Forschung 10.11.2000, 17:27 Uhr

Hightech in Wald und Flur

Hier im Norden ist der Standort vieler Hightech-Unternehmen, die sich eine rosige Zukunft ausrechnen.

Dunkle Wolken jagen über das flache, menschenleere Land, Sturm peitscht Regen vor sich her. Felder, Felder und nochmals Felder, abgeerntet, umgepflügt, leer – deprimierend. Ende Oktober bezaubert Mecklenburg-Vorpommern nur noch wenige Unerschrockene. Die Masse der Urlauber hat den weißen Stränden zwischen Kühlungsborn und Usedom längst den Rücken gekehrt und träumt vom nächsten, hoffentlich schöneren Sommer. – Meck-Pom: ein Land im Winterschlaf?
Nur wenige hundert Meter vom Urlaubsstrand Rostock-Warnemünde entfernt stehen Schweißer im strömenden Regen. Im halb von einer Halle überdachten Dock der modernsten Werft Europas entsteht – zum ersten Mal seit 17 Jahren in Deutschland – eine Plattform für die Exploration neuer Ölquellen. „Bei der Ausschreibung haben wir uns gegen die asiatische Konkurrenz durchgesetzt“, sagt Björn Wang stolz. Der Norweger ist leitender Direktor des Bohrinselprojekts der Kvaerner Warnow Werft. Die hochmoderne Plattform, die hier gebaut wird, wurde von einer schottischen Firma in Auftrag gegeben und soll später von der norwegischen Statoil gechartert werden. 330 Mio. Dollar Auftragsvolumen stehen dahinter.

Von Rostock aus in die Tiefsee auf Ölsuche

Die Herausforderungen an den Bau waren enorm. „Wir mussten zum Beispiel eine ganz neue Baumethodik entwickeln“, erklärt Wang. Da die Konstruktion der Bohrinsel breiter als das Dock ist, wird einer der beiden Schwimmpontons erst montiert, wenn die komplette Bohrinsel samt Bohrturm völlig fertig gestellt ist. „Dazu muss die Insel das Trockendock verlassen. Die Montage des zweiten Schwimmpontons findet anschließend am Ausrüstungskai statt“, erklärt Wang.
Mit im Trockendock liegen Teile des Achterschiffs eines Frachters, an dem zeitgleich gearbeitet wird. „Wir sind ja eigentlich eine Werft, die Containerschiffe der bislang größten Generation bauen kann“, erklärt Unternehmenssprecher Matthias Trott. Die Ölplattform ist eher eine „Notlösung“, die sich aus den Kapazitätsbeschränkungen der EU ergibt: Die hochmoderne Werft darf nicht mehr als 91 000 CGT pro Jahr bauen. CGT steht für „Compensated Gross Tons“ und ist eine Einheit, mit deren Hilfe der unterschiedliche Aufwand beim Bau verschiedener Schiffstypen vergleichbar gemacht wird. Für die Kvaerner Warnow Werft bedeutet die Begrenzung, dass derzeit nur rund zwei Drittel der vorhandenen Kapazität ausgenutzt werden können.

