur auf über 500 000 Stück allein in Europa. Die Produktion möchte er abgeben, den Vertrieb über ein Franchisenetz abwickeln. Kosten soll das Produkt etwa 350 „. „Der einzige Nachteil ist, dass der Sitz nicht auch gewaschen wird. Daran arbeite ich aber schon.“ Ein sauberes Geschäft…
Doch was ist mit der Kloschüssel? Ante Perišin aus Zagreb hat sich ihrer angenommen. Er entwickelte die Toilettenbürstengriff-Verlängerung. Böse Zungen behaupten, sie sei nicht mehr als ein zweckentfremdeter Besenstil…
Einem globalen Problem widmet sich Felix Wirz. „Jeder fünfte Mensch auf der Erde leidet unter den Folgen der Süßwasserknappheit“, so der 31-jährige Schweizer. Die Lösung: „Mit einer Windkraftanlage wird feuchte Luft vom Meer an Land gesaugt. In einer meerwassergekühlten Kammer kommt es zur Kondensation.“ Laboruntersuchungen und Berechnungen für die Stadt Aden im Jemen stimmen ihn optimistisch: „Eine an der Küste aufgestellte Anlage mit einer nur 5 m2 großen Öffnung kann problemlos 0,24 Liter Wasser pro Sekunde gewinnen.“ Seinen Job als Betriebsingenieur in der Holzwirtschaft hat er aufgegeben, noch in diesem Jahr will er zwei Projekte realisieren. Finanzielle Liquidität soll ihm aus den Kassen von Privatinvestoren und Entwicklungshelfern zufließen.
Die Energieprobleme der Welt will Moses Lim aus Malaysia lösen. Die Funktion seines „Wasserkraftwerks“ lässt er von einer gequält lächelnden Schönheit demonstrieren. Schnaubend tritt sie einen goldfarbig lackierten Stepper. Ihre Auf- und Abbewegung wird in einen gleichmäßigen Rundlauf übertragen. Zwei Fahrraddynamos speisen eine Glühlampe. Sie leuchtet! Die Frau schwitzt. „Statt meiner Assistentin sollen Wasserfälle das skalierbare System antreiben“, erklärt der wortgewandte Lim. Wie die Behältnisse wieder nach oben bewegt werden, verschweigt er. „Das gehört nicht zu meinem Konzept. Sie dürfen das nicht so eng sehen. Ich mache das hier nicht für mich – es geht hier um die Zukunft der Erde.“
Um das Wohl der Haustiere ist Park Kyo-tae aus Südkorea bemüht. Den streichelfaulen Besitzern schmusebedürftiger Vierbeiner bietet er einen Massageautomaten. „Das Tier bleibt garantiert unverletzt“, reagiert er auf skeptische Blicke Richtung Metallzargen. „Der Kamm muss nur noch weicher und die Motorgeschwindigkeit reduziert werden.“ Dann stehe einer weltweiten Vermarktung nichts mehr im Wege. Die gesamte Produktion will der 21-jährige selbst übernehmen. Zögerlich verrät er sein Geheimnis: „Das sind eigentlich elektrische Zahnbürsten. Ich säge einfach nur den Kopf ab und stecke den Kamm auf“.
Einen Massageapparat für Menschen entwickelte Oliver Scheib aus Schweigen-Rechtenbach. „Meine Freundin und ich lassen uns beide gerne durchkneten. Bisherige Geräte basieren aber immer auf Vibrationstechnik.“ Kurzerhand befestigte er Holzgreifer an einer exzentrischen Welle in schicker Edelstahlhülle. Entlang einer Führungsschiene krabbelt der Prototyp nun selbständig über den Rücken seiner Freundin. Sie genießt und schweigt. Der Konstrukteur ist überzeugt, schnell Lizenznehmer zu finden. „Gestern war ein Arzt da, der wollte das Modell gleich kaufen – koste es, was es wolle.“
Schon in die Vermarktungsphase eingetreten ist der Taiwanese Liu Bao-Shen – zumindest in Asien. Nun soll die ganze Welt in den Genuss seines „arm- und fingerschonenden 3D-Yoropens“ kommen. Wieder und wieder zeigt er, wie entspannt die Hand beim Schreiben bleibt. „Kein Druck nötig. Und das Geschriebene kann aus fast jedem Winkel eingesehen werden. Nichts verschmiert.“ In gebrochenem englisch erzählt er plötzlich von seinen frühgeborenen Zwillingstöchtern. Stolz zeigt der 43-jährige Fotos. „Für sie und die ganze Welt habe ich das humanste Schreibinstrument des 21. Jahrhunderts entwickelt!“ Letztlich diene es gar dem Weltfrieden: „3D-Yoropen animiert zum Lernen. Und müssen nicht die Menschen aller Kontinente lernen, friedlich zusammen zu leben?“
Weniger anspruchsvoll ist Abdel Boudjemline. Der 43-jährige Elektroingenieur aus Lyon war es leid, beim Herausziehen eines Steckers regelmäßig die gesamte Verankerung aus der Wand zu reißen. Er entwickelte „ClickOut“. Mit zwei Fingern lässt sich nun jede Stromversorgung mühelos unterbrechen. „Ich besitze die Plastikform. Bei Kundennachfragen gehe ich einfach zur benachbarten Fabrik und lasse nachfertigen.“ In Deutschland hat der Verkauf gerade begonnen.
Die Liste der in Genf präsentierten Innovationen ist fast endlos. Besucher sahen unter anderem noch einen Leuchtballon für in Not geratene Fußgänger, Kugelschreiber mit Lottozahlenvorhersage, einhandbetriebene Eiweiß/Eigelb-Trenner, dreigeteilte Fonduetöpfe, Fahrräder zum Bäumebesteigen, Erste-Hilfe-Sets nach Atomschlägen, Aids-Medikamente, Urinbeutel mit Selbstverschluss oder „Exoskeleton“, das externe Skelett. Messepräsident Jean-Luc Vincent kennt die Motivation der Erfinder: „Es geht entweder ums Überleben, oder darum, sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen.“ Letzteres ist mit Blick auf die Messebesucher auf jeden Fall gelungen. STEFAN ASCHE

