Forschung 10.10.2008, 19:37 Uhr

Gedacht – getan!  

VDI nachrichten, New York, 10. 10. 08, rb – Alles was Menschen schaffen, muss zuerst von ihnen erdacht und dann von ihnen ausgeführt werden – oder zumindest in ausführbaren Anweisungen weitergegeben werden. Doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen gibt es bereits die ersten Systeme, die unsere Gedanken lesen können.

Die Gedanken sind frei ¿ kein Mensch kann sie wissen“, heißt es in einem Volkslied, das in den Revolutionsjahren Ende des 18. Jahrhunderts aufkam. Doch damit kann es bald vorbei sein, denn der jahrtausendealte Traum aller totalitären Herrscher scheint kurz vor der Erfüllung zu stehen: das Gedankenlesen.

Der kalifornische Start-up Neurosky arbeitet bereits an der Realtime-Auswertung von Elektroenzephalogrammen (EEG), um den Gefühlszustand einer Person unmittelbar festzustellen. „Konzentration, Entspannung und Angst lassen sich sehr gut messen, und damit ergeben sich viele neue Anwendungsfelder in der Unterhaltungsindustrie“, sagt deren Chef Stanley Yang.

Neuroskys Kopfgestell „Mindset“ ist seit Februar auf dem Markt und erfasst bereits solche Gemütszustände, um sie im Zusammenhang mit Computerspielen zu nutzen. Dabei erfasst der Helm nicht nur die Gehirnströme, sondern verfügt auch über Trägheitsmessgeräte sowie einem Augapfel-Sensor, so dass auch die Kopfbewegungen und Blickrichtungen als Eingabemedium genutzt werden können. „Wir wollen damit den Computerspielen eine vierte Dimension hinzufügen“, so Yang. Ein ähnliches Produkt hat inzwischen auch Emotiv unter dem Namen Epoc für 300 $ auf den US-Markt gebracht.

Darüber hinaus arbeitet der Spielzeughersteller Sega mit Neurosky an der Entwicklung von gedanken- und gefühlsgesteuerten Spielrobotern. Hierbei wird es sich um elektronische Haustiere handeln, mit denen sein Besitzer per Gedanken kommunizieren kann und bei denen die Tiere den Gemütszustand ihres Besitzers wissen und sich entsprechend danach verhalten werden.

Wer glaubt, dass alles nur Spielerei sei, der irrt gewaltig. „Computerspiele haben für die Entwicklung der Computertechnologie inzwischen die gleiche Bedeutung wie die Formel-1-Rennen für die Autoindustrie“, sagt HPs Vice-President Todd Bradley, und verweist darauf, dass sich inzwischen auch das Pentagon für diese Technologien interessiert.

So haben die Universitäten Irvine, Carnegie Mellon und Maryland einen Auftrag über 4 Mio. $ erhalten, dessen Ziel es ist, einen speziellen Schutzhelm zu entwickeln, der mit einer Fülle an Sensoren versehen ist. Damit muss der Soldat seine Feuerkommandos in Zukunft nur noch denken, oder genauer gesagt, er muss sie lautlos zu sich selbst sagen. Hierfür hat Boeing bereits ein Art Kopfnetz aus 128 Sensoren entworfen, das alle relevanten Gehirnströme erfasst und die erforderlichen EEGs erstellt.

„Wir können immer besser ¿verstehen¿, was eine Person lautlos zu sich selbst sagt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis wir auch komplexe Anweisungen in den Gehirnströmen erkennen können“, sagt der Neurologie-Professor Elmar Schmeisser, der seitens der US-Armee das Projekt überwacht.

Solche komplexen Denkanweisungen lassen sich auch als künstliche Audiodatei erzeugen und als Befehle über das Funknetz ausstrahlen. Der große Vorteil gegenüber den echt gesprochenen Anweisungen ist dabei die Verständlichkeit. „Mikrofone im Gefechtsfeld sind immer von extremen Umweltgeräuschen beeinflusst, wogegen das Lesen der Gehirnströme praktisch ohne Verzerrungen erfolgt“, erläutert Schmeisser.

Doch im Gegensatz zu den einfachen Helmen der Computerspiele sind die Systeme der US-Armee noch in weiter Ferne, denn es geht nicht nur darum, die Kommandos zu erkennen, sondern auch die gewählten Empfänger per Gedankensteuerung festzulegen. Vor allem aber muss die Erkennungssicherheit nahezu 100 % sein. „Sonst kann der Schuss im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten losgehen“, sagt Schmeisser über die Gefahren dieser Methode.

Ein weiteres Problem dieser Methode ähnelt den Schwierigkeiten bei der automatischen Spracherkennung: Jeder Mensch ist anders, das heißt, es ist eine Trainingsphase erforderlich, in der der Interpretationscomputer die individuellen Gehirnströme erlernt. Und damit bleibt diese Methode vorläufig auf feste Kommandos beschränkt. Diese Einschränkung nutzen die Forscher auch als Hauptargument gegen den Vorwurf, dass sie „die Gedanken der Soldaten lesen wollen“.

Trotzdem sehen sie die Ausweitung auf komplexe Sätze nur als eine Frage der Zeit. „Es wird sicherlich schon bald der Tag kommen, wo man nicht mehr in sein Bluetooth-Mikrofon am Ohr brüllen muss, sondern man sich lautlos übers Handy unterhält – was für eine Wohltat wäre das an vielen öffentlichen Plätzen“, freut sich Prof. Mike D“Zmura von der University of California, Irvine.

Dieses wäre seiner Ansicht nach auch eine gute Basis für die Computerbedienung – vor allem für die Eingabe von Texten oder mathematischen Formeln. „Die Tage der Maus als Eingabemedium sind schon jetzt gezählt, denn die neuen Touchscreens werden sie schon bald überflüssig machen. Danach wird dann die Tastatur durch eine Gedankensteuerung ersetzt Computer werden nur noch eine Ein-Aus-Taste haben“, lautet die Prophezeiung von D“Zmura.

Andere Forschungen auf diesem Gebiet zielen auf eine modernere Art des Lügendetektors. So arbeitet das Psychotechnology Institute in Moskau an einer elektronischen Erfassung und Auswertung der Gehirnreaktionen aufgrund von bestimmten Bildern. Die USA sind an dieser sogenannten Semantic-Stimuli-Response-Measurement-Technologie besonders interessiert, da sie damit das zeitaufwendige und kostenintensive Personenscreening an den Flughäfen ersetzen wollen.

Bei diesem Verfahren werden den Passagieren bestimmte Bilder auf einem PC präsentiert und ihre kognitiven Gehirnreaktionen gemessen. „Bei einem Terroristen würden sich bei Bildern von Osama bin Laden oder dem World Trade Center andere Reaktionen einstellen als bei normalen Passagieren“, sagt die Projektleiterin Elena Rusalkina. HARALD WEISS

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