Forschung 05.12.2003, 18:27 Uhr

Forscherinnen dringend gesucht

Deutsche Unternehmen bemühen sich darum, Frauen für die Industrieforschung zu gewinnen. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass Deutschland nach Erhebungen einer EU-Kommission mit 10 % Frauenanteil in diesem Bereich das Schlusslicht in Europa ist.

Bereits im Studium war Gabriele Venos daran gewöhnt, vor allem mit Männern zu arbeiten. Deshalb war es für die Physikerin keine große Überraschung, dass sie in ihrer Abteilung die einzige Frau war, als sie bei Siemens Automotive anfing. Die Sensorik-Spezialistin entwickelt Airbag Sensoren und ist mit ihrem Team für den reibungslosen technischen Ablauf bis zur Auslieferung an den Kunden verantwortlich. „Das hat mich an einem Job in der Industrie gereizt, an der Entwicklung eines Produkts bis zur Serienproduktion beteiligt zu sein“, sagt Gabriele Venos.
Mit ihrem Berufsziel Industrieforscherin ist Gabriele Venos die große Ausnahme – zumindest in Deutschland. „Speziell Deutschland ist, was Frauen in der Industrieforschung angeht, ein Entwicklungsland“, sagt Helga Rübsamen-Waigmann, Leiterin der Antiinfektiva-Forschung bei der Bayer AG und Vorsitzende einer EU-Expertengruppe zur Industrieforschung. Nicht einmal 10 % der Forscher in der deutschen Industrie seien weiblich. Deutschland ist damit Schlusslicht in Europa. In Frankreich liege der Frauenanteil in der Industrieforschung schon bei 20 %, in Irland gar bei 28 %.
Die Gründe für die stiefmütterliche Behandlung der weiblichen Forschertalente sind vielfältig. So ist der Anteil von Absolventinnen in den für die Forschung relevanten Fächern Ingenieur- und Naturwissenschaften deutlich niedriger als in anderen EU-Staaten. Immerhin steigt er stetig. Bei den Naturwissenschaften sind schon 30 % der Absolventen Frauen, bei den Ingenieurwissenschaften 16 %. Weitere Schwierigkeiten sieht die Top-Managerin Rübsamen-Waigmann in der nach wie vor fehlenden Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Chefs müssen erkennen, dass sie einen Fehler machen, wenn sie hoch qualifizierten Frauen mit Kindern keine Chance geben.“
Dabei zahlt sich der Einsatz von Frauen für die Unternehmen gleich in mehrerer Hinsicht aus. „Teams aus Frauen und Männern sind produktiver“, sagt der Personalwissenschaftler Michel Domsch von der Bundeswehruniversität Hamburg. Außerdem würden Frauen viel seltener das Unternehmen wechseln, wenn sie bei einem Arbeitgeber den Eindruck haben, dass sie Familie und Beruf miteinander vereinbaren können.
Doch gerade die Forschung scheint den Frauen wenig attraktiv. Im Forschungsbereich sind nach einer branchenübergreifenden Studie der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik gerade einmal 2 % der Führungskräfte Frauen, während es in Marketing oder Controlling schon über 20 % sind. Sonja Bischoff, die die Studie bearbeitet hat, sieht eine Erklärung darin, dass es für Forscherinnen im Gegensatz zu anderen Akademikerinnen attraktive Alternativen gibt. „Frauen ziehen meistens die universitäre Forschung vor, denn nirgends gibt es mehr Freiheiten“, so Bischoff.
Dabei rollen die Unternehmen den Frauen förmlich den roten Teppich aus. Die meisten Großkonzerne bieten ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Fülle von Teilzeitmodellen an. Bei Aventis etwa sind es rund 270. Hinzu kommt die Möglichkeit von Telearbeit, unternehmenseigene Kitas und Weiterbildung während der Elternzeit, um den Wiedereinstieg nach der Babypause zu erleichtern. „Wir brauchen und wollen gut ausgebildete Frauen“, sagt Reinhild Engel, Referentin für Chancengleichheit bei der Schering AG. Mit dem unternehmensinternen Mentoring-Programm, das ungeschriebenes Wissen erfahrener Kolleginnen und Kollegen weitergibt und die Verwirklichung von beruflichen Zielen und Plänen unterstützt, hat das Berliner Pharmaunternehmen bereits Erfolge vorzuweisen. Inzwischen sind fast 15 % der Führungskräfte ab Abteilungsleiterebene Frauen.
Auch Siemens versucht durch die Zusammenarbeit mit Hochschulen unter dem Motto „Die Technik braucht Sie!“, junge Frauen für einen Job in der Industrie zu begeistern und den Frauenanteil in der Belegschaft zu steigern. Weibliches Potenzial wird also im immer noch männerdominierten Management als durchaus wichtiger Wettbewerbsfaktor anerkannt. Dennoch, von den fördernden Aktivitäten europäischer Firmen können deutsche Forscherinnen hierzulande träumen. IBM in Großbritannien beispielsweise, zahlt in den Beruf zurückkehrenden Müttern als Entschädigung für die Kosten der Kinderbetreuung zwei Jahre lang 25 % mehr Gehalt. Der französische Kosmetikkonzern L’Oréal hat in Kooperation mit der Unesco ein Frauenforschungsförderprogramm etabliert. Jährlich erhalten daraus fünf internationale Forscherinnen einen mit 100 000 $ dotierten Preis. Auch Volvo setzt auf die Macht der Symbole. Im kommenden Jahr will der schwedische Autobauer eine Autostudie vorstellen, die nur von Frauen entwickelt wurde.
Dass der Frauenanteil in der deutschen Industrieforschung so gering ist, bereitet den Experten große Sorgen. Deutschland verzichte damit, so Rübsamen-Waigmann, auf ein wichtiges Potenzial zur Steigerung seiner Investitionen in Forschung und Entwicklung.
Der deutschen Industrieforschung wird Gabriele Venos auch in Zukunft erhalten bleiben. Die Arbeit macht ihr Spaß und bei Siemens möchte sie gerne die Karriereleiter hochsteigen. „Im Vergleich zur Hochschulforschung ist der Druck in der Industrie höher. Aber ich empfinde das nicht als negativ, sondern als Motivation konzentrierter und effektiver zu arbeiten.“
A. KARRASCH/M. RUMPF

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