Forschung 03.11.2000, 17:27 Uhr

Durchgezogen gegen jeden Widerstand

Die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung wird von der Fraunhofer-Gesellschaft geschluckt – eine mühsame und trickreiche Bereinigung der deutschen Forschungslandschaft.

Diesen Freitag hört die ehemalige Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) auf, in ihrer alten Form auf zu existieren: Am 3. November beschließt der GMD-Aufsichtsrat die Auflösung der GMD und die GMD wird mit diesem Beschluss zur Abwicklungsgesellschaft.
Ein nahezu einmaliger Vorgang in der deutschen Forschungslandschaft: Eine Großforschungseinrichtung mit 1300 Mitarbeitern verschwindet von der Bildfläche.
Allerdings ist die Forderung nicht neu: Seit fast 20 Jahren feuert die Industrie eine Breitseite nach der anderen auf die GMD ab. Grund: fehlende Industrienähe, mangelnder Beitrag zur Stärkung der IuK-Branchen in Deutschland.
Das soll nun anders werden. Schon am 18. September hatten GMD-Vertreter und Vertreter der Fraunhofer-Gesellschaft die Empfehlungen der Professoren Tom Sommerlatte (Arthur D. Little) und Arnold Picot (Universität München) abgenickt: Sommerlatte und Picot hatten Mitte September einen 80-seitigen Bericht vorgelegt, in dem sie die Fusion der beiden deutschen IT-Forschungseinrichtungen „GMD-Forschungszentrum Informationstechnik GmbH“ und „Fraunhofer-Gesellschaft“ (FhG) empfahlen – faktisch ein Aufgehen der GMD in der FhG.
Freude kommt keine auf bei der GMD. „Diese Fusion“, kritisiert GMD-Professor Erich J. Neuhold, Leiter des Instituts für Integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI), „wurde im Schweinsgalopp gegen den Widerstand aller GMD-Mitarbeiter“ durchgezogen.
Auch der Wissenschaftlich-Technische Rat der GMD hat den Vorschlag rundum abgelehnt. Mitarbeiter, Führungskräfte und Institutsleiter forderten in einem offenen Brief an Forschungsministerin Edelgard Bulmahn, „die Fusion nicht gegen den Willen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchzuführen.“
Doch die Fusion ist politisch gewollt, und Uwe Thomas, Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, wird dafür sorgen, dass die Uhr nicht zurück gedreht wird. Rund 350 000 DM hat sich das Ministerium die freihändig vergebene Studie kosten lassen. Zudem sind Thomas und Sommerlatte, Co-Autor der Studie, alte Bekannte. 1968 und 1969 waren sie gemeinsam in der Studiengruppe für Systemforschung in Heidelberg. So überrascht auch nicht, dass der Vorschlag von Sommerlatte und Picot den Vorstellungen von Uwe Thomas durchaus entgegen kommt.
Und der Eindruck drängt sich auf, dass das politische Interesse auf die Erkenntnisse der Studie nicht ohne Einfluss geblieben ist. So etwa beim Thema Drittmittel, an dem die Leistungsfähigkeit von Instituten gemessen wird. Da klagt etwa John McCascill, Leiter des GMD-Instituts für „Biomolekulare Informationsverarbeitung“ (BioMIP), dass sein Institut nicht, wie im Sommerlatte-Picot-Bericht angegeben, nur 0,4 %, sondern 100 % Drittmittel über ein BASF-Projekt erwirtschaftet. Doch die Moderatoren hätten einfach die Zahl des Vorjahres verwendet.
Sommerlatte und Picot bepunkteten zudem vier verschiedene Fusionsmodelle. Den GMD-Favoriten, der die Schaffung einer IuK-Gesellschaft als FhG-Tochter vorsah, punkteten sie herunter. Damit lag der GMD-Vorschlag hinter dem BMBF-Favoriten, der die „Weiterentwicklung des IuK-Institutsverbundes zur IuK-Gruppe der erweiterten FhG“ vorsah.
Für Beobachter der GMD erweist sich die Studie deshalb als „Gefälligkeitsgutachten für das BMBF“, so Uwe Borner, Vorsitzender des Wissenschaftlich-Technischen Rates der GMD.
Jetzt wird ein Steering Commitee, in dem auch Picot und Sommerlatte sitzen, das Ruder übernehmen. Der GMD-Geschäftsführer wird abgelöst, was dann folgt, ist noch unklar: Ob GmbH-Anteile der GMD an die Fraunhofer-Gesellschaft verkauft werden oder ob die GMD einzelne Institute an Fraunhofer verkaufen wird.
Klar ist nur, dass die Ex-GMD-Institute nach dem Fraunhofer-Modell finanziert werden: 40 % Grundfinanzierung, 60 % Drittmittelfinanzierung.
Bei den GMD-Instituten wird die Übernahme des Fraunhofer-Modells zu einer „Kostendeckungslücke von rund 60 Mio. DM pro Jahr führen“, heißt es im Gutachten von Sommerlatte und Picot, da die Institute bisher nur knapp 30 % Drittmittel einwarben – die halb so viel wie die FhG. Gestopft werden soll das Millionenloch durch Gelder des Bundesforschungsministeriums, des Landes Nordrhein-Westfalen – und durch mehr EU-Projekte. Doch noch steht diese Finanzierung auf wackligen Beinen.
Um die fusionsbedingten Finanzlöcher zu stopfen und einen drastischen Arbeitsplatzabbau im Gefolge der Fusion zu verhindern, hat das Bundesforschungsministerium das Projekt „Leben und Arbeiten in einer vernetzten Welt“ aufgelegt: Zