Forschung 22.04.2005, 18:38 Uhr

Einfach genial

Im vergangenen Jahr wurden 45 % der Ausstellungsstücke Gegenstand von Lizenzverträgen. In diesem Jahr wird die 50 %-Marke angepeilt. Ist das realistisch? Entscheiden Sie selbst …

Ahmad Al Hashash wirkt bedrückt. Er sieht sich ein Foto an. Abgebildet sind die Folgen eines Motorradunfalls. Im Straßenstaub liegt eine Leiche – um den Körper herum eine Lache aus Blut. „Das war mein bester Freund Binan“, stammelt der Kuwaiter. „So etwas passiert bei uns täglich. Für schützende Lederkombis ist es einfach zu heiß.“ Die meisten Biker seien nur mit T-Shirts und kurzer Hose bekleidet. „Eine Lösung musste her“, ruft der 30-Jährige und schiebt die Trauer beiseite. „Deshalb habe ich einen Airbag entwickelt!“ Das System funktioniere ähnlich wie im Auto. „Sobald das Fahrzeug von hinten gerammt oder frontal gegen ein Hindernis fährt, füllt sich der Luftsack mit Gas.“ Ausgelöst werde der Vorgang von einer kleinen Bombe. „Eine Live-Vorführung ist leider nicht möglich“, entschuldigt sich der Araber. „Am Flughafen gab es Ärger wegen des Zünders.“

Die Ersatzinstallation beeindruckt aber auch so: Al Hashash lässt das Modell einer Rennmaschine mit einem Spielzeugauto kollidieren. Die säuberlich angeklebten Sensoren sind mit einem Kompressor verbunden. Das Gerät springt sofort an. Drei angeschlossene Schläuche münden im T-Shirt einer Schaufensterpuppe. Ihr Bauch wächst zusehends zur Wampe. Klettverschlüsse des Oberhemdes reißen auseinander. Der Hals verschwindet zwischen den Schultern, die gesamte Rückenpartie nimmt Kugelform an. „Genick und Wirbelsäule sind durch gesonderte Luftkammern geschützt“, erklärt der Erfinder. Mit Blick auf das Foto ergänzt er leise: „Hier lauern schließlich die folgenschwersten Verletzungen.“

Den Kopf von Bikern schützen will Prof. Bin Palil von der Technischen Universität im malaysischen Batu Pahat. Seine Idee: Helme aus den Fasern der Kokosnuss. „Unser Produkt ist leichter, billiger und umweltfreundlicher als die handelsübliche Konkurrenz. Außerdem ist es genauso stabil.“ Um diese These zu beweisen, zwängt der 54-Jährige seinen großen Kopf in einen Prototypen und läuft mit dem Haupt voraus gegen eine Mauer. Es knallt. Aber: Kein Taumeln, kein Wanken. Sowohl Palil als auch die Wand bleiben stehen. Der Experte für Mechanik gibt sich von der beachtlichen Wucht des Aufpralls unbeeindruckt. „Das Geheimnis der Stabilität liegt in einer speziellen Chemikalie.“ Deren Namen verschweigt er. „Sie verklebt die Fasern mit dem umgebenden Kunstoff. Es entsteht ein äußerst festes Gewebe. Nach dem Aushärten hält es selbst größten Belastungen stand.“ Alle erdenklichen Formen ließen sich herstellen. „Wir arbeiten gerade an einem ersten Integralhelm.“

Das hört der Italiener Franco Fiumana am Nachbarstand bestimmt nicht gerne – profitiert er doch von abgebrochenen Zähnen. Sein „Storch“ soll Zahnärzten künftig bei der Entfernung stecken gebliebener Wurzeln helfen. Das Prinzip ist einfach. Der Dentaltechniker erklärt es an einem Modell: „In den natürlich vorhandenen Zahnkanal wird zunächst ein Anker geschraubt. An ihm ist eine Öse befestigt. In die Schlaufe wird ein Bein des Geräts eingeführt. Das andere Bein ruht auf den Resten des Gebisses. Wie mit einer Spreizzange kann nun die Wurzel ausgehebelt werden.“ Dank verschiedener Fußformen könne der Storch auch auf den kompliziertesten Zahnstati landen. Der Vorteil gegenüber der bisherigen Extraktionsmethode: „Das blutige Aufschneiden des Zahnfleisches und das schmerzhafte Ausschaben der Zahnreste entfällt. Außerdem ist die Gefahr geringer, den Kiefer des Patienten zu verletzen.“

