Forschung 08.02.2002, 17:32 Uhr

Ein Dämpfer für eilige Forscher

Nach der Entscheidung im Bundestag vergangene Woche gab jetzt die Deutsche Forschungsgemeinschaft grünes Licht für das erste Projekt mit embryonalen Stammzellen. Doch der Weg ins Labor ist damit noch lange nicht geebnet.

Genau einen Tag nach dem Beschluss des Deutschen Bundestages hatte sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Förderung der Stammzellforschung ausgesprochen. „Wir haben den Projektantrag des Bonner Neurologen Prof. Oliver Brüstle bewilligt“, verkündete DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker. Drei weitere Anträge liegen zur Beratung vor. Doch für die Forscher heißt es weiterhin warten: Erst muss ein entsprechendes Importgesetz vorliegen, bevor tatsächlich die erste embryonale Stammzelle (ES-Zelle) zu Forschungszwecken ins Land kommt.

Brüstle, der Nervenzellen aus menschlichen ES-Zellen gewinnen und sie ins Gehirn beispielsweise von Patienten mit Multipler Sklerose transplantieren will, soll von der DFG dann rund 200 000 Euro bekommen. „Vergangenes Jahr haben wir bereits etwa 5 Mio. DM ausgegeben – allerdings für Projekte mit adulten Stammzellen“, so Winnacker.

Brüstle wird sich übrigens „seine“ Stammzellen selbst beschaffen müssen. „Das gehört zum guten wissenschaftlichen Alltag, dass biologische Materialien ausgetauscht werden“, erläutert Winnacker das Prozedere. Schwierigkeiten wird das Brüstle nicht bereiten. In den USA hatte er bereits mit amerikanischen Kollegen menschliche ES-Zellen zu Nervenzellen heranwachsen lassen.

Das notwendige Gesetz zur Forschung mit ES-Zellen könnte noch vor der Sommerpause verabschiedet werden. Davon geht jedenfalls Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn aus. „Die Eckpunkte sind vom Bundestag beschlossen worden, es geht jetzt vor allem um die gesetzestechnische Umsetzung“, so die Ministerin.

Bulmahn befürwortet die Stichtagsregelung mit einer Beschränkung der für die Forschung freigegebenen Stammzelllinien auf bereits bestehende Kulturen. „Weltweit haben wir für die Forschung ausreichende Stammzelllinien“, sagt Bulmahn. Die Beschränkung soll verhindern, dass eigens für den Import nach Deutschland Stammzellen hergestellt werden. Umstritten ist jedoch, ob als Stichtag der Tag der Grundsatzentscheidung des Bundestages gelten soll oder der Tag, an dem das Gesetz in Kraft tritt.

Brüstle selbst hält nichts von dieser Stichtagsregelung: „Sie ist kurzsichtig und es ist nicht vorstellbar, dass man sie aufrechterhalten kann“, so der Neurologe. Im Prinzip könne er zwar die gute Absicht nachvollziehen, „nämlich die Stammzellenlinien zahlenmäßig beschränken zu wollen“. Doch daraus sei nun eine qualitative Einschränkung geworden, denn mit Blick auf eine therapeutische Anwendung der Forschung seien die dann älteren Zelllinien weniger günstig.

Noch mehr Forscher haben an die Pforten der DFG geklopft und um milde Gaben für ihre Forschungsprojekte gebeten. Da ist einmal Dr. Ulrich Martin von der Medizinischen Hochschule Hannover, der untersuchen will, von welchen Faktoren das Überleben menschlicher ES-Zellen in fremdem Gewebe abhängt. Bisher lassen sich die Zellen nach Angaben des Forschers, der mit der Universität Jerusalem zusammenarbeitet, nur in Mäusezellen kultivieren. Martin plant zudem, Herzmuskelzellen herzustellen.

Auch Herzspezialist Prof. Wolfgang-Michael Franz von der Universität München möchte Herzmuskelzellen aus ES-Zellen gewinnen. Forschungsmaterial hätte er bereits: Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte ihm die US-Firma WiCell embryonale Stammzellen an seinen damaligen Arbeitsplatz an der Medizinischen Universität Lübeck geliefert.

Der Neurophysiologe Jürgen Heschleer von der Universität Köln will ähnlich wie sein Münchener Kollege Herzzellen züchten, die nach Herzinfarkten das erkrankte Gewebe ersetzen sollen. Auch er ist Kunde bei WiCell. Die Firma hatte ihm allerdings beschädigte Zellen geliefert.

Die großen Pharmafirmen halten sich derweil in der Forschung mit ES-Zellen zurück. „In den Mitgliedsunternehmen gibt es keine aktuellen Projekte dazu“, so Marc Rath, Sprecher des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller Deutschlands. Die Arbeit bewege sich noch im Bereich der Grundlagenforschung. Der Verband begrüßte jedoch, dass die Tür für die Forschung mit ES-Zellen nicht ganz zugeschlagen wurde.

Eine Studie zur Entwicklung der Stammzellenindustrie und der Märkte weltweit bis 2005 sowie eine Perspektive bis 2020 hat jetzt die Helmut Kaiser Unternehmensberatung vorgelegt. Demnach erzielen die Unternehmen in diesem Bereich derzeit einen Umsatz von rund 500 Mio. Dollar. Bis 2005 soll er jedoch auf 12,9 Mrd. Dollar und bis 2020 sogar auf unvorstellbare 171 Mrd. Dollar anwachsen. Die größten Anwendungsgebiete sind dabei das Herz-Kreislauf-System, das Zentralnervensystem sowie das Verdauungssystem. BETTINA RECKTER

Verfügbare Zelllinien *

vorhandene Zellinien lieferbar

USA 27 2

Schweden 25 3

Indien 10 0

Australien 6 4

Israel 4 ?

Quelle: Uni München

*weltweit

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