Forschung 21.01.2005, 18:36 Uhr

„Im Jahre 2030 leben wir alle in digitalen Blasen“

Wir schreiben das Jahr 2030. Alle IT-Entwicklungen, die wir bisher erlebt haben, und alle biotechnischen Fortschritte bei der genetischen Veränderung und beim Klonen werden sich recht unscheinbar ausnehmen im Vergleich zu den Resultaten der NBIC-Konvergenz – dem Zusammenwachsen von Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnologie und Kognition (NBIC = Nano – Bio – Info – Cogno). Ian Pearson, Zukunftsforscher bei British Telecom, wagt den Ausblick.

Aufregende Zeiten liegen vor uns, und, wie die Royal Society kürzlich in ihrem Bericht zur Nanotechnologie warnte, wir müssen diesen Weg sehr vorsichtig gehen.

Lassen Sie uns die vier NBIC-Konvergenzgebiete Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnologie und Kognition einmal separat betrachten. Die Nanotechnologie gibt uns branchenübergreifende Möglichkeiten zur routinemäßigen Bearbeitung von Stoffen bis zu Auflösungen von unter 100 nm (100 Nanometer sind ein Zehntausendstel 1 Millimeters). In der IT führt dies zu besseren elektronischen Schaltungen, Batterien, Displays, Brennstoffzellen und Sensoren und vielen anderen Entwicklungen in anderen Gebieten.

Entwicklungen in der Biotechnologie ermöglichen die routinemäßige Bearbeitung biologischer Stoffe, bessere Medikamente, Heilmittel für schwere Krankheiten, die Verlängerung des Lebens und die synthetische Herstellung verschiedener Materialien mithilfe von biologischen Prozessen.

Die Informationstechnologie bringt uns schnellere Computer, bessere Speicher- und Kommunikationsgeräte, künstliche Intelligenz und einfache Schnittstellen, die überall und problemlos verfügbar sind, so dass alle Bereiche unseres Lebens auf die verschiedenste Weise und zu geringen Kosten durch neue Software und Hardware bereichert werden.

Und schließlich wird die kognitive Wissenschaft und später die kognitive Technologie uns eine bessere Vorstellung davon vermitteln, wie unser Nervensystem und unser Bewusstsein funktioniert und uns letztlich Möglichkeiten zur Beeinflussung und Erweiterung des Gehirns oder sogar zur Schaffung synthetischer Gehirne bieten.

Die Konvergenz wird diese Trends beschleunigen und verstärken und weitere Trends generieren – man denke nur einmal daran, was die Konvergenz von Computertechnik und Kommunikationstechnik alles bewirkte. Die Konvergenz von IT und Biotechnologie wird es uns ermöglichen, Elektronik mit dem menschlichen Körper zu verbinden.

Nimmt man nun noch die kognitive Technologie und die Nanotechnologie hinzu, so werden wir Gefühle aufzeichnen und wiedergeben können und letztlich Zusätze zum menschlichen Gehirn herstellen, um unser Gedächtnis oder unsere Intelligenz zu verbessern. Wir werden vollständig sensorische Computerspiele und Kommunikationsumgebungen haben, bei denen sich virtuelle Objekte genauso wie reale anfühlen werden. Wir könnten einen Händedruck aufzeichnen und ihn wieder abspielen, um ein Geschäft mit jemandem auf einem anderen Kontinent per Handschlag zu besiegeln. Wir könnten auch Küsse und Zärtlichkeiten aufzeichnen – sogar ein Orgasmus per Instant Messaging ist denkbar.

Dank dieser Konvergenz können wir dann auch „denkende“ Maschinen herstellen, ebenfalls noch innerhalb unseres Zeitrahmens bis 2030, deren Intelligenz wahrscheinlich die menschliche weit übertreffen wird. Wem dies zu weit hergeholt klingt, sei darauf hingewiesen, dass wir – und viele andere Forscher in aller Welt – heute bereits an entsprechenden Konzeptstudien arbeiten. In jedem Fall wird ein Großteil der Innovation und der Entwicklung von anderen intelligenten Maschinen übernommen, so dass die Menschen dies gar nicht selbst können müssen.

Um interessante neue Technologien zu erleben, müssen wir jedoch gar nicht auf Maschinen mit übermenschlichen Fähigkeiten warten. Frühe Vorhersagen zu UMTS-Mobiltelefonen ließen uns erwarten, dass wir von Geschäften, an denen wir gerade vorbeigehen, mit Werbung und personalisierten Sonderangeboten bombardiert würden. Diese und viele andere Dienste können leicht missbraucht werden, entweder durch übel gesinnte Einzelpersonen, Spam-Versender oder Unternehmen mit aufdringlichen oder störenden Marketing-Praktiken.

