Forschung 02.09.2005, 18:40 Uhr

„Forschungsstandort Deutschland auf der Kippe“  

VDI nachrichten, Ilmenau, 2. 9. 05 – Die deutsche Forschungsförderung orientiert sich angesichts knapper werdender Kassen eher an traditionellen Erfolgsmodellen und vermeidet die größeren Risiken möglicher Zukunftstechnologien. Wird so die Chance vergeben, in Deutschland auch künftig Spitzenforschung zu betreiben? Eine Antwort gibt Prof. Karlheinz Brandenburg, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie in Ilmenau.

Brandenburg: Zunächst eine kleine Anmerkung: Die MP3-Erfindung war eine Team-Erfolgsstory aus Deutschland. Die Vermarktung des Systems startete dann jedoch in den USA. Ich bedaure, dass der wirtschaftliche Erfolg dieser Erfindung nun in erster Linie nicht deutschen, sondern amerikanischen und asiatischen Unternehmen zufällt. Und dabei geht es um gewaltige Dimensionen. Gerade einmal zwei Unternehmen machen allein in diesem Jahr mit MP3-Produkten einen Jahresumsatz von rund 5 Mrd. € …

VDI nachrichten: Warum haben deutsche Unternehmen diese Chance verpasst, Geld zu verdienen?

Brandenburg: Meine Erfahrung mit deutschen Unternehmen hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass sie oft lange Wege zur Entscheidungsfindung benötigen und Wettbewerber aus dem Ausland dann eben die Nase vorn haben. Außerdem sind sie wesentlich risikoscheuer als ausländische Firmen. Das hat sehr viel mit einem ganz grundsätzlichen Denkansatz zu tun. In den USA beispielsweise ist Unternehmertum prinzipiell positiv besetzt. Wer als Entrepreneur einmal versagt, wird nicht mit Häme übergossen, sondern wagt einen zweiten Versuch. Dazu kommt, dass US-Amerikaner angesichts neuer Technologien in der Regel hochgradig interessiert sind. Sie sagen: Tolle Sache, da müssen wir mitmachen. Präsentiere ich in Deutschland eine neue Technologie, erhalte ich sowohl aus der Wirtschaft als auch von meinen Forscherkollegen in aller Regel zehn gut gemeinte Ratschläge, warum dies so nicht funktionieren kann …

VDI nachrichten: Die deutsche Forschungslandschaft ließe sich Ihrer Erfahrung nach also durchaus optimieren?

Brandenburg: Ich formuliere es anders. Es gibt z. B. Schwierigkeiten, über Institute wie Fraunhofer den Übergang von der Grundlagenforschung in den Markt zu organisieren. Vor gut zehn Jahren hatten wir ein ausgeklügeltes System, das von der Grundlagenforschung bis zur anwendungsnahen Forschung gefördert wurde. Dabei macht die Grundfinanzierung, aus der auch Vorlaufforschung gezahlt werden kann, gerade einmal ein Fünftel aller Kosten aus. 80 % unserer Betriebsausstattung müssen wir durch Vertrieb unserer Produkte oder Auftragsforschung einwerben. Es fehlt im Wesentlichen an Geld für neue Ideen. Die Grundlagenforschung ist schwieriger geworden, aber es gibt sie immerhin noch. Bundes- und auch Landesmittel sind mittlerweile leicht zurückgefahren worden. Das klingt nicht so schlimm, aber es bedeutet in erster Linie eine Konzentration auf Projekte, die erfolgsträchtig scheinen, also auf Wege, die bereits begangen wurden. Und genau deshalb liegt hier die größte Gefahr für den Forschungsstandort Deutschland.

VDI nachrichten: Wie sieht diese Gefahr aus?

Brandenburg: Im allgemeinen Sparwillen, an dem es ja grundsätzlich nichts auszusetzen gibt, werden die freien Mittel für alles, was neu und unbekannt und damit schwer einzuschätzen ist, überproportional reduziert. Die Wirkung ist äußerst dramatisch. Damit schlagen wir uns über kurz oder lang die Beine weg, denn ein Verzicht auf die Erforschung des Neuen und Unbekannten bedeutet ja nichts anderes als den Verzicht auf Zukunftsmärkte. Nehmen Sie als Beispiel unser IOSONO® Soundsystem, eine Revolution der digitalen Klangwelten. Nach Vorstellung der Grundideen wurde uns aus dem Bundesforschungsministerium gesagt, dass das Thema sehr interessant sei, aber leider zwischen den förderfähigen Kategorien läge. Kein Wunder, denn nur, was bereits bekannt ist, kann in irgendwelchen Förder-Schubkästen geordnet werden. Wir wollen aber trotzdem versuchen, ob die Weiterentwicklung zusammen mit den interessierten deutschen Firmen – übrigens alles Mittelständler – noch gefördert werden kann.

VDI nachrichten: Die Bürokratie obsiegte also wieder einmal über die Realität?

Brandenburg: Ja, in diesem Fall bis jetzt. Andererseits investierte der Freistaat Thüringen vor fünf Jahren rund 13,5 Mio. € als Anschubfinanzierung für unser Institut. Sonst gäbe es uns hier in Deutschland gar nicht, denn ich selbst war kurz davor, in die USA auszuwandern und dort ein Unternehmen zu gründen. Fördermittel gibt es ja auch an anderer Stelle. In den USA etwa setzt man viel stärker auf Privatkapital. Und das fließt zu einem nicht unwesentlichen Teil auch aus Deutschland heran und darf hier sogar steuerlich abgesetzt werden. Denken Sie etwa an die Filmfonds, mit denen Hollywood arbeitet und die der deutsche Finanzminister als Steuersparmodell akzeptiert. Warum, frage ich mich, darf bei uns niemand in das System Iosono investieren und dies steuerlich absetzen?

