Forschung 19.12.2003, 18:27 Uhr

Im Nordharz soll grüne Biotechnologie aufblühen

Unternehmer und Wissenschaftler sollen durch Kooperation die Wirtschaftskraft der Region stärken. Wie das Programm funktioniert, zeigt das Beispiel des Vereins Innoplanta, der sich mit Pflanzenzucht beschäftigt.

Normalerweise kennt man Rhabarber als Kompott. Doch einige Sorten eignen sich nicht nur zum Essen. Zum Beispiel enthält die Wurzel des Rheum rhaponticum den Wirkstoff Rhaponticin. Er kann synthetisch hergestelltes Östrogen, das möglicherweise Brustkrebs auslöst, ersetzen. „In der Regel beziehen Pharmafirmen die Wurzeln aus Asien“, erklärt Ingo Schellenberg, Leiter der Arbeitsgruppe Bioanalytik/angewandte Biologie an der Hochschule Anhalt in Sachsen-Anhalt. „Aber das Material ist häufig von schlechter Qualität und zu stark mit Pestiziden belastet.“ Die Folge: Die pharmazeutische Industrie läuft Gefahr, gegen das Arzneimittelgesetz zu verstoßen – und braucht deshalb neue Lieferanten.
Zusammen mit der Firma Tinplant will der Biochemiker nun bis Ende 2004 herausfinden, ob sich große Mengen von pharmazeutisch verwertbarem Rhaponticin-Rharbarber auch in der Region Nordharz/Börde anbauen lassen. „Einen Abnehmer für die Wurzeln haben wir bereits“, freut sich Schellenberg.
Gefunden haben sich die Partner durch eine Veranstaltung des Vereins Innoplanta. „Das Projekt haben wir auf einer Ideenkonferenz angestoßen“, erinnert sich Schellenberg. „Keiner von uns hätte es alleine durchziehen können.“ Die komplementären Ressourcen der Beteiligten: Die Forscher brachten den Abnehmer mit. Außerdem kennen sie ihren Rhabarber in- und auswendig. Tinplant weiß, wie man die Pflanzen in großem Stil bei gleich bleibender Qualität vermehrt.
Innoplanta ist eine von 23 ostdeutschen Initiativen, die das Bundesforschungsministerium (BMBF) im Innoregio-Programm unterstützt (siehe Kasten). Die Idee hinter der Förderung: Unterschiedliche regionale Akteure sollen zusammenarbeiten und so die Wirtschaftskraft ihrer Regionen stärken.
Auf welchen Gebieten sich die Netzwerke engagieren, bleibt ihnen überlassen. Initiativen, die ein Stück vom Förderkuchen abhaben wollten, mussten in einem Wettbewerb die Konkurrenz ausstechen.
Das ehrgeizige Ziel von Innoplanta: Die Region Nordharz/Börde zur deutschen Nummer eins in Sachen Pflanzenbiotechnologie machen. „Traditionell gilt die Gegend als Zentrum der Saatzucht. Darauf wollen wir aufbauen“, erklärt Projektkoordinator Hans Strohmeyer. „Wir haben hier die besten Böden Deutschlands.“ Unterstützt wird das Vorhaben auch von der Landesregierung Sachsen-Anhalt, die die Förderung der grünen Biotechnologie zur Chefsache erklärt hat.
Derzeit beteiligen sich 64 Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft an Innoplanta. Insgesamt stehen 20,5 Mio. € an Fördergeldern zur Verfügung. „90 % davon sind bereits verplant. Der größte Teil fließt in Innovationsprojekte, ein Teil auch in Aufgaben wie Netzwerkmanagement und Akzeptanzforschung“, erklärt Strohmeyer.
Die geförderten Innovationsvorhaben lassen sich in vier Felder einteilen: So sollen moderne Methoden der Pflanzenzüchtung entwickelt und die Widerstandsfähigkeit von Kulturpflanzen verbessert werden. Außerdem werden Pflanzen mit neuen oder verbesserten Inhaltsstoffen gezüchtet und regionale Sonderkulturen züchterisch optimiert. „Bei den Projekten handelt es sich je zur Hälfte um grundlegende Neuerungen und Verbesserungsinnovationen“, erläutert Strohmeyer.
Die Aufgabe des Netzwerkes Innoplanta besteht darin, Projekte zu prüfen und Partner zusammenzubringen. „Zu Beginn war es für alle Beteiligten sehr schwierig, Vertrauen aufzubauen und zu verstehen, was der andere meint und will“, so Strohmeyer. „Mittlerweile haben wir beide Probleme gelöst.“ So habe Innoplanta zum Beispiel eine Kooperation zwischen zwei konkurrierenden Saatzüchtern initiiert, die eine virusresistente Getreideart züchten wollen. „Wir haben ihnen einfach die Möglichkeit geboten, sich kennen zu lernen. Daraus entstand dann das konkrete Projekt.“
Ob und in welchem Umfang die Ergebnisse der 25 Innoplanta-Projekte wirtschaftlich genutzt werden können, ist offen. „Wir hoffen es. Aber alle Vorhaben laufen noch“, erklärt der Innoplanta-Koordinator. Alles in allem hat das Förderprogramm laut Strohmeyer bis jetzt 118 Arbeitsplätze in der Region, die unter einer Arbeitslosenquote von rund 25 % leidet, geschaffen. Darunter 66 unbefristete Stellen in der Wirtschaft. „Das ist nicht viel, aber mehr war auch nicht zu erwarten.“ Außerdem stehen drei Start-ups auf der Haben-Seite. „Für uns ist es wichtig, eine kritische Masse an innovativen Unternehmen zu erreichen“, sagt er. Langfristig komme es darauf an, dass sich das Netzwerk nicht mit Ende der Förderung 2006 auflöst. „Ziel ist es, Innoplanta dauerhaft als Marke zu etablieren.“
Teilnehmer Schellenberg zumindest blickt optimistisch in die Zukunft. „Anfangs waren die Beteiligten nur eine Beutegemeinschaft“, sagt er. „Doch dann haben wir überlegt, welche Projekte wir sonst noch zusammen machen können.“ Schellenberg und Tinplant haben bereits zwei weitere Vorhaben in Angriff genommen – ohne Geldspritze aus dem Innoregio-Topf.

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