Forschung 06.06.2008, 19:35 Uhr

Flieg, „Europass“, flieg!  

Der Europameisterschaftsball „Europass“ gelangte im beschaulichen Städtchen Scheinfeld, dem „Tor zum Naturpark Steigerwald“ in Franken, zur Serienreife. Der Hersteller ist besser bekannt: Adidas. Ingenieure bilden den Motor des Unternehmens.

Wie rund ist ein Ball wirklich? Das fragen sich Berthold Krabbe und seine Mitarbeiter, Techniker und Ingenieure, Sportwissenschaftler, Designer und andere Fachleute täglich. Sie sind in den „Innovations Teams“ des Sportkonzerns Adidas vertreten und entwickeln und testen in Scheinfeld und Herzogenaurach nicht nur Bälle: Schuhe, Schienbeinschoner, aber auch Funktionstextilien nehmen sich innovative Kräfte des Hauses vor.

„Regional Head of Research and Testing“ steht auf der Karte des promovierten Physikers Krabbe. Klingt nach wenig, ist aber viel: „Regional“ steht beim Weltkonzern Adidas für einen Kontinent, Europa das zweite „Innovation and Testing Center“ hat seinen Sitz in Portland/USA. 3 % der über 31 000 Adidasler sind Forscher und Entwickler.

Berthold Krabbe war auch für Produkt-Forschung und Tests am Europass verantwortlich, dem Fußball der Europameisterschaft 2008. Vor drei Jahren wurde begonnen, den „Teamgeist“ der Weltmeisterschaft 2006 nochmals zu verbessern. Seit über einem Jahr machen die Scheinfelder Innovatoren bereits das Kickobjekt der nächsten WM 2010 in Südafrika serienreif: „Das Konzept steht bereits“, behauptet Krabbe.

„Möglichst konstante Eigenschaften bei allen Wetterbedingungen und auf allen Böden. Günstiges dynamisches Verhalten, also möglichst schnell fliegen und möglichst gut springen. Und er soll immer gleichmäßig fliegen, egal wo ich ihn treffe“, nennt Berthold Krabbe ein paar „gesetzte Vorgaben, die man im nächsten Evolutionsschritt oder mit einer ganz neuen Konzeption möglichst erreichen will .“

Völlig neue Ideen kamen bei Europass nicht zum Einsatz – die größte Innovation wies schon der 2006er WM-Ball auf, meint Krabbe: „Der war nicht mehr genäht, sondern geklebt.“ Seitdem müsse die Oberfläche nicht mehr aus fünf- und sechseckigen Teilen, sondern könne aus neu konstruierten Stücken zusammengesetzt werden.

Dass das „runde Leder“ nicht wie anno dazumal aus Tierhaut, sondern Hightech-Kunststoff besteht, überrascht wohl niemanden mehr: Wurde früher der Lederball bei Regen schwer wie Blei, so hält die heutige „Kunststoffpille“ ihr Gewicht – sie kann sich nicht mit Wasser vollsaugen. „Extra glatte Bälle sind mit Sicherheit nicht unser Ziel“ – auch wenn damit wohl mehr Tore fallen würden, sagt Sportwissenschaftler Harald Körger lächelnd.

Körger erinnert sich an „Fieldtests“ mit dem Europass, die vor einiger Zeit beim Partnerverein FC Liverpool abgehalten wurden: „Spaniens Nationaltorwart Reina, den alle nur Pepe nennen, hat sich vor allem wegen der griffigen Oberfläche euphorisch geäußert.“

Wer aber glaubt, die Scheinfelder entwickeln spezielle Produkte für Profis, der irrt: Ein Fan, der im Laden den speziell für das Euro-Endspiel produzierten „Europass Gloria“ kaufe, der erhalte das gleiche Produkt, das im Stadion in 30 Exemplaren vorrätig sei, erklärt Volker Steidle, Entwicklungsingenieur für Fußballprodukte.

Dass die Qualität immer gleich ist, dafür sorgt unter anderem Robby. Der entspricht dem Idealtyp eines Fußballers, wie ihn sich viele vorstellen: Robby hat keinen Kopf und keine Hände, aber einen tollen Bums in seinem Fuß. Den kann man auf „links“ oder „rechts“ programmieren, und er haut immer wieder auf dieselbe Stelle am Ball.

„Das ist der genaueste Schütze der Welt“, behaupten Steidle und sein Kollege Heiko Schlarb. Wenn Robby tausendfach trockene, erdverschmierte oder klatschnasse Bälle auf die Torwand schießt und am Auswertecomputer ein Trefferraster knapp über Ballgröße erscheint, dann ist die Serie okay.

Doch Robby ist nicht alles im Testzentrum: So prüft eine Spezialmaschine die Unwucht des Balles – maximal 1,8 g dabei wiegt allein schon das außen angeordnete Ventil 7 g. Die Frage nach der Rundheit beantwortet ein anderes Gerät: Maximal 1,5 % vom Ideal, der Kugel, darf der Ball abweichen, lautet die Forderung der Europäischen Fußball-Union UEFA. Adidas verspricht: „Der Europass liegt unter 1 %“ – das haben die Sporttester in Scheinfeld immer und immer wieder nachgemessen. H. WRANESCHITZ

Ein Beitrag von:

  • Heinz Wraneschitz

    Freier Fachjornalist in der Metropolregion Nürnberg. Der Ingenieur für Elektrische Energietechnik arbeitet viele Jahre in der Industrie, u.a. Zentrumsleiter für ein herstellerunabhängiges Solarberatungsunternehmen. Seit 2005 ist er mit dem Redaktionsbüro bildtext.de hauptberuflich journalistisch tätig. Seine Themen sind Umwelt, Energie und Wirtschaft.

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