VDI nachrichten: In Deutschland haben Sie also andere Erfahrungen machen müssen?

Brandenburg: So ist es. Viele Venture-Capital-Firmen in Deutschland machen heute entweder gar nichts oder nur noch auf einer ganz schmalen Bandbreite, wenn der Erfolg des Projekts bereits sichtbar wird. Wir müssen uns also nach Alternativen umschauen. Unser MP3-Erfolg etwa wäre ohne das Internetmarketing undenkbar. Aus diesem Grund haben wir vor einem halben Jahr die Iosono GmbH mit dem Ziel gegründet, privates Kapital zu mobilisieren, die Vermarktung unserer Erfindung auf den Weg zu bringen und damit unseren Zeit- und Wettbewerbsvorsprung zu behalten.

VDI nachrichten: Sehen Sie nicht auch viele Vorteile speziell an Ihrem derzeitigen Standort in Thüringen?

Brandenburg: Sicher. Die hiesigen Medienstudiengänge sind hervorragend ausgerichtet, weil sie sowohl technische Aspekte als auch grundlegende ökonomische Anforderungen kombinieren. Diese Verbindung zwischen Forschung, Lehre und Praxis halte ich für einen der entscheidenden Vorteile dieses Standortes in Thüringen. Der Forschungsstandort Deutschland hat übrigens insgesamt durchaus seine Vorteile, sieht man einmal von den materiellen Bedingungen ab. Die Teamfähigkeit betrachte ich als einen ebenso wichtigen wie typisch deutschen Standortvorteil.

VDI nachrichten: Dennoch verlagern immer mehr Unternehmen ihre Forschung und Entwicklung ins Ausland?

Brandenburg: In der Regel handelt es sich dabei um die Ergänzung dortiger Produktionsstätten um FuE-Kapazitäten. Unternehmen lassen dort forschen, wo die Ingenieure ihre Leistungen für wesentlich geringere Preise anbieten als bei uns. Unsere Aufgabe bei Fraunhofer aber ist es, Dinge zu machen, die andere nicht können. Ich würde deshalb die Verlagerung von FuE-Kapazitäten ins Ausland nicht so pessimistisch sehen. Dies gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass wir konkurrenzfähig bleiben. Und das gelingt uns in Deutschland bekanntermaßen eben nicht über den Preis, sondern einzig über die Qualität. Wir müssen also vorne dabei bleiben.

VDI nachrichten: Genau hier aber setzt Ihr Zweifel ein?

Brandenburg: Der Forschungsstandort Deutschland steht auf der Kippe. Noch haben wir es in der Hand, die richtigen staatlichen Anreize zu setzen. Die Forschung in Deutschland hat eine weltweite exzellente Reputation. Spitzenforschung ist noch immer möglich, wenngleich unter immer schwierigeren Bedingungen. Aber deutliche Verschlechterungen sehe ich heute bereits in unseren Universitäten, wo das Geld für wissenschaftliche Mitarbeiter fehlt. Das aber ist die Basis für das gesamte System von Lehre und Forschung. Nur mit den besten Leuten und unter optimalen Bedingungen – von denen die materiellen nun einmal die wichtigsten sind – ist es möglich, nicht vorhersehbare Zukunftstechnologien zu kreieren, da zu forschen, wo eben keine Erfolgsgarantie wartet. Entscheidend ist das Schaffen neuer Potenziale. So betrachtet, ist ein Forscher nichts anderes als ein Förster, der seine Pflänzchen hegt, damit er seinen Wald am Leben erhält. REINHARD MYRITZ

Von Reinhard Myritz

Stellenangebote im Bereich Forschung & Entwicklung

ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften-Firmenlogo
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Dozent/-in Additive Manufacturing als Schwerpunktleiter/-in Advanced Production Technologies (APT) Winterthur (Schweiz)
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Entwicklungsingenieur Leistungselektronik und elektrische Motoren (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Fresenius Kabi Deutschland GmbH-Firmenlogo
Fresenius Kabi Deutschland GmbH Entwicklungsingenieur / Innovation & Development Engineer (m/w/d) Bad Hersfeld
B. Braun Avitum AG-Firmenlogo
B. Braun Avitum AG Entwicklungsingenieur Elektrotechnik (m/w/d) Melsungen
XENIOS AG-Firmenlogo
XENIOS AG Projektleiter R&D (m/w/d) im Bereich Neuproduktentwicklung Heilbronn
ADMEDES GmbH-Firmenlogo
ADMEDES GmbH Werkstoffwissenschaftler (m/w/d) Für den Bereich Technologie und Innovation Raum Pforzheim
Murrelektronik GmbH-Firmenlogo
Murrelektronik GmbH Senior Konstrukteur (m/w/d) Oppenweiler
KOSTAL-Firmenlogo
KOSTAL Entwickler für Leistungselektroniken (m/w/d) Dortmund
KOSTAL-Firmenlogo
KOSTAL Systemingenieur / Designer Elektromobilität (m/w/d) Dortmund
KOSTAL-Firmenlogo
KOSTAL Testingenieur für Elektromobilität (m/w/d) Dortmund

Alle Forschung & Entwicklung Jobs

Top 5 Forschung

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.