Mecklenburg-Vorpommern will Werften-Standort bleiben

In ganz Mecklenburg-Vorpommern dürfen insgesamt 327 000 CGT gebaut werden – das ist ein Zehntel dessen was in Europa hergestellt wird. Weltweit beherrschen die Koreaner den Markt. „Die haben allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres 139 Schiffe mit fast 4,6 Mio. CGT hergestellt und Aufträge über mehr als 259 Schiffe mit 8,6 Mio. CGT erhalten“, weiß Wang. Sein Frust über die Kapazitätsbegrenzung ist deutlich herauszuhören. Dennoch fällt dem Norweger die absehbare Trennung von Rostock sichtlich schwer, denn Kvaerner verkauft seine gesamte Werftsparte und wird sich über kurz oder lang aus Rostock zurückziehen. „Wir sind sicher, dass der Standort überleben wird, unsere Werft ist eine der modernsten, wenn nicht die modernste Europas.“
Unvergessen sind im In- wie im Ausland die ausländerfeindlichen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen. Rostock hat aber auch eine andere Tradition: die der weltoffenen Hanse- und Universitätsstadt mit einer starken Tradition in der bio-medizinischen Forschung. Diese Forschung wurde nach der Wende schnell zu einem Anziehungspunkt für junge Biotechnologie-Firmen. Inzwischen hat das Wirtschaftsministerium in Schwerin die Parole vom „Biocon-Valley Rostock“ ausgegeben. „Wir fördern die Ansiedlung junger Firmen in diesem Bereich ganz explizit“, sagt Wilhelm Burke, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern. In dem strukturarmen, für Tourismus und Landwirtschaft bekannten Bundesland siedeln mittlerweile immerhin 70 Jungunternehmen, die dieser Zukunftstechnologie zugerechnet werden. Zum Vergleich: Bundesweit gibt es knapp 300 junge Biotech-Unternehmen.
Burke gibt sich optimistisch, was die Zukunft seines Landes angeht. „Wir haben ein überdurchschnittlich qualifiziertes Arbeitskräftepotential, das haben auch schon Unternehmen aus dem Ausland erkannt.“ Mecklenburg-Vorpommern zieht mittlerweile Investoren aus Nordeuropa, den USA und Asien an.
Eine Firma, die den Sprung über nationale Grenzen hinweg bereits geschafft hat, ist Teraklin. Die Gewinner des „Start-Up“-Preises 1998 sind die Shooting-Stars der Rostocker New-Technology-Szene. Ihr Markt: der künstliche Organersatz, insbesondere die Blutreinigung bei Leberversagen. Der Durchbruch für die „Leberwäsche“, ein bislang einzigartiges Verfahren, gelang 1990 zwei jungen Wissenschaftlern der Rostocker Uni, Steffen Mitzner und Jan Stange. Die Entwicklung basiert auf der Adsorption giftiger Stoffe, die normalerweise von der Leber mit Hilfe bestimmter Eiweißstoffe, so genannter Albumine, herausgefiltert werden. Die Rostocker haben ein Filtersystem entwickelt, das ähnlich der Leber proteingebundene Stoffwechselprodukte wie Bilirubin, Tryptophan oder Gallensäure durch Albumin bindet. Das so gereinigte Blut wird anschließend in den Körper zurückgeführt.
„Die künstliche Leber ermöglicht selbst bei schweren Leberschäden Heilungschancen, die bisher unerreichbar schienen“, erklärt Walter Gerike, Gründungs- und Vorstandsmitglied von Teraklin, promovierter Physiker und gerade mal 33 Jahre alt. Außerdem senkt die Behandlungsmethode Kosten, verbessert die Lebensqualität, hilft, eventuell Leberkrankheiten auszuheilen, oder kann dazu beitragen, Zeiten bis zu einer Leber-Transplantation zu überbrücken.
So jung das Unternehmen, so rasant der Expansionskurs: Bis Ende 2001 soll die derzeitige Mannschaft von 48 Mitarbeitern auf rund 100 aufgestockt werden. Tochtergesellschaften in Großbritannien, Spanien und Frankreich sind bereits gegründet. „Wir sind aber dennoch zutiefst in Rostock verwurzelt“, sagt Gerike. Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: „Für Deutschland sind wir eher untypisch, unsere Arbeitsweise entspricht eher amerikanischen Traditionen.“
Über alle Grenzen hinaus blicken auch einige Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald. Eingebettet in ein europäisches Forschungsprojekt, an dem 2000 Physiker und Ingenieure arbeiten, versuchen sie nachzuahmen, was uns die Sonne Tag für Tag vormacht: Energiegewinnung durch Kernfusion. Wenn es gelänge, eine industrielle Technik zu entwickeln, die das kontrollierte Verschmelzen von Wasserstoffatomen erlaubt, könnte der Menschheit auf ewig eine unerschöpfliche Energiequelle zur Verfügung stehen.
Derzeit sind Kernfusionen nur im wissenschaftlichen Maßstab möglich. „Industriell genutzt, hätte die Kernfusion gegenüber der Kernspaltung den Vorteil, sicherer zu sein, da sie auf keiner atomaren Kettenreaktion beruht“, erklärt Institutsleiter Prof. Friedrich Wagner. Aber auch bei der Kernfusion fällt radioaktiver Abfall an. „Dieser Abfall müsste aber nur etwa hundert Jahre zwischengelagert werden, im Gegensatz zu den vielen tausend Jahren bei Abfällen aus herkömmlichen Kernreaktoren.“
Die größte technische Herausforderung bei der Kernfusion ist die hohe Temperatur, bei der Wasserstoffkerne verschmelzen. Zum Zünden des Fusionsfeuers muss ein Plasma auf Temperaturen von über 100 Millionen Grad aufgeheizt werden. Das heiße Plasma wird durch Magnetfelder, die von Spulen erzeugt werden, eingeschlossen. Gegenwärtig gibt es zwei Experimenttypen: den Tokamak und den Sellarator. Am Wendelstein 7-X in Greifswald wird ein weiterentwickelter Stellarator eingesetzt, um das Plasma in Form zu halten.
Beim Stellarator wird das Magnetfeld ausschließlich durch äußere Spulen erzeugt, Dadurch können diese Systeme im Dauerbetrieb arbeiten – eine Grundvoraussetzung für eine künftige kommerzielle Nutzung zur Energiegewinnung. Bis 2006 sollen alle Komponenten für das Fusionsexperiment in Greifswald gefertigt und montiert sein. Für die Experimentphase sind noch einmal 15 bis 20 Jahre angesetzt.
Vielleicht wird Greifswald ja einmal als „Sun-City“ in die Annalen eingehen. Die Greifswalder selbst kümmert das derzeit noch wenig. Sie schlagen lieber den Kragen ihrer Winterjacken hoch und stemmen sich dem strammen Herbstwind entgegen. Denn eins ist gewiss: Der nächste Sommer kommt. Und damit hoffentlich auch reichlich Sonnentage. A. NITZSCHMANN

Mecklenburg-Vorpommern

Heraus aus dem Armenhaus

Mecklenburg-Vorpommern ist nicht nur durch seine Küsten, Wälder und Seen bekannt, sondern auch durch einen besonders schmerzhaften Strukturwandel nach der Wende. Noch heute liegt die Arbeitslosigkeit bei rund 17 %. Den größten Anteil an der wirtschaftlichen Leistung des Landes hat das Produzierende Gewerbe (29,9 % im Jahr 1997), gefolgt vom Dienstleistungssektor (28,2 %).
Das Wirtschaftsministerium will das Land aus dem Status herausholen, zu den Armenhäusern Europas zu gehören. Ziel, so Rolf Eggert, Wirtschaftsminister des Landes, muss es sein, durch Förderung von Innovation und Technologie, die Schaffung von Ausbildungsplätzen, den weiteren Ausbau der Infrastruktur und die Entwicklung des Fremdenverkehrs bis 2006 das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf 75 % des EU-Durchschnitts zu steigern. Derzeit liegt der Wert noch bei 66 %. an

Von A. Nitzschmann
Von A. Nitzschmann

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