Forschung 29.09.2000, 17:26 Uhr

Gute Forschung am Tropf

Sie hängt nach wie vor am Tropf des Staates.

Heute ist von goldenem Herbst nicht viel zu spüren. Der Wind pfeift um die Ecke, feiner Regen mischt sich in die eisige Luft. Die Bäume vor dem frisch sanierten Plattenbau des früheren Zentrums für wissenschaftlichen Gerätebau in Berlin-Adlershof tragen Herbstschmuck, die Fenster sind neu und vorsichtshalber fest verschlossen. Langsam schreitet Peter Reich die Fassade ab. „Die meisten der schweren Spektroskope hatten wir früher im Keller aufgestellt“, erinnert er sich. „Und die Etage dort oben auf dem Dach, die gab es damals auch noch nicht.“ Er bleibt stehen und lächelt ein wenig verlegen: „Sie müssen schon entschuldigen, aber ich war lange nicht hier.“
Peter Reich ist 63 Jahre alt und von Beruf Chemiker. Im Dezember 1963 verschlug es den jungen Forscher von Dresden nach Berlin, an die Deutsche Akademie der Wissenschaften (DAdW), seit Oktober 1972 „AdW der DDR“. Er landete im damaligen Institut für physikalische Chemie. Um kleinste Materialproben zu analysieren, kamen vielfältige Methoden zum Einsatz, immer größer und aufwendiger wurden die Apparate.
Als die Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) 1992 einige Labors der alten DDR-Akademie übernahm, wurde Reich zum Fachgruppenleiter für Strukturanalytik berufen. Auf die Erfahrungen der Mitarbeiter des „Analytischen Zentrums“ der AdW wollten die westdeutschen Kollegen nicht verzichten.
Peter Reich war schon als DDR-Forscher privilegiert und er gehört zweifellos zu den Gewinnern der Wende. „Als Forscher an der AdW durften wir relativ frei bestimmen, welche Themen wir anpacken“, resümiert er. „Und nach der Wende habe ich mich beruflich noch einmal weiterentwickelt – mit 55!“ In dem Alter hätte ihn die chemische Industrie in Westdeutschland längst in den Ruhestand geschickt. „Ich hatte wirklich großes Glück.“
Solches Glück hatten wenige. Rund 24 000 Forscher standen auf den Gehaltslisten der AdW der DDR. Fast alle wurden Ende 1991 arbeitslos. Umfangreiche ABM-Maßnahmen und das so genannte Wissenschaftlerintegrationsprogramm liefen 1998 ohne nennenswerten Erfolg aus. „Die Abwicklung der Akademie war nicht reparabel“, resümiert der frühere Chef des Akademieinstituts für chemische Technologie, Siegfried Nowak. „Junge, kreative, aber auch erfahrene ältere Wissenschaftler gingen gen Westen oder ins Ausland.“
Forschung in der DDR, das hieß: tüfteln und improvisieren. So wollten die Adlershofer Forscher Anfang der 70er Jahre die Raman-Spektroskopie mit Laserlichtquellen betreiben. Bei diesem Verfahren wird eine Materialprobe durch einen einfarbigen Lichtimpuls (Laser) elektromagnetisch angeregt. Aus dem reflektierten Frequenzband, das eine andere Wellenlänge besitzt als die Erregerfrequenz, lassen sich Rückschlüsse auf die Anordnung der Atome und ihre Bindungen ziehen. Doch solche Laser waren im Osten nicht verfügbar. Klaus-Werner Brzezinka gehörte zur Forschungsgruppe, die deshalb einen eigenen Argon-Ionen-Laser entwickelte. „Zur Registrierung der Spektren benötigten wir einen speziellen Stellmotor. Wir fuhren damals durch die ganze DDR, um eine Firma zu finden, die uns den Motor wickelt“, erzählt er. „Das konnte niemand, also haben wir die Spulen schließlich selbst gewickelt.“
Auch Brzezinka arbeitet heute bei der BAM, als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe von Peter Reich. Ein alter Laser, in den 80er Jahren bei Carl-Zeiss in Jena gefertigt, steht noch immer in seinem Labor. „Es ist erstaunlich, wie lange die alten Entladungsröhren halten, die Ingenieure in Jena hatten die Vakuumtechnik gut im Griff.“ Sein Chef Reich spricht rückblickend von „Partisanenmethoden“, die nur mit ungeheurem Personalaufwand zum Erfolg führten. „Was wir nie aufholen konnten, war der technische Vorsprung des Westens in der Datentechnik.“
Das kostete nicht nur Personal, sondern auch Zeit. Um die Struktur eines komplizierten Moleküls zu bestimmen, brauchten die DDR-Wissenschaftler anfangs mehrere Jahre, später noch Wochen oder Monate. Leistungsschwache Computer ließen die hochkomplizierten Berechnungen ausufern.
