Innovation 07.08.2009, 19:42 Uhr

„Jeder kann Innovation!“  

Die Beratungsagentur Systematic Inventive Thinking (SIT) behauptet, die „DNA der Innovation“ entschlüsselt zu haben. 90 % aller erfolgreichen Produkt- und Prozessneuheiten ließen sich mit nur fünf Mustern erklären. Mit deren Hilfe sei es problemlos möglich, in kurzer Zeit neue marktfähige Erfindungen zu entwickeln. Ralph Rettler, Geschäftsführer von SIT Deutschland, verrät Details – und lässt sich auf einen Test ein. VDI nachrichten, München, 7. 8. 09, sta

Rettler: Zunächst muss ich klarstellen, dass nicht ich es war, der das SIT-System entwickelt hat. Vielmehr geht es zurück auf die israelischen Wissenschaftler Amnon Levav und Jakob Goldenberg. Sie haben SIT schon 1995 aus der Jerusalemer Hebrew University ausgegründet. Zuvor hatten sie 100 000 Innovationen analysiert und dabei erstaunliche Parallelen entdeckt. Daraus haben sie fünf Tools abgeleitet. Eingesetzt werden sie heute bereits weltweit. Neben unserem Büro in München gibt es Partnerbüros in Israel und Schweden, sowie lokale Kooperationen in den USA, Kolumbien und Indien.

Nun bitte konkret: Wie lautet ihr Innovationsrezept?

Wir unterscheiden die fünf Tools Subtraction, Multiplication, Division, Task Unification und Attribute Dependency.

Was verbrigt sich dahinter? Können Sie Anwendungsbeispiele nennen?

Bei der Subtraktion dienen bestehende Produkte als Grundlage. Von ihnen werden einfach elementar wichtige Teile entfernt. Dabei sollte nicht den verlorenen Funktionalitäten nachgetrauert werden. Auch die technische Umsetzbarkeit sollte zunächst keine Rolle spielen. Vielmehr sollten nur die durch die Reduktion gewonnenen Benefits ins Blickfeld rücken.

Ein Beispiel ist der Ur-Walkman von 1979. Er ist das Ergebnis einer radikalen Beschneidung des Kassettenrekorders. Netzteil, Lautsprecher und sogar die namensgebende Aufnahmefunktion wurden entfernt. Herausgekommen ist eine weltweit erfolgreiche Innovation.

Bei der Multiplikation hingegen wird eine Komponente eines bestehenden Produkts vervielfacht. Bevor die Dubletten dann eingebaut werden, wird überlegt, in welcher Weise sie verändert und dadurch Zusatznutzen stiften können.

Jüngst haben wir dieses Tool bei einem Hersteller von Wasserwaagen eingesetzt. Wir haben im ersten Schritt die Libelle der bestehenden Waage vervielfacht. Doch statt sie einfach wieder einzubauen – was keinen Benefit gebracht hätte – haben wir sie leicht schief eingebaut. Der Hersteller war zunächst entsetzt. „Wir machen gerade – seit Ewigkeiten“, war sein Argument. „Wir machen schief“, war unser Antwort. Warum? Weil sich so ein bestimmtes Gefälle, etwa 1 % oder 2 %, mühelos abmessen bzw. einstellen lässt. Das ist für Fliesenleger, die eine Terrasse genau ausnivellieren müssen, sehr praktisch. Die Wasserwaage ist inzwischen patentiert und sehr erfolgreich am Markt.

Bei Villeroy & Boch haben wir mit der Multiplikation Kloschüsseln optimiert. Das Tool führte das Workshop-Team dazu, den Wasserzulauf zu vervielfachen, den Querschnitt jedes einzelnen Zulaufs deutlich zu verkleinern und die entstehenden Düsen ohne Strömungsverluste geschickt so zu positionieren das die wichtigsten Stellen erreicht werden. Herausgekommen ist ein Klo, dass pro Spülung 2,5 l weniger Wasser verbraucht – und das bei einer verbesserten Flushing Performance.

