Forschung 13.05.2005, 18:38 Uhr

Gefährliche Schwachstellen bei Forschung und Entwicklung  

„Das aus meiner Sicht wichtigste Kompetenznetz der Zukunft wird gestaltet durch die Kontakte und die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und der Industrie. Die finanziellen Anreize des Staates müssen viel stärker auf eine marktbezogene Forschung hin ausgerichtet werden – bis hin zur Berücksichtigung von Unternehmenskooperationen bei der Evaluation von Professoren“, so VDI-Präsident Professor Eike Lehmann in seiner Rede auf dem Deutschen Ingenieurtag in Magdeburg. Nachfolgend ein Auszug.

Natürlich wäre es aussichtslos, wenn wir auf allen Ebenen den weltweiten Konkurrenzkampf aufnehmen wollten. Wir müssen uns konzentrieren auf Felder, auf denen wir als hoch industrialisiertes, rohstoffarmes Land wettbewerbsfähig auftreten können. Hauptkriterium für unsere Recherche muss dabei sein: Was schafft die höchste Wertschöpfung in Deutschland?

Betrachten wir zum Beispiel die insgesamt positive Außenhandelsbilanz Deutschlands. Wir erkennen dabei ohne Mühe eine große „Automobil-Lastigkeit“. Trotz unserer Freude über diese Spitzenposition ist es klar, dass wir alles daran setzen müssen, diese wirtschaftliche Verletzlichkeit durch wachsende Stärken auch auf anderen Sektoren mittelfristig zu überwinden.

Die gefährlichste Schwachstelle ist allerdings unser Gesamtengagement im Bereich Forschung und Entwicklung. Die F&E-Aktivitäten in den OECD-Ländern wurden seit Mitte der 90er Jahre stark vorangetrieben, abgeschwächt nur zur Jahrestausendwende durch eine F&E-Stagnation in den USA.

Weltwirtschaftlich beinahe gewichtiger ist aber der „Überhol-Kurs“ seitens aufstrebender wachstumsstarker Schwellenländer: China und Indien haben ihre F&E-Kapazitäten kräftig aufgestockt, auch in Israel, Singapur, Taiwan und vor allem in Korea wird ausgesprochen F&E-intensiv produziert. Diese Länder haben seit Mitte der 90er Jahre über ein Drittel aller zusätzlichen F&E-Ausgaben in der Welt bestritten.

Deutschland ist noch weit entfernt von dem Ziel, das auch in der Agenda 2010 gesteckt worden ist: mindestens 3% des Bruttosozialprodukts einzusetzen für Forschung und Entwicklung.

Wir müssen auch sicherstellen, dass ein entschieden schnellerer und effizienterer Transfer von der Wissenschaft und Forschung in marktgerechte Produkte erfolgt. Ich schätze, dass heute noch rund 90% der deutschen Forschungsergebnisse in die Archive wandern und nur 10% in Produkte umgesetzt werden.

Das aus meiner Sicht wichtigste Kompetenznetz der Zukunft wird gestaltet durch die Kontakte und die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und der Industrie. Die finanziellen Anreize des Staates müssen viel stärker auf eine marktbezogene Forschung hin ausgerichtet werden – bis hin zur Berücksichtigung von Unternehmenskooperationen bei der Evaluation von Professoren.

Einen weiteren deutschen Wettbewerbsnachteil sollten wir aus meiner Sicht dadurch aufheben, dass wir dem Beispiel anderer Länder folgen, die nicht nur die vorwettbewerbliche Forschung und Entwicklung staatlich massiv fördern, sondern auch die produktbezogene Entwicklung der Unternehmen.

Wenn der Staat nicht nur technologische Entwicklungen vorantreiben, sondern auch arbeitsmarktpolitisch wirksam sein will, dann müssen die kleinen und mittleren Unternehmen stärker im Brennpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Dieses „Rückgrat“ unserer Wirtschaft beschäftigt 70% der Arbeitnehmer und 80% der Auszubildenden und erwirtschaftet rund die Hälfte des bundesdeutschen Gesamtumsatzes. Der seit einigen Jahren andauernde Rückgang der Anzahl F&E-intensiver Unternehmensgründungen muss uns daher besonders alarmieren.

Eine der typisch deutschen Konjunkturbremsen, die gerade den Mittelstand besonders hemmen, ist der unerhörte Bürokratieaufwand.

Zu viele Gesetze und Rechtsverordnungen regeln spezifische technische Lösungen. Wir fordern, statt dessen Ziele, Grenzwerte und Rahmenbedingungen zu setzen und damit innovativen Handlungsspielraum zuzulassen. Also: Wirkvorschriften anstelle von Ausführungsvorschriften.

Gute Beispiele für Wirkvorschriften sind die Technische Anleitung Luft mit dynamischen Grenzwertfestlegungen und Verfahrensregelungen über VDI-Richtlinien.