Zurück in der BAM, holt der Kristallograph Günter Reck, gleichfalls ein alter Kollege Reichs, extra für den neugierigen Besucher die verzweigte Knäuelstruktur eines komplizierten Technetium-Moleküls auf den Bildschirm. Solche komplexen Verbindungen spielen in der Medizin eine große Rolle, denn sie können beispielsweise krankhafte Veränderungen in den Herzkranzgefäßen eines Patienten aufspüren und gezielt heilen. „Ihre chemische Struktur aufzuklären, dauert heutzutage oft nur wenige Stunden“, sagt er.
Wissenschaftler der Akademie versuchten auch, über geheimnisvolle Umwege aus dem Westen eingeführte Materialien zu analysieren, etwa Antiklopfmittel für Ottomotoren. Einmal ging es darum, hochreine Rohstoffe für eine aus Japan nach Guben gelieferte Reifencord-Anlage durch einheimische Materialien zu ersetzen. „Unser Fasercord erreichte einfach nicht die gewünschte Festigkeit“, erinnert sich Reich.
Doch nicht nur die BAM hat das Erbe der AdW übernommen: Aus dem früheren Zentralinstitut für Optik und Spektroskopie entstand das Adlershofer Max-Born-Institut für Kurzzeitspektroskopie, das der Bund und das Land Berlin je zur Hälfte finanzieren. Rund 200 Forscher experimentieren dort mit ultrakurzen Laserblitzen, nur wenige Tausendstel einer billionstel Sekunde lang. Derart kurze Impulse liefern Lichtscheibchen, hundertmal dünner als ein Haar. Damit lassen sich extrem schnelle Vorgänge in der Natur aufklären, etwa die Schwingungen von Atomkernen in Molekülen. Bis zu 70 m lange Laserkanonen schießen im MBI mehrere Milliarden Mal Milliarden Watt pro Quadratzentimeter auf eine kleine Probe. Vergleichbare Prozesse gibt es in der Natur nur auf extrem heißen Sternen.
Auf ihren Nachfolgeinstituten ruhen die Hoffnungen der Ostdeutschen, über die Forschung den wirtschaftlichen Anschluss an Westdeutschland zu schaffen. Doch wie ehemals in der DDR hängt die ostdeutsche Wissenschaft immer noch am Tropf des Staates. Das gilt besonders für die angewandte Forschung, der nach wie vor die Industriepartner fehlen. Nach Auflösung der rund 200 Kombinate gelang es nur in Jena, Dresden und Eisenhüttenstadt, industrielle Entwicklungslabors zu erhalten.
Die Technische Universität in Dresden war die größte wissenschaftlich-technische Hochschule der DDR und ist heute eine der wichtigsten Technologieschmieden in den neuen Bundesländern. 1999 warb sie mehr als 142 Mio. DM zusätzlich durch Forschungsaufträge ein. „Aber 130 Mio. DM davon flossen von außerhalb nach Sachsen, aus der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Bundesforschungsministerium und der westdeutschen Industrie“, erläutert TU-Kanzler Alfred Post. „Statistisch gesehen betreut jeder vom Staat bezahlte Wissenschaftler knapp eineinhalb zusätzliche Stellen in der Drittmittelforschung.“
In Jena war das Kombinat Carl-Zeiss der einzige große Hersteller für Präzisionsmessgeräte im sozialistischen Wirtschaftsraum. „Wir durften Ende 1989 zum ersten Mal einen Blick in die Entwicklungslabors in Jena werfen“, erinnert sich Peter Reich. Die waren noch viel schlechter ausgerüstet. Auf jedes Teil mussten die Wissenschaftler dort lange warten, selbst wenn es aus dem eigenen Betrieb stammte. Nachdenklich fährt er fort: „Das war überall in der ostdeutschen Industrie so. Als die westdeutschen Firmen Hoechst und Uhde Anfang der 80er Jahre eine PVC-Produktionsanlage für 2 Mrd. DM nach Schkopau lieferten, fehlten der DDR ein paar hunderttausend DM für die begleitende Laboranalytik. Die DDR hat sich so oft selbst behindert.“ H. SCHWARZBURGER

Ostdeutsche Wissenschaftler forschen an der Spitze mit

Während sich die ostdeutsche Wirtschaft seit der Wende in vielen Bereichen schwer tut, wieder auf die Beine zu kommen, hat die Forschung schnell Anschluss gefunden. In Bereichen wie Informationstechnologie, Lasertechnik, Werkstoffwissenschaften und Biotechnologie haben ostdeutsche Forschungsinstitutionen in den vergangenen zehn Jahren zur Spitze aufgeschlossen. Lothar Späth, Chef-Sanierer des früheren DDR-Kombinats Carl-Zeiss in Jena: „Die Leute im Osten sind unglaublich motiviert, die Forschung wird als Chance für wirtschaftlichen Aufschwung begriffen.“ 1999 stellte Jenoptik rund 60 Mio. DM Risikokapital bereit und ist damit der größte Geber von Venture Capital in Ostdeutschland.
Heute gibt es in den fünf neuen Ländern und Berlin 24 Forschungsinstitute der Max-Planck-Gesellschaft, 21 Fraunhofer-Forschungszentren und 38 Einrichtungen der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried-Wilhelm-Leibniz (ehemals Blaue Liste). HS

Von H. Schwarzburger
Von H. Schwarzburger

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