Beim Divisions-Tool werden bestehende Produkte oder Prozesse physisch bzw. funktional geteilt. Ein Beispiel ist die Fernbedienung von Fernsehern. Hier wurden Knöpfe und Gerät physisch voneinander getrennt.

Besonders geeignet ist das Tool aber für Prozesse. Wir haben es bei einem Hersteller von Verpackungsmaterialien bewiesen. Er hat viele Jahre fertige Verpackungen produziert und sie anschließend leer zum Kunden gefahren. Das ist – genau betrachtet – ein logistischer Supergau: Große Lkw fahren leere Verpackungen durch die Landschaft. Als Ergebnis der Anwendung des Tools wurde die Endfertigung schlicht verlagert. Dieser Produktionsschritt geschieht jetzt in der Fabrik des Kunden. Die Transportkosten konnten so auf ein Bruchteil reduziert werden.

Bei der Task Unification, also der Vereinigung von Aufgaben, wird überlegt, welche Aufgabe die Komponente A aus einem bestehenden System für die Komponente B aus dem selben System übernehmen kann. Wir nennen es das „Poor-Man“s-Tool“ – es führt fast immer zu Kosteneinsparungen. Ein anschauliches Beispiel findet sich in alten VW Käfern. Hier wurde das Ersatzrad als Druckspeicher für die Scheibenwaschanlage genutzt. Ein moderneres Beispiel ist die Verwendung von Heckscheibendrähten als Antennen.

Des Ingenieurs liebstes Tool ist Attribute Dependency, also die Untersuchung von Abhängigkeiten zwischen Komponenten in bestehenden Systemen. Dazu wird eine Matrix erstellt, aus der ersichtlich wird, was wovon beeinflusst wird. Anschließend wird überlegt, wie diese Wirkzusammenhänge nutzenstiftend durchbrochen oder verändert werden können.

Ein Beispiel findet sich wieder im Automobilbau. Aktuell gilt meist die einfache Regel: Ein Druck auf die Bremse lässt das Bremslicht leuchten. Dabei wäre es für nachfolgende Autofahrer doch sehr hilfreich, wenn das Licht umso stärker leuchtet, je stärker das Pedal getreten wird. Hier wird also eine bestehende Abhängigkeit nur etwas erweitert. Das Ergebnis ist aber sehr nutzenstiftend.

Nachdem Sie jetzt alles verraten haben, wird Sie niemand mehr zu Rate ziehen, oder?

Die Anwendung der Tools verlangt in der Regel eine Moderation. Das ist unser eigentlicher Job. Wir kommen nicht in die Unternehmen, um den Entwicklern neue Produkte aufzuschwatzen. Vielmehr sehen wir es als unser Aufgabe an, gemeinsam mit ihnen Innovationen zu entwickeln. Dabei stellt sich regelmäßig raus: Alles kann verbessert werden. Und: Jeder kann Innovation!

Was kostet Ihre Moderation?

Ab 15 000 € geht es los. Ein Standardentwicklungsprojekt schlägt mit rund 40 000 € zu Buche. Oft sind wir aber langfristig beim Kunden. Bei Villeroy & Boch beispielsweise moderieren wir seit zwei Jahren interne Innovationskreise.

Ihre Tools muten leicht verständlich und praxisnah an. Machen wir doch mal einen Test: Angenommen ein Hersteller von Haushaltsscheren tritt an Sie heran. Welche Innovationen können Sie mit ihm entwickeln?

Geben Sie mir bis morgen Zeit. Dann schicke ich erste Vorschläge.

S. ASCHE

Ein Beitrag von:

  • Stefan Asche

    Stefan Asche

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: 3-D-Druck/Additive Fertigung, Konstruktion/Engineering, Logistik, Werkzeugmaschinen, Laser

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