Forschung 24.10.2003, 18:27 Uhr

Ideen an den Mann bringen

Tausende Innovationen privater Erfinder harren beim Patentamt ihrer Überprüfung. Um ihre Vermarktung kann sich die Münchener Behörde nicht kümmern. Gekonnte Eigeninitiative ist gefragt.

Zuletzt wurden rund 10 % aller Patente nicht im Namen großer Unternehmen angemeldet“, weiß Diane Nickl, Sprecherin des Deutschen Patent- und Markenamtes (DPMA). „Etwa 6000 Innovationen entsprangen also den Köpfen von freien Erfindern und Kleinbetrieben.“
Viele dieser geistigen Pioniere sind organisiert in Erfindervereinigungen. Das größte deutsche Netzwerk ist Insti. Dieses Projekt zur Innovationsstimulierung wurde 1995 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ins Leben gerufen. Managerin Beate Treu beklagt: „Hinter den vielen Ideen verbirgt sich ein riesiges Potenzial, das leider nicht ausreichend genutzt wird.“ Verantwortlich für diese Ressourcenvergeudung seien verschiedene Stellen. „Die Erfinder müssen sich auch an die eigene Nase fassen. Viele haben einen technischen Tunnelblick und können den Nutzen ihrer Idee nicht stark genug nach außen transportieren. Für professionelles Marketing fehlt ihnen Know-how, die Zeit und das Geld.“
Auch die potenziellen Abnehmer müssten ihr Verhalten ändern. „Nach ersten Ergebnissen einer noch laufenden Umfrage unter 3000 Unternehmen in Deutschland sind viele an den Ideen von freien Erfindern und Wissenschaftlern interessiert, sie recherchieren aber kaum und besuchen auch nur selten einschlägige Messen.“ Die Betriebe wünschen laut Treu bereits geprüfte Ideen. „Patentrecherche und -anmeldung sowie eine umfangreiche Marktuntersuchung sollen vom Einzelerfinder in Vorleistung erbracht werden. Das ist ohne fremde Unterstützung aber kaum zu schaffen.“ Außerdem würden die Unternehmen professionelle Präsentationen in ihren Häusern erwarten.
Erste Hilfe können in dieser Situation Erfinderclubs leisten. Einige haben erfahrene Vermarkter in ihren Reihen. Insti bietet außerdem für Mitglieder Verwertungsworkshops an. „Eine Alternative dazu sind professionelle Verwerter. Das ist aber wieder eine Geldfrage“, räumt Treu ein. Dr. Friedrich Möllenkamp, Mitglied einer privaten Forschungsgemeinschaft, wird deutlicher. „Bevor die von uns beauftragte Agentur auch nur einen Finger krümmte, wurden wir erstmal zur Kasse gebeten.“ Der Mikroelektroniker entwickelt gemeinsam mit einem Mediziner und einem Elektrotechniker das Ionen-Bioblastron. Das Gerät wird temporär oder permanent im Brustkorb des Patienten implantiert, um eine Krebserkrankung früh erkennen zu können. Alle gesammelten Daten fließen in ein Kompetenzzentrum und münden in einem spezifischen Behandlungsplan. Die Technik ist bereits patentiert, ihre Vermarktung aber stockt. „Wir sind der Pharmaindustrie ein Dorn im Auge“, ist Möllenkamp überzeugt. „Die Medikamente-Hersteller haben kein Interesse an Innovationen aus der Gerätemedizin.“ Auch bei den wenigen Produzenten von Medizintechnik in Deutschland sei das Interesse gering. „Die bleiben lieber bei ihren Leisten.“ Die Folge: „Auf dem Gebiet der Nanomedizin ist Deutschland im Vergleich zu den USA weit zurück gefallen. Wir müssen immer mehr teure Lizenzen einkaufen.“