Zwischen dem Nutzer und dem Rest der Welt ist daher eine dicke Schicht von Filtertechnologie erforderlich. Die meisten von uns würden die Filter so einstellen, dass eine solche unerwünschte Werbung ausgeschlossen wird. Da aber Marketinginformationen oder Sonderangebote manchmal auch nützlich sein können, müssen die Filter intelligent sein. Wir werden effektiv in halbdurchlässigen digitalen Blasen leben, die uns gegen unerwünschte Marketing-Botschaften oder unwillkommene Störungen abschirmen, aber geeignete Botschaften und Informationen durchlassen. Der Aufbau einer solchen Blase wird ein hohes Maß an Technologie zur Erstellung persönlicher Profile erfordern.

Entweder das System oder unsere persönlichen Geräte oder beide lernen uns und unsere Vorlieben nach und nach kennen. Erwünschte Dinge werden durchgelassen und alles Unerwünschte bleibt draußen. Dies wird davon abhängen, wo wir uns befinden, was wir tun, mit wem wir zusammen sind sowie von anderen Kontextparametern wie z.?B. auch, ob wir gerade arbeiten oder spielen. Die so genannten Context Engines sind schon seit Jahren in der Entwicklung und werden noch weitere Jahre benötigen, bis sie wirklich nützlich sind. Jedoch wird es ohne diese smarten Schutzschilde fraglich sein, dass die Märkte ihr volles Potenzial ausschöpfen.

Mit zunehmendem Reifegrad der Technologie werden unsere digitalen Blasen die Welt zu einem wesentlich interessanteren Ort machen. Wenn wir uns bewegen, werden unsere digitalen Blasen mit der smarten Umgebung interagieren. Sensoren, Kommunikations-, Speicher- und Verarbeitungseinrichtungen werden allgegenwärtig sein. Dies bezeichnet man als „pervasive ICT“, wobei sich der Begriff pervasiv nicht nur auf die physische Allgegenwart bezieht, sondern auch auf den Umstand, dass die Technologie in alle Bereiche unseres Lebens vordringt.

Diese digitale Luft hält prinzipiell die Informationen (und Algorithmen) bereit und wartet darauf, dass wir einen bestimmten Luftraum durchqueren, bevor wir auf diese Informationen zugreifen können. Durch Messaging-Technologie können sich die Websites von Einzelpersonen oder Unternehmen bis in diese physische Umgebung hinein erstrecken und Inhalte per Wireless-LAN oder Mobilnetz an die gerade vorbeigehenden Personen übermitteln, wodurch das Web ein lokales geografisches Overlay erhält. Dies könnte man mit dem Begriff „Street Cyber-

space“ charakterisieren.

Innerhalb unserer digitalen Blasen werden virtuelle Umgebungen bald zu einem regulären Bestandteil unseres Alltags werden. Es wird Positioniersysteme geben, die in städtischen Umgebungen und im Haus auf wenige Millimeter genau arbeiten. Wir werden Head-up-Displays verwenden, anfangs vielleicht zum Betrachten von Videos während einer Zugfahrt, später zunehmend zur Abbildung computergenerierter Daten auf die uns umgebende Welt. Dies bezeichnet man als „Augmented Reality“.

Wir können uns schlicht Daten anzeigen lassen, beispielsweise in Form von Navigationsinformationen, E-Mails etc., aber wir könnten auch die Bilder, die wir sehen, verändern. Gebäude werden eine duale Architektur haben: ein konventionelles physisches Erscheinungsbild und ein attraktives, dynamisches multimediales Erscheinungsbild, so dass die Straßen für uns immer so aussehen, wie wir das wünschen. In der ferneren Zukunft könnte sich die Videobrille zu aktiven Kontaktlinsen weiterentwickeln, die mit direkter Netzhautprojektion ein komplettes 3-D-Rundumbild mit unbegrenzter Auflösung erzeugen.

Wir werden beginnen, Informationen über die Menschen in unserer Nähe zu sehen und vielleicht sogar auch das Äußere dieser Personen verändern. Wir können Informationen über die Persönlichkeit eines anderen Menschen, seine Hobbys, sexuellen Vorlieben und seine Verfügbarkeit sichtbar machen, und natürlich werden wir nur solche Informationen erhalten, die von der digitalen Blase des anderen preisgegeben werden. Die an uns vorbeigehenden Personen tragen möglicherweise Ausweise, die solche Informationen übermitteln und damit quasi als persönliche Website-Sender arbeiten. Neue Arten von Messaging-Diensten werden diese Geräte ergänzen und uns die Übermittlung von Nachrichten an Menschen in unserer Nähe ermöglichen, gegliedert nach Richtung, Persönlichkeit oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe oder Interessengemeinschaft.