Zahlen und Fakten
Die bedeutendste Messe ihrer Art
Die „Internationale Messe für Erfindungen, Neue Techniken und Produkte“ gilt als die bedeutendste ihrer Art weltweit. Im Rahmen der am Sonntag beendeten 30. Auflage ließen 645 Daniel Düsentriebs aus 38 Ländern über 1000 Geistesblitze auf etwa 85 000 Besucher in Genf nieder. Ausgestellt werden dürfen nur solche Produkte, die patentiert und vorher nicht andernorts präsentiert wurden. Weitergehende Auflagen gibt es nicht – weshalb die Qualität der Ideen stark variiert und das Spektrum nahezu allumfassend ist. Neben Telekommunikations- und Elektrotechnik fanden sich in diesem Jahr etwa auch Medikamente, Garten- und Sportgeräte, Marketingkonzepte, Uhren, Lebensmittel oder Möbel. Rund ein Drittel der Ideenentwickler waren Privatleute, die Mehrzahl vertrat (junge) Unternehmen und öffentliche Institute. Ein Stand kostete pro laufendem Meter 360 „. In der Vergangenheit konnte immerhin durchschnittlich jede zweite Erfindung industriell verwertet werden. 2001 wurden Geschäfte im Volumen von insgesamt 30 Mio. Dollar getätigt. Vom 31. Oktober bis 3. November findet die IENA, die internationale Ausstellung „Ideen – Erfindungen – Neuheiten“, in Nürnberg statt. sta

Von Stefan Asche
Von Stefan Asche

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