Geändert werden könne diese Situation laut Möllenkamp durch eine Erweiterung des DPMA. „Wir schlagen vor, dass es eine dritte Sektion (neben Patente und Gebrauchsmusterschutz) erhält. Diese soll sich um die nutzbringende Anwendung der Erfindungen sorgen und Pfründeinteressen, mit denen viele zukunftsträchtige Erfindungen ins Archiv geschoben werden, überwinden.“ Finanzieren solle sich die Abteilung aus Vermittlungsgebühren. Außerdem solle sie monatlich eine Liste neuer Anmeldungen an potenziell interessierte Unternehmen schicken.
DPMA-Sprecherin Nickl ist skeptisch. „Man kann darüber nachdenken. Wir kommen unserer Veröffentlichungspflicht aber schon nach, in dem wir alle Patente nach Erteilung veröffentlichen.“ Eine zielgenaue Zusendung sei unmöglich. „Wie sollten wir feststellen, welche Betriebe in welche Produktsparten expandieren wollen?“ Vor allem sei die Aufgabe ohne Ausbau des Personalstamms kaum zu bewältigen. Das gelte auch für eine zusätzliche Vermarktungssektion. „Über eine solche Erweiterung des Amtes kann nur der Gesetzgeber entscheiden. Eine entsprechende Vorlage müsste das Justizministerium erarbeiten.“
Die Berliner aber sind skeptisch. Eine Sprecherin des Ministeriums erklärt: „Es ist nicht die Aufgabe des Staates, sich in die Dynamik der freien Marktwirtschaft einzumischen.“ Darüber hinaus gebe es mittlerweile viele Verwertungsgesellschaften, die Erfinder bei der Vermarktung ihrer Ideen unterstützen.   STEFAN ASCHE
.Vermarktungstipps und Anlaufadressen
Wie Innovationen zu barer Münze werden
„Ein Patent verspricht noch keinen Ertrag“, warnt DPMA-Sprecherin Diane Nickl. Bevor Erfinder großen Absatz ihrer Produkte einplanen, sollten sie sich etwa mit Insti oder der Fraunhofer Patentstelle über die Marktchancen unterhalten. „Erfahrungsgemäß gute Karten hat, wer bestehende Produkte weiter entwickelt hat.“
Wolfgang Müller, Leiter des Steinbeis-Transferzentrums Infothek in Villingen-Schwenningen, gibt konkrete Vermarktungstipps: „Auf der Webplattform InnovationMarket bekommen Inhaber hochwertiger Patente Kontakt zu Investoren. Unternehmen, die neue Geschäftsfelder aufbauen möchten, nutzen die Seite, um passende Innovationsangebote zu finden.“ Eine weitere Anlaufstelle sei die Insti-Innovationsaktion. „Im Rahmen von neun öffentlich geförderten Modulen hilft sie Unternehmern und Gründern, innerbetriebliche Innovationsprozesse zu optimieren. Forschungseinrichtungen werden unterstützt bei der Planung und Umsetzung ihres Patent- und Verwertungsmanagements.“ Darüber hinaus gebe es in einigen Ländern spezielle Förderprogramme. „Das niedersächsische Wirtschaftsministerium beispielsweise stellt über die Erfinderzentrum Norddeutschland GmbH (EZN) Mittel zur Verfügung, um erfinderische Ideen in wirtschaftliche Innovationen umzusetzen.“ Freie Verwertungsagenturen sollten nur in Anspruch genommen werden, wenn sie einschlägige Referenzen vorweisen könnten. „Am Markt wimmelt es von unseriösen Anbietern.“
Wer völlig eigenständig auf Lizenznehmersuche geht, sollte zunächst seine potenziellen Kunden kennen. Hilfreich sind laut Müller Patentrecherchen. „So erfährt der Erfinder schnell, wer die Konkurrenz ist.“ Deren Kundschaft müsse nun gezielt angeschrieben werden. „Richtige Ansprechpartner sind dabei nicht die Entwicklungsleiter, sondern die Marketingstrategen und die Geschäftsführung.“  sta

Ein Beitrag von:

  • Stefan Asche

    Stefan Asche

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: 3-D-Druck/Additive Fertigung, Konstruktion/Engineering, Logistik, Werkzeugmaschinen, Laser

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