Damit es erst gar nicht zu Unfällen auf der Straße kommt, hat die Iranerin Pargol Kalantari das „Gerät zur Überwachung aller Lebensfunktionen des Fahrers“ entwickelt. Es misst über Sensoren am Lenkrad fortwährend Pulsfrequenz und Temperatur. „Übersteigen die Daten bestimmte Marken, so wird das Fahrzeug automatisch gebremst.“ Die Studentin der Azad Universität in Arak will so hitzige Raser und nervöse Drängler aus dem Verkehr ziehen.

Unfälle im Verkehr ganz anderer Art will Mor Maty Seck aus Kamerun verhindern – bzw. verhüten. Er hat ungewollten Schwangerschaften und sexuell übertragbaren Krankheiten den Kampf angesagt. Stolz präsentiert er das DAP („Dispositif Applicateur du Préservatif“). Es hilft solchen Männern, die sich mit der Benutzung von Kondomen schwer tun. „Die Idee ist einfach wie genial“, erklärt der fünffache Vater selbstbewusst. Mit flinken Fingern führt er das Prozedere vor. Zunächst stülpt er das noch nicht entrollte Latexprodukt über eine ringförmige Nut. Dann zieht er das Instrument über einen Holzstab. Reibungslos schmiegt sich die Gummihaut um den Kunstpenis. „Um allzeit bereit zu sein, kann das DAP schon vor einem eventuellen Intermezzo gebrauchsfertig geladen werden“, führt der gelernte Juwelier weiter aus. Eine Transportschatulle schütze den Inhalt vor Austrocknung. Seck ist überzeugt: „Wegen der riesigen Zielgruppe kann meine Erfindung Jobs schaffen, Wohlstand kreieren und einen wesentlichen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt vieler Staaten leisten.“

Auch Hausfrauen werden auf der Erfindermesse glücklich gemacht. Sie sollen den Frühjahrsputz künftig im Handumdrehen erledigen können. Möglich macht dies der „Survival Robot“ von Muhammad Ridhwan Sikh Omar aus Malaysia. Das Gerät des diplomierten Mechanik-Ingenieurs kann bequem vom Sofa aus fernbedient werden. Es fegt, saugt und wischt den Boden. Tatkräftige Unterstützung braucht es lediglich beim Wechsel der drei Aufsätze. „Eine Live-Demonstration kann ich leider nicht bieten“, bedauert der 31-Jährige. „Die vielen Handys in der Halle beeinflussen den Funkkontakt.“

Optimiert werden könnte der „Überlebens-Roboter“ noch durch eine Erfindung von Josef Braunmiller aus Bayern. Sein „DoubleDrive“-Staubsauger nimmt selbst feinste Staubpartikel auf und bläst sie – im Gegensatz zu Konkurrenzprodukten – nicht in den Raum zurück. Möglich machen dies ein Wasserbad und ein Separator. „Die eingesaugte Schmutzluft wird zunächst durch die Flüssigkeit geleitet“, erklärt der 56-Jährige. „Dabei werden die meisten Teilchen bereits gebunden.“ Anschließend strömt die Luft durch ein schnell rotierendes Speichenrad. „Dies stoppt die restlichen Partikel.“ Die Besonderheit bei Braunmillers Erfindung: Separatormotor und Saugmotor sind unabhängig voneinander. „Egal wie die Leistung des Saugers reguliert wird, das Rad läuft stets auf Höchstgeschwindigkeit.“ Es starte kurz vor dem Saugprozess und laufe später einige Sekunden nach. „Der Staub hat dadurch zu keinem Zeitpunkt eine Chance, das Gerät wieder zu verlassen.“