Da diese Umgebungen digital sind, können wir auswählen, wie wir andere Menschen sehen wollen bzw. diese können bestimmen, wie sie wahrgenommen werden wollen. Hier kommt es offensichtlich zu einem Kampf um die Kontrolle: darum, wer das Recht hat zu bestimmen, was jemand sieht, wenn er eine andere Person ansieht. Die Entscheidung hierüber müsste auch nicht immer bei diesen beiden Personen selbst liegen, sondern vielleicht bei einem Dritten, z.?B. bei einem Unternehmen oder der Regierung. Bei einem Einstellungsgespräch könnten wir veranlasst werden, alle Bewerber gleich zu sehen, so dass wir keine Vorauswahl aufgrund der Attraktivität oder des Alters treffen. Die Regierung könnte darauf bestehen, dass unsere Hautfarbe in manchen Situationen verborgen bleibt, um möglichen rassistischen Handlungen vorzubeugen. Wenn es keine Kontrollen gibt, könnten wir die hässlichen Menschen aus unserem Blickfeld entfernen und sie durch attraktivere Menschen ersetzen – die Kollegen erscheinen dann als Traumfrauen und -männer! Die Menschen könnten mit einer Art digitalem Badezimmerspiegel ihr eigenes Aussehen für virtuelle Welten bestimmen. Für manche unserer zukünftigen Beziehungen könnte das bedeuten, dass wir niemals die tatsächliche Person von Angesicht zu Angesicht kennen lernen werden, so dass die gesamte Beziehung auf einer virtuellen Verkörperung und einem virtuellen Aussehen basiert. Oder wir könnten uns in einen Menschen wegen seiner Persönlichkeit verlieben und diesem mit unserer digitalen Verpackungskunst auch ein gefälliges Aussehen verleihen.

Vorstellbar wäre es auch, die aktiven Kontaktlinsen mit Hilfe von Gehirnströmen mit einfacher Mustererkennungstechnologie zu verknüpfen. Nachdem jemand eingeschlafen ist, sollte es möglich sein, festzustellen, wann seine Traumphase beginnt. Dann können Bilder und Klänge eingespielt werden, um die Träume in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das computergestützte Träumen könnte eine Menge Spaß machen, mit der Vielseitigkeit von Computerspielen und dem Realismus eines Traumes. Dank verbesserter Gedankenerkennung kann der Träumer in die Lage versetzt werden, vollständig interaktiv zu träumen, und im Prinzip wäre es möglich, auf diese Weise seine Träume mit denen anderer Menschen zu verbinden. Vielleicht wissen wir bis 2030 auch, wie man Traumzustände auslöst, so dass das interaktive gemeinsame Träumen zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung werden könnte.

Die Fähigkeit zum Aufzeichnen und Wiedergeben von Empfindungen würde auch im Wachzustand hochgradig erweiterte virtuelle Umgebungen möglich machen. So wird es vorstellbar, ein Geschäft per Handschlag über den Ozean abzuschließen oder einen Kuss oder eine Zärtlichkeit aufzuzeichnen – bis hin zum Orgasmus per E-Mail.

Die Nanotechnologie leistet bereits einen Beitrag zur Kosmetik und wir können in absehbarer Zeit smarte Kosmetika erwarten, deren Partikel sich an einem elektrischen Feld ausrichten. Durch Bedrucken der Haut mit einer „aktiven Hautstruktur“ ließe sich

Make-up elektronisch steuern. Eine Frau könnte dann in einem digitalen Badezimmerspiegel den gewünschten Look auswählen, das Make-up auftragen, einen Knopf drücken und zusehen, wie das Make-up im Handumdrehen das gleiche Aussehen wie das Spiegelbild annimmt. Im Laufe des Tages kann das Make-up sich dann verändern, abhängig davon, wo die Frau sich aufhält, mit wem sie zusammen ist und um was für ein Treffen es sich handelt. Auch Bestandteile von smarten Parfüms ließen sich gezielt freisetzen.

