Technikgestaltung 20.05.2011, 19:53 Uhr

„Euphorie ist eine Sache für Dilettanten“

Die „kluge Balance zwischen konträren Risiken“ sei charakteristisch für die Tradition der Ingenieure in Deutschland, sagt der Technikhistoriker Joachim Radkau. Der folgende Artikel ist die gekürzte Fassung des Vortrages, den Radkau kürzlich bei den Römerberggesprächen in Frankfurt gehalten hat und die unter dem Thema „Der Optimismus der Ingenieure“ standen.

Im griechischen Mythos fertigt Dädalus, der geniale Erfinder, den der König Minos aus Kreta nicht fortlassen will, für sich und seinen Sohn Flügel an, indem er Federn mit Wachs befestigt, um durch die Lüfte zurück ins heimatliche Athen zu gelangen. Vor dem Abflug rät er dem Sohn: „Flieg immer auf der Mittelstraße, damit nicht, wenn du den Flug zu sehr nach unten senkest, die Fittiche ans Meerwasser streifen und von Feuchtigkeit beschwert dich in die Tiefe der Wogen hinabziehen oder, wenn du dich zu hoch in die Luftregion verstiegest, dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe komme und plötzlich Feuer fange.“ Wir wissen, was folgt: In jugendlichem Übermut will Ikarus zu hoch hinaus, die Sonne erweicht das Wachs seiner Flügel, er stürzt ins Meer und ertrinkt.

Eine lehrreiche Geschichte. Es ist gerade das technische Genie des Dädalus, das zur Vorsicht mahnt, zur Weisheit des mittleren Weges, zur klugen Balance zwischen konträren Risiken, während die Euphorie, die Fixierung auf den Superlativ in einer Richtung der fatale Hang des naiven Dilettanten ist. Den wahren technologischen Virtuosen zeichnet das Risikobewusstsein aus die Einbildung totaler Sicherheit ist ein Zeichen von Ignoranz.

Die Euphorie des Dilettanten hat jedoch ihren Grund; denn das Fliegen ist eine ungemein verführerische Technik, die an menschliche Schwächen appelliert: fatal, wenn es sich um keine fehlerfreundliche Technik handelt. Mag auch ein weiser Mann diese Technik beherrschen, muss man doch damit rechnen, dass auch weniger weise Menschen sich ihrer bedienen. Dädalus ahnte den Tod seines Sohnes. Es gibt nicht nur einen Optimismus, sondern auch einen Pessimismus der Ingenieure.

Wieder und wieder begegnen wir gerade in der Tradition deutscher Ingenieure der Weisheit des Dädalus. Ein Musterbeispiel dafür bietet Max Maria von Weber (1822-1881), der bekannteste schriftstellernde Eisenbahningenieur des 19. Jahrhunderts, Sohn des Freischütz-Komponisten, der die Waldromantik popularisierte. Damals war das Rollenspiel zwischen der breiten Öffentlichkeit und den Experten umgekehrt wie heute: Während heute Experten, die in Wahrheit vielfach Lobbyisten sind, einer beunruhigten Öffentlichkeit weiszumachen suchen, eine neue Technologie sei absolut sicher, schildert Max Maria von Weber in aller Dramatik, wie sich die Passagiere im Schlafwagen eines Zuges, der sich bei Nacht durch einen Schneesturm kämpft, einfältig in Sicherheit wähnen, während ein derartiger Kampf mit den Naturgewalten in Wahrheit hochriskant ist.

„Hat der Sturm einen Signalbaum umgelegt, oder einen Wagen von einer Station auf die Bahn hinausgetrieben?“, fragt Weber. „Hat der Druck der Schneewehen die Telegraphenleitung gestürzt? … Hat eine aus dem Boden sickernde Quelle einen Eisklumpen auf dem Geleise gebildet? In allen diesen Fällen ist er“, der Lokführer an der Spitze des Zuges, „in höchster Gefahr des Leibes und Lebens“. Dieser Typus von Experte setzte seinen ganzen Berufsstolz darein, einen öffentlichen Druck zur Durchsetzung höchster Sicherheitsvorkehrungen zu erzeugen, gegen die Shareholder, die Großaktionäre der Eisenbahngesellschaften, der Spielbälle der wildesten Börsenspekulationen des 19. Jahrhunderts.

Auch die bundesdeutsche Kerntechnik besaß in der Frühzeit ihren Dädalus: in Friedrich Münzinger, dem Verfasser des ersten deutschen Standardwerks über Kernreaktoren („Atomkraft“, zuerst 1955). Als Kraftwerksbauer mit jahrzehntelanger praktischer Erfahrung – schon 1913, unter Walther Rathenau, hatte er bei der AEG begonnen – wusste er nur zu gut, dass Großkraftwerke, wo sich gewaltige Energien ballen, nun einmal keine Schokoladenfabriken sind und man dort immer mal mit Explosionen rechnen muss.

