Diskussion 18.11.2011, 12:04 Uhr

„Forschung auf Augenhöhe gibt es kaum“

Disziplinen müssen sich enger vernetzen. Nur wenn Ingenieure andere Wissenschaftler als ernsthafte Partner wahrnehmen, lassen sich die Herausforderungen Klima, Demografie und Gesundheit bewältigen. Darin waren sich Diskussionsteilnehmer aus Politik und Wissenschaft einig. Eingeladen hatte NRW-Ministerin Svenja Schulze.

Der Klimawandel, die Versorgung Kranker und Alter, Energie- und Ressourcenknappheit – wer wäre besser geeignet, diese Herausforderungen zu bewältigen als die Wissenschaft. Aber reichen die vorhandenen Strukturen, Kooperationen und Inhalte von Forschung und Lehre, um der Gesellschaft gerecht zu werden?

„Nein“, war die Antwort von Dirk Messner bei einer Diskussion zur gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft, zu der NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze nach Düsseldorf eingeladen hatte. Der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und stellvertretende Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) sieht die Menschheit nach der neolithischen (dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht) und der industriellen Revolution vor einem dritten „Transformationsprozess“, der von Klimawandel und Nachhaltigkeit geprägt ist.

Die Forschung bietet zu wenige Antworten auf drängende Probleme

Das Dilemma: „Wir sind nicht besonders gut in präventiver Politik. Das müssen wir noch lernen.“ Um die größten Umweltkatastrophen zu verhindern, dränge die Zeit. Das sei weniger ein technisches als vielmehr ein kulturelles und politisches Problem. „Klimaverträglichkeit muss in der Bevölkerung so verankert werden wie vor Jahrhunderten die Idee der Demokratie.“

Zurzeit böte die Forschung noch keine oder zu wenige Antworten auf Probleme wie die rasant wachsenden Städte, vor allem in Asien. „Das Thema klimaverträgliche Urbanisierung sollte daher so hoch wie möglich auf die Agenda der internationalen Politik gesetzt werden.“ Und auf die der internationalen Wissenschaft, die es leider noch nicht im gewünschten Maße gebe. Messner: „Eine besondere Herausforderung sind internationale Teams aus Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Sozialwissenschaftlern, um vernetzte Forschung auch über OECD-Grenzen hinaus betreiben zu können.“

Wichtig sei, die Grenzen zwischen den Disziplinen aufzubrechen, meinte Messner, der dazu anregte, über eine bislang „zu starke Technologieorientierung“ auf Kosten sozialer und kultureller Innovationen nachzudenken. Auch kritisierte der Politikberater die übertriebene Betonung ökonomischer Ziele.

Forschung: DIE-Direktor fordert Bundesuniversität

Messner empfahl eine „signifikante Aufstockung der interdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung“, eine Exzellenzinitiative zu nachhaltiger Wirtschaft, eine neue Ausrichtung von Studiengängen, vor allem von Masterprogrammen, sowie eine Bundesuniversität, die sich allein den Themen Transformation und Nachhaltigkeit widme.

Von der Idee einer Bundesuniversität ist NRW-Ministerin Svenja Schulze wenig begeistert. Eine große Wissenschaftsbreite mit regional verankerten Forschungsnetzwerken mache mehr Sinn. Nordrhein-Westfalen als das hochschuldichteste Bundesland sei bestes Beispiel für eine große Breite bei hoher Qualität, meinte die Sozialdemokratin.

Eine Herkulesaufgabe könne die Bündelung der Kulturen werden. „Eine gemeinsame Sprache zwischen den Wissenschaften zu finden, das sagt sich so einfach. Wenn Ingenieure auf Geisteswissenschaftler treffen, stehen nicht alle auf und jubeln.“

Ein Problem, das in der Wissenschaft durchaus bekannt ist. „Eine Forschung auf Augenhöhe gibt es kaum“, sagt Philine Warnke vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI. Ingenieure unterlägen dem Irrtum, das „bisschen Sozialwissenschaften“ schafften sie nebenher.

NRW-Wissenschaftsministerin: Wohlstand misst sich auch an sozialem und ökologischem Fortschritt

Generell müssten sich Wissenschaft und Wirtschaft, so Ministerin Schulze, stärker an Bedürfnissen von Gesellschaft und Umwelt orientieren. Wenn Öltanker sinken und Umweltkatastrophen auslösen, ließen Bergung und Instandsetzung den Rubel rollen. „Gesellschaftlicher Wohlstand misst sich aber nicht nur an Bruttoinlandsprodukt und Wertschöpfung, sondern auch an sozialem und ökologischem Fortschritt.“

Ein „schickes Elektroauto“ auf den Markt zu bringen, das sich nur wenige leisten könnten, entspräche nicht den Aufgaben einer „neuen Forschung, die wir brauchen. Nein, man muss die Menschen in den konkreten Projekten mitnehmen“.

Ursula Gather, Rektorin der Technischen Universität Dortmund, forderte eine Aufwertung der Sozialwissenschaft, indem sie sich nicht nur der Technikfolgenabschätzung widme, sondern begleitend in andere Forschungen einflösse.

Man solle von der Wissenschaft nicht immer nur einfordern, mahnte Gather. „Auch die Gesellschaft steht in der Verantwortung. Die Menschen wissen, das Fahrradfahren besser für sie und die Umwelt ist, fahren aber doch meist mit dem Auto.“ Sie müssten häufiger umsetzen, was ihnen als nützlich und sinnvoll bekannt ist.  

Von Wolfgang Schmitz

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