Smartphone-Gesten untersucht 05.03.2014, 15:51 Uhr

Kleinkinder und Touchscreen-Nutzer haben ähnliche Bewegungsmuster

Das Bedienen eines Touchscreens ist nicht nur kinderleicht, sondern entspricht sogar den Bewegungsmustern von Kleinkindern. Schmieren und Kritzeln ist wie Berühren, Wischen und Zoomen. 

Das Bild eines Jungen im Alter von drei Jahren und zwei Monaten: Die sensomotorischen Ausdruckshandlungen der Kinder beim Schmieren und bei ihrem frühen Kritzeln sind äußerst ähnlich.

Das Bild eines Jungen im Alter von drei Jahren und zwei Monaten: Die sensomotorischen Ausdruckshandlungen der Kinder beim Schmieren und bei ihrem frühen Kritzeln sind äußerst ähnlich.

Foto: Prof. Dr. Georg Peez

Touchscreen-Gesten sind uns angeboren, daher machen wir sie intuitiv, meint Kunstpädagoge Prof. Dr. Georg Peez von der Frankfurter Goethe-Universität. Seine These hat er nun mit Untersuchungen der Motorik von Kleinkindern untermauert.

Vier Bewegungsmuster analysiert

Danach knüpft die Wisch-Technik von Smartphones an frühe sensomotorische Fähigkeiten von Kindern an. Schon im frühkindlichen Stadium sind die Bewegungsmuster der Kinder ähnlich mit der Bedienung eines Touchscreens. Dies ist auch der Grund, warum schon Kleinkinder mühelos ein Tablet bedienen können. Insgesamt konnte Peez vier Bewegungsmuster analysieren.

In der Eingangsphase nimmt das Kind Kontakt zum Material auf und tippt zum Beispiel seinen Finger in Brei ein. „An der Fingerkuppe befinden sich viele sensible Rezeptoren, unter anderem taktile und thermische Reize, die das Material auslöst, aufnehmen“, erklärt Peez. Das entspreche dem Auftippen mit der Fingerkuppe auf einen Icon oder Link eines Touchscreens.

Die neuneinhalb Monate alte Lara schmiert konzentriert mit dem Zeigefinger mit einer leichten Wischbewegung.

Die neuneinhalb Monate alte Lara schmiert konzentriert mit dem Zeigefinger mit einer leichten Wischbewegung.

Quelle: Prof. Dr. Georg Peez

So wie das Kind dann im nächsten Schritt mit seinem Zeigefinger eine Spur in Richtung des Körpers zieht, vollzieht der Nutzer des Touchscreens mit seinem Finger eine lineare Bewegung auf der Liste nach unten um sich zu orientieren.

„Diese leicht schwingenden Bewegungen können zunächst auf engem Raum nur mit einem oder wenigen Fingern erfolgen; hierbei erfassen die Finger das Schmiermaterial und verteilen es wischend seitlich“, erklärt Peez seine Beobachtungen in zahlreichen Fallstudien mit Kleinkindern. Die Bewegung des Hin- und Her korrespondieren mit dem Entsperren des Start-Bildschirms, dem seitlichen Wischen.

Pinzettengriff wird bei Brei und Smartphone angewendet

Mit dem Pinzettengriff vergrößert und verkleinert der Nutzer eines Smartphones oder Tablet-Computers Bilder und Texte. Kleinkinder verwenden diese Bewegung mit Daumen und Zeigefinger, wenn sie den Brei als Nahrung erkennen und zum Mund führen wollen.

Es sind die frühesten motorisch-kognitiven Vorgänge, die an die Bedienung eines Touchscreens anknüpfen, fasst Peez zusammen. „Der sensomotorisch unmittelbare Zugang der Handhabung macht den großen Erfolg dieser Eingabeform plausibel.“

„Slide to unlock“: Beim Smartphone wird durch das Wischen mit dem Finger über den Startbildschirm „Lockscreen“ das Gerät aus dem Bereitschaftsmodus in Betrieb gesetzt.

„Slide to unlock“: Beim Smartphone wird durch das Wischen mit dem Finger über den Startbildschirm „Lockscreen“ das Gerät aus dem Bereitschaftsmodus in Betrieb gesetzt.

Quelle: Prof. Dr. Georg Peez

Das Schmieren ist auch eine Vorform des Kritzelns. Kunstpädagoge Peez und seine Kolleginnen Prof. Constanze Kirchner und Uschi Stritzker aus Augsburg erforschten Kinderzeichnungen und stellten fest, dass Schmieren und Kritzeln mit verschiedenen sinnlichen Reizen verbunden sind. Sie bilden wesentliche Erfahrungen, die Kinder zum ästhetischen Erleben animieren. „Die sensomotorischen Ausdruckshandlungen der Kinder beim Schmieren und bei ihrem frühen Kritzeln sind äußerst ähnlich. Je älter das Kind wird, desto bewusster nimmt es die erzeugte Spur wahr und versucht dann ganz gezielt, bestimmte Spuren zu bewirken.“

Rein zufällig ist der Zusammenhang zwischen dem Verhalten von Kleinkindern und der Bedienung der Touchscreens offenbar nicht. Denn die als Kleinkind verwendeten Handgriffe sind im Gehirn ein Leben lang fest verankert und können schnell abgerufen werden. 

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