Aber es genügt nicht, nur auf die richtigen Technologien zu setzen – die anschließende Fertigung muss ebenfalls einem hohen Qualitätsanspruch gerecht werden.Ja, deutsche Ingenieurkunst und Qualitätsarbeit haben weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Aber ich möchte nicht meine Sorgen verheimlichen, wenn ich zum Beispiel die Rückrufaktionen der Automobilbranchen in jüngster Zeit betrachte.

Sie haben mich sicher richtig verstanden: Ich habe die Automobilindustrie nur als Beispiel aufgeführt – Qualitätssicherung ist eine Forderung an die gesamte deutsche Industrie.

Der Blick auf die Qualität unserer Produkte führt schnell zur Frage nach der beruflichen Qualifizierung derer, die diese Produkte entwickeln und fertigen – und damit auch zur Qualität unserer Ingenieurausbildung.

Durch den Bologna-Prozess ist das Ziel eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes mit gestuften Abschlüssen (Bachelor und Master) gesetzt worden. Diese konsekutiven Studiengänge sind zwar weltweit in über 80 % aller Länder zu finden, bedeuten für Deutschland aber einen großen Umbruch der Hochschullandschaft.

Um die Qualität der Absolventen in den Betrieben zu sichern, sollte nach Auffassung des VDI erreicht werden, dass der Bachelor einer Fachhochschule mindestens dem bisherigen FH-Diplom entspricht.

Wir sollten das Studienangebot durch die berufsbefähigenden Abschlüsse „Bachelor“ und „Master“ weiterentwickeln, dabei aber die bewährte Struktur einer „berufsbefähigenden“ Ingenieurausbildung erhalten – bestehend aus Lehrveranstaltungen in mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen, technischen Grundlagen, fachübergreifende Qualifikationen und anwendungsbezogenem Basiswissen sowie aus einem Betriebspraktikum und einer Abschlussarbeit.

Der VDI empfiehlt daher für das Bachelor-Studium eine Studiendauer von mindestens drei Jahren, zuzüglich eines qualifizierenden Praktikums.

Angesichts des hohen Ansehens der in Deutschland ausgebildeten Diplom-Ingenieure sollten wir uns jedoch auch diesen internationalen Marktvorteil erhalten. Der VDI empfiehlt daher, auch nach Einführung des Bachelor/Master-Systems den Titel Diplom-Ingenieurin bzw. Diplom-Ingenieur auf Wunsch zu verleihen – zum Beispiel durch einen Zusatz auf den Urkunden oder durch eine gesonderte Urkunde.

Eine auf den ersten Blick paradoxe Situation zeigt sich am Arbeitsmarkt: Einerseits ist keine Akademikergruppe so gefragt wie die Ingenieure. Andererseits stehen zum Beispiel im Maschinenbau rund 4400 gemeldeten Stellenangeboten fast 15 000 arbeitslos gemeldete Bewerber gegenüber. Problem: Rund jeder dritte Betrieb sieht eine mangelhafte fachliche Qualifizierung der Bewerber.

Das zeigt: Selbst eine exzellente Ingenieurausbildung bietet keine dauerhafte Arbeitsgarantie für ein ganzes Berufsleben.

Chancen hat auf Dauer nur derjenige, der sein Wissen und seine Kompetenzen auf aktuellem Stand hält.

Den sinnvollen Rahmen hat der VDI klar umrissen in seiner Empfehlung für die „Weiterqualifizierung von Ingenieurinnen und Ingenieuren – Wege zur lebenslangen Kompetenzentwicklung“.

Neben dieser laufenden Weiterbildung dürfte künftig mindestens einmal im Berufsleben – Prognosen sagen sogar zwei- bis dreimal – eine systematische Erweiterung oder Vertiefung der beruflichen Befähigung durch Weiterqualifizierung erforderlich werden, zum Beispiel in einem systematisch aufgebauten berufsbegleitenden Studium, das eine Dauer von 24 Monaten nicht überschreiten sollte.

EIKE LEHMANN

Thesen zur Standortbelegung

– Forschung: Nicht nur die vorwettbewerbliche Forschung und Entwicklung staatlich massiv fördern, sondern auch die produktbezogene Entwicklung der Unternehmen.

– Gesetzliche Regelungen: Wirkvorschriften anstelle von Ausführungsvorschriften erlassen. Nicht die Verfahren und konkrete Techniken vorschreiben, sondern nur die Ziele, die Grenzwerte, die erreicht werden sollen.

– Ausbildung: Abschlüsse „Bachelor“ und „Master“ weiterentwickeln, dabei aber die bewährte Struktur einer „berufsbefähigenden“ Ingenieurausbildung erhalten. rus

Von Eike Lehmann

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