Spezialist für schnelles Verlassen ist Ronan Byrne. Sein HEADS („High Emergency Auto Descent System“) soll Menschen aus brennenden Hochhäusern retten. Es besteht aus einer Kabeltrommel mit Zentrifugalbremse. Aufgewickelt ist ein 3 mm starkes Stahlseil, an dessen Ende ein Karabinerhaken baumelt. „Im Notfall müssen die Nutzer sich das Gerät nur noch umschnallen, zum Fenster gehen und das Seil mit einer Öse an der Außenwand verbinden.“ Und dann? „Natürlich springen!“ Wie? „Na so!“ Fragenden Blicken ausweichend klettert der stämmige Ire auf einen Tisch und stürzt sich hinunter. Rasant saust er dem rettenden Boden entgegen. „Damit der Aufschlag nicht zu heftig wird, sollte zu gegebener Zeit allerdings die zusätzlich montierte Handbremse betätigt werden“, räumt der wuchtige Mann ein. Mit runzeliger Denkerstirn, die bis zum Hinterkopf reicht, ergänzt er: „Für Kinder arbeite ich noch an einem System, dass das Verhältnis aus Fluchtgeschwindigkeit und Aufprallhärte automatisch optimiert.“ Denkbar sei auch eine Kombination mit einem speziell gepolsterter Sprungoverall.

Könnte da nicht der Airbag-Anzug von Ahmad Al Hashash die Lösung sein? STEFAN ASCHE

Erfindermesse Genf

1000 Ideen aus 42 Ländern

Vom 6. bis zum 10. April fand auf dem Palexpo-Gelände in Genf die 33. Internationale Messe für Erfindungen, Neue Techniken und Produkte statt. Auf 8500 m2 wurden 1000 neue Ideen präsentiert. Gut zwei Drittel stammten von Unternehmen und Instituten. 6 % der Aussteller kamen aus der Schweiz, der Rest aus dem Ausland. Rund 60 000 Besucher zählten die Organisatoren. Im letzten Jahr betrug der auf der Messe und direkt im Anschluss getätigte Umsatz mehr als 30 Mio. $.   sta

Neues Buch: Skurille Erfindungen

In jeder Minute werden weltweit etwa 1,3 Erfindungen zum Patent angemeldet. Manche sind genial, andere überflüssig. Und dann gibt es noch die, auf die wir nie gekommen wären. Da ist z. B. der Nagel, der im Kopf eine Sprengladung trägt und sich nach leichtem Anschlagen quasi wie von selbst in die Wand treibt. Oder das Verfahren zur optimalen Kämmung des männlichen Haupthaares. Geschickt werden damit kahle Stellen bedeckt. Frauen erfreuen sich – vielleicht – an einer Face-Lifting-Konstruktion. Sie besteht aus Gummibändern, die an den zu straffenden Hautpartien am Gesichtsrand angeklebt und am Hinterkopf zusammengeknotet werden. Nicht weniger praktisch ist der „Animal Ear Protector“. Er verhindert, dass Fiffis Ohren ins Essen hängen. Gar zum Lebensretter werden kann die „Vorrichtung zur Frischluftgewinnung“. Sie besteht aus einem Mundstück, einem Luftfilter und einem Schlauch. Das Schlauchende wird – etwa bei Feuer – durch die Toilettenschlüssel in die Entlüftung des Abwasserfallrohrs geführt. Der Patentanmelder wollte sich übrigens parallel die Idee patentieren lassen, vor dem ersten Atemzug den Schlauch in Gegenrichtung auszublasen und die Spülung zu betätigen. Warum wohl? sta

Jörg Albrecht (Hg.): „Frei erfunden – Patente, auf die wir nie gekommen wären“ Rowohlt Verlag, Reinbek, 2005, 137 S., 6,90€“

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