Forschung 11.02.2005, 18:36 Uhr

Forschungskooperation wurde zum Flop

VDI nachrichten, Deizisnau, 11. 2. 05 -„Wir machen Innovationen schneller“, schreibt die Stuttgarter Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung auf ihrer Internetseite. Für den schwäbischen Unternehmer Hermann Schönenberger klingt dies fast wie Hohn. Denn er hat mit einer Tochter der Stiftung, dem Steinbeis-Transferzentrum Verfahrensentwicklung in Reutlingen, schlechte Erfahrungen gemacht.

Durch die Zusammenarbeit mit dem Steinbeis-Transferzentrum Verfahrensentwicklung habe er bei der Entwicklung einer Schleifmaschine zum Schleifen von Maschinenmessern mehr als fünf Jahre Zeit verloren, so der Unternehmer Hermann Schönenberger. Hinzu kämen Kosten von über 150 000 €, „die ich in den Wind schreiben kann“, beklagt er sich. So etwas sei ihm in den mehr als 40 Jahren als Unternehmer noch nie passiert. Dabei sei er eigentlich auch in diesem Falle ganz vorsichtig gewesen.
Schönenberger ist Inhaber der H. Schönenberger GmbH in Deizisau am Neckar. Das 1965 gegründete Unternehmen fertigt heute mit rund 90 Mitarbeitern Hartmetall-Schneid- und Fräswerkzeuge. Unter anderem auch Papierschneidemesser mit 2 m bis 3 m Länge. Umgesetzt werden etwa 10 Mio. € . Davon kommen 70 % aus dem Ausland.
Da die Produktion außerordentlich lohnintensiv ist – rund 50 % Lohnanteil -, bemüht sich Schönenberger zum einen um Zulieferungen aus dem Ausland, zum anderen um verstärkte Automatisierung. Besonders problematisch sind die Papiermesser, die nacheinander auf verschiedenen Maschinen geschliffen werden müssen. Schönenberger wollte deshalb eine Maschine entwickeln, auf der die verschiedenen Schleifarbeiten in einem Arbeitsgang erfolgen können.
Auf seine Frage, wer ihm dabei helfen könnte, nannte ihm 1998 das Wirtschaftsministerium in Stuttgart die 1971 zur Förderung des Mittelstands gegründete Steinbeis-Stiftung. Diese verwies ihn an ihr Transferzentrum Verfahrensentwicklung in Reutlingen. Von dort kam dann deren Leiter, Prof. Dipl.-Ing. Karl Schekulin. Dieser sei, so Schönenberger, von der Idee ganz begeistert gewesen, und er habe ihm eine „ganz pfiffige und billige“ Maschine versprochen. Außerdem habe ihm der Professor staatliche Fördermittel in Aussicht gestellt und auch alle Anträge diktiert, die dazu einzureichen waren. Dies brachte letztlich 188 000 DM bei insgesamt 600 000 DM geplanten Kosten.
Die Kooperation mit dem Steinbeis-Transferzentrum wurde im Mai 2000 vereinbart. Dabei versprach Schekulin eine „Schleifmaschine zum Schleifen von Maschinenmessern“. Das Grundgestell mit 6,6 m Länge wollte er aus Stein machen. Ein schwenkbarer Magnet mit 3 m Länge sollte die Messer halten, die nacheinander von fünf Spindeln geschliffen werden sollten.
Als dann aber die mit erheblicher Verspätung gelieferte Maschine weit unter der von Schönenberger erwarteten Schleifgenauigkeit blieb, geriet man aneinander. Schönenberger sah erhebliche konstruktive Mängel und wollte Nachbesserungen. Schekulin vertrat dagegen die Ansicht, er habe die Vorgaben des Pflichtenhefts erfüllt.
Gegenüber dem Handelsblatt betonte der Professor, die Grundidee der Maschine sei „phantastisch gewesen“. Aber Schönenberger habe immer wieder die Vorgaben des Pflichtenhefts ändern wollen. Und außerdem habe er, Schekulin, keine „Produktions-, sondern eine Labormaschine“ entwickelt und gebaut. Die Maschine habe zunächst immer wieder die Vorgaben des Pflichtenhefts übertroffen. „Dass dann aber das Maß weglief“, das sei ein Phänomen, „bei dem wir eigentlich hilflos dastehen“, sagt Schekulin. Er führt es auf die Diamantschleifscheiben zurück. Aber für diese sei – im Rahmen der Kooperation – nicht er, sondern der Schleifexperte, die Firma Schönenberger, zuständig gewesen.
Hermann Schönenberger, der mit der Maschine nicht produzieren konnte, wandte sich nicht nur an die Leitung der Steinbeis-Stiftung, sondern auch an das Wirtschaftsministerium und die im Landtag vertretenen Parteien. Möglicherweise trug dies dazu bei, dass die Stiftung insofern einlenkte, als sie sich bereit erklärte, sich an den Kosten eines Umbaus der Maschine zu beteiligen. Für rund 150 000 € sollte die Reform Maschinenfabrik in Fulda die Arbeit übernehmen. Je ein Drittel der Kosten sollten dann Schönenberger, die Stiftung und deren Transferzentrum tragen.
Was hoffnungsvoll klang, brachte dem schwäbischen Unternehmer nur neue Enttäuschung. Reform stellte fest: „Das gesamte Maschinenkonzept kann so nicht funktionieren.“ Es seien einfach im Gesamtkonzept zu viele Fehler (konstruktiv und technisch) gemacht worden. Deshalb sei die vorgegebene Werkstücktoleranz nicht zu erreichen. Das Hauptproblem sei das Maschinenbett aus drei großen und zwei kleinen Granitplatten. Sie seien geklebt und mit „ein paar Dübeln“ zusammengeschraubt. Dies schaffe nicht die für das Maschinenkonzept notwendige Steifigkeit. Vielmehr verschiebe sich das Maschinenbett beim Schleifprozess, und damit verändere sich die geometrische Maßhaltigkeit. Reform bemängelte außerdem zugekaufte Komponenten. Mit einigen seien die im Pflichtenheft versprochenen Qualitäten nicht erreichbar. So seien die Schleifspindeln ursprünglich für die Bearbeitung von Holz und nicht für Metall gebaut worden und deshalb nicht zu verwenden.
Das bedeutet zum einen, Schönenberger muss eine ganz neue Maschine bauen. Zum andern sieht sich die Steinbeis-Stiftung – da kein Umbau erfolgt – nicht mehr an das Angebot der Kostenbeteiligung gebunden. Hermann Schönenberger hat mittlerweile resigniert. „Die Sache ist für mich abgeschlossen“, sagt er. Nur publik möchte er sie machen: „Vielleicht wird dadurch ein anderer vor Schaden bewahrt, wenn er nicht so blauäugig wie ich eine Forschungskooperation vereinbart.“
WALDEMAR SCHÄFER
Veröffentlichung in Kooperation mit dem Handelsblatt (Handelsblatt, 2.2. 2005, Seite R3)

Von Waldemar Schäfer
Von Waldemar Schäfer

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