Schon lange vor Beginn des Atomzeitalters, in seinem Buch „Ingenieure“ (1942), hatte Münzinger Gewicht darauf gelegt, dass sich der kompetente Ingenieur vor allem durch verantwortungsbewussten Umgang mit dem Risiko über den Dilettanten erhebe: „In der Art, wie er ein Wagnis angeht, unterscheidet sich der ernsthafte Ingenieur vom Spekulanten und Hasardeur.“ Was spätere Lobbyisten als deutsche Hysterie und German Angst ins Lächerliche zu ziehen pflegten, enthielt in Wahrheit ein ebenso solides wie respektables Stück deutscher Ingenieurtradition.

In den 1950er-Jahren, einer Zeit überschwappender Atom-Euphorie – als es jedoch zivile Kernkraftwerke noch kaum gab und das „friedliche Atom“ dafür umso mehr als Projektionsfläche für Wunschträume fungierte – wiederholt Münzinger Warnungen, wie man sie später, als in der nuklearen Community Sprachregelungen durchschlugen, nur noch in der Anti-AKW-Literatur findet. Nicht ohne innere Logik wurde die Risikoreflexion dort, wo die Experten sie unterdrückten, von den Laien aufgegriffen. Münzinger zeigt, dass die Dinge auch anders hätten laufen können.

Ganz besonders prangert der 70-jährige Münzinger, der zugleich die „Naturzerstörung“ beklagt, das durch machtpolitische Spekulationen forcierte Tempo bei der Durchsetzung der Kernenergie an und dann in gesperrtem Druck: „Uralte Erfahrungen“ wie die, die sich in dem Sprichwort „Gut Ding will Weile haben“ niederschlügen, behielten auch beim Bau von Atomkraftwerken ihre Gültigkeit.

In diesem Zusammenhang spielt Münzinger warnend auf die Titanic-Katastrophe an, die durch die Wettfahrten der Schnelldampfer ausgelöst worden war. Schon damals, 1912, hatte Otto N. Witt, Dozent an der Berliner TH, in einem redaktionellen Artikel der von ihm herausgegebenen populären Technikzeitschrift „Prometheus“ den „ewigen Kampf um den Schnelligkeitsrekord“ angeprangert, der nicht der Vernunft der Ingenieure, sondern dem Geist der „Rennplätze“ entstamme und die Hauptschuld an der Katastrophe trage.

Der Sprung von dem Titanic-Desaster zu den Risiken der Kerntechnik war nicht unbegründet: In der Tat kann man vor allem in der aus politischen Motiven betriebenen Forcierung das Verhängnis der Kernenergie-Entwicklung sehen, und zwar nicht nur aus der Perspektive der AKW-Gegner, sondern mehr noch aus der der Befürworter.

In der Frühzeit war es bei nicht wenigen deutschen Kerntechnikern ausgemacht, dass die Deutschen in der Kerntechnik eigene Wege gehen müssten, die einem dicht besiedelten Land entsprachen. Viele favorisierten den von Rudolf Schulten erfundenen Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktor: wegen seines höheren Wirkungsgrades, aber auch wegen seiner – zumindest theoretisch denkbaren – hohen inhärenten Sicherheit. Nicht wenige alterfahrene Kernkraft-Kritiker trauern insgeheim dem Schulten-Reaktor bis heute nach.

Derartige Alternativen wurden jedoch durch den Siegeszug der amerikanischen Leichtwasserreaktoren überrollt. Nun beherrschte ein neuer Typus von „Experten“ die Szene, der sich ganz daran ausrichtete, die vollendeten Fakten und investierten Milliarden zu verteidigen.

Heinz Maier-Leibnitz, einer der bundesdeutschen Reaktor-Protagonisten der ersten Stunde, dem nach dem Super-GAU von Harrisburg 1979 das Gewissen schlug, übte damals offene Kritik an der kollektiven Praxis der Verdrängung: „Ich habe in der Villa Hammerschmidt erlebt, dass der Bundespräsident von den Experten wissen wollte, was die schlimmsten denkbaren Folgen des ‚unmöglichen’ Unfalls wären. Sie sagten es ihm nicht. Mehr noch: Die einfachsten Vorkehrungen, die seine Folgen mindern – nicht verhindern – würden, waren tabu, wurden nicht vorgesehen.“ Eine fatale Folge der Polarisierung der Positionen im Atomkonflikt besteht darin, dass sich keine Seite mehr für Alternativen innerhalb der Kerntechnik interessiert. Eben dies wäre jedoch ein möglicher „mittlerer Weg“ im Sinne des Dädalus. JOACHIM RADKAU

Von Joachim Radkau

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