Forschung 02.12.2005, 18:41 Uhr

„Innovationslücke im Mittelstand“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 2. 12. 05 – Die größten Hürden auf dem Weg zu neuen Produkten sind Defizite im Management, behaupten Forscher. Vor allem unklare Ziele verhindern die Einführung von Innovationen.

Manche Unternehmer müssten zu ihrem Glück gezwungen werden, meint Hartmut Meine, Bezirksleiter der IG Metall in Niedersachsen.

Für einen Gewerkschafter ist es ungewöhnlich, sich um das Wohlergehen der Arbeitgeber zu kümmern. Doch Meine sieht ein Problem, das auch der IG Metall langfristig Schwierigkeiten bereiten könnte: Viele Mittelständler scheuen den Kontakt zu Forschungseinrichtungen und verpassen damit Chancen für Innovationen.

Das gilt zumindest für den Norden. So kommt ein Großteil der Firmen, die mit dem Produktionstechnischen Zentrum der Universität Hannover (PZH) zusammenarbeiten, nicht aus Niedersachsen, sondern aus dem Süden der Republik. Peter Nyhuis, Professor am PZH, hat den Eindruck, dass „süddeutsche Unternehmen innovationsfreundlicher sind als norddeutsche.“

Innovationen bei Produkten, Prozessen und Organisationsformen sind der wichtigste Hebel zur Steigerung von Profitabilität und Wachstum – vor Kostensenkung, wie eine Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little zeigt.

Dennoch gehen vor allem mittelständische Unternehmen auf Distanz zu Forschungseinrichtungen, obwohl sie dort Unterstützung für die Erneuerung ihrer Produktpalette finden könnten. Der Innovationsforscher Peter Ohlhausen vom Fraunhofer-Institut IAO in Stuttgart spricht gar von einer „Mittelstandslücke“ bei Innovationen, immer weniger Unternehmen investieren in Forschung und Entwicklung.

Der Weg von einer Idee zu einem marktfähigen Produkt ist vor allem in Deutschland steinig. Bahnbrechende Techniken und Produkte wurden im vergangenen Jahrhundert zwar hierzulande entwickelt, aber im Ausland vermarktet: Vom Fax über den Computer bis zu Mikroprozessoren und CDs.

„Man muss viele Frösche küssen, um auf einen Prinzen zu stoßen“, wusste schon Arthur Frey von 3M, der Erfinder der gelben Haftnotizen. Von knapp 2000 ersten Ideen, das ergab eine Kienbaum-Studie, führten letztlich nur elf zu einem marktreifen Produkt.

Die größten Schwierigkeiten auf dem Weg von der Idee zum Produkt liegen aber nicht in der Technik oder beim Know-how der Mitarbeiter, so Ohlhausen, sondern im Management.

Unklare Ziele bei Projektbeginn, unbestimmte oder sich ändernde Anforderungen an das Produkt, dazu Defizite bei der Zusammenarbeit von Projektteams und Abteilungs-Egoismen erschweren Innovationen, resumiert Ohlhausen. Auf Innovationen treffe das Gleiche zu wie auf jede andere Entscheidungsfindung: Zu viele Personen redeten dabei mit, Macht und Interessenskonflikte würden die beste Entscheidung verhindern und wenn eine getroffen wurde, dann würden sie nicht oder nur zu wenig kommuniziert.

Eine Innovationslücke macht auch Hans Schenk vom Ingenieurberatungsunternehmen SCI in Hamburg aus. Er sei sich aber nicht sicher, ob es sich dabei um ein Problem des Mittelstandes handele oder um die „deutsche Krankheit“.

Innovationen, so seine Erfahrung, würden oft zu einem Problem, weil Unternehmen „erst handeln, wenn es zu spät ist.“ Würden einmal Arbeitsplätze gestrichen, dann träfe es vor allem ältere Mitarbeiter, die oft zu den Know-how-Trägern zählen.

Hans Schenk hat noch einen anderen Grund für Innovationsschwäche ausgemacht: konjunkturelle Ausschläge. So hätten z. B. während der Spekulationsphase der New Economy Unternehmen gute Projekte zur Innovation ihrer Organisation gestoppt, weil sie um jeden Preis höhere Umsätze erwirtschaften wollten. Nachdem die Spekulations-Blase geplatzt war, mussten sie mit ihren Innovationen wieder von vorn anfangen.

Doch nicht nur für Unternehmen, auch für die IG Metall ist das Thema Innovationen wichtig. Bezirksleiter Hartmut Meine sieht darin die Chance, „dem schlichten Ruf der Arbeitgeber nach Einschnitten bei tariflichen Leistungen“ entgegenzuwirken. HAS

 

  • Hartmut Steiger

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