Die größte Auswirkung der NBIC-Konvergenz werden jedoch intelligente Maschinen sein diese werden mit dem menschlichen Gehirn verbunden sein, wenngleich wir bis 2030 nur die Anfänge dieser Konvergenz von Mensch und Maschine erleben werden. Es wäre auch sehr gefährlich, unabhängige Maschinen mit übermenschlichen Fähigkeiten zu erschaffen, wenn die Menschen nicht direkt ähnliche Intelligenzgrade durch Erweiterung des Gehirns erreichen können. Ohne solche Vorsichtsmaßnahmen läge das Überleben der Menschheit im Ermessen der Maschine. Durch Fortschritte in der Computertechnik werden wir die Anwendung extrem einfacher Architekturen erleben, die grundlegende physikalische, analoge und nichtlineare Effekte wesentlich besser nutzen, um die Aufgaben der heutigen umständlichen und sperrigen Softwareprodukte zu übernehmen. Betriebssysteme werden auf ihren Kern reduziert und werden vor allem aus Gründen der Sicherheit hauptsächlich Hardware- oder Rom-basiert sein. Wir werden eine massive Wiederauferstehung der analogen Verarbeitungsverfahren erleben und die meisten Kommunikationsverbindungen zwischen Geräten werden optisch realisiert werden. Wenn zumindest einige davon Neuronen für die Verarbeitung und Speicherung nutzen, dann werden solche Architekturen durchaus in der Lage sein, Computer mit Gefühlen zu bilden. In gewissem Umfang können sogar Quantencomputer realisiert werden. 3-D-Architekturen werden Standard und viele Schaltkreise entstehen durch Selbstmontage und Selbstorganisation, sogar unter Einbeziehung von DNS oder speziell entwickelten Proteinen, die die „Bauarbeiten“ übernehmen. Innerhalb des Zeitrahmens bis 2030 werden wir wahrscheinlich Computer in Form von Gel gefüllten Behältern sehen, in denen sich schwebende Prozessorteilchen befinden, die optische Verbindungen im freien Raum zu Millionen von anderen Teilchen besitzen. In Verbindung mit stark verbesserten evolutionären Entwicklungstechniken wird es die Selbstorganisation ermöglichen, Intelligenz literweise herzustellen.

Wenn die Konvergenz dann wirklich einen hohen Reifegrad erreicht hat, erheblich unterstützt und beschleunigt durch intelligente Maschinen, werden wir die Fähigkeit entwickeln, Schaltungen mit DNS und anderen Proteinen zu entwickeln, die jede gewünschte elektronische Struktur bauen. Vorstellbar wäre ein intelligentes Bakterium, das ein elektronisches Neuron in seiner eigenen Zelle baut und dieses dann über die gesamte Lebensdauer mit Strom versorgt. Wer weiß, vielleicht ist der Computer im Jahre 2030 ein Pfirsichjoghurt, der auf einer Diskussion über ethische Fragen besteht, bevor er sich zum Frühstück essen lässt?!

IAN PEARSON

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Forschung & Entwicklung

smk systeme metall kunststoff gmbh & co. kg-Firmenlogo
smk systeme metall kunststoff gmbh & co. kg Entwicklungsingenieur (m/w/d) Filderstadt bei Stuttgart
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG Spezialist (m/w/d) Display-Systeme Weissach
DynaEnergetics Europe GmbH-Firmenlogo
DynaEnergetics Europe GmbH R&D Technician & CAD Draftsperson (m/f/x) Troisdorf bei Köln
Lauer & Weiss GmbH-Firmenlogo
Lauer & Weiss GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) modellbasierte Softwareentwicklung Fellbach bei Stuttgart
Lauer & Weiss GmbH-Firmenlogo
Lauer & Weiss GmbH Nutzfahrzeugentwickler (m/w/d) Neu-Ulm
RAYLASE GmbH-Firmenlogo
RAYLASE GmbH Entwicklungsingenieur Mechanik (m/w/d) Weßling
BHS Corrugated Maschinen- und Anlagenbau GmbH-Firmenlogo
BHS Corrugated Maschinen- und Anlagenbau GmbH Ingenieur (m/w/d) Faserverbundwerkstoffe / CFK Weiherhammer
AGCO GmbH-Firmenlogo
AGCO GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Elektronische Komponenten Marktoberdorf
FPI Food Processing Innovation GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FPI Food Processing Innovation GmbH & Co. KG Entwicklungsingenieur (m/w/d) Mechatronik für Geflügelmaschinen im Maschinen- und Anlagenbau in der Nahrungsmittelverarbeitung Lübeck
WIWA-Firmenlogo
WIWA Entwicklungsingenieur Antriebs- und Steuerungstechnik (m/w/d) Lahnau

Alle Forschung & Entwicklung Jobs

Top 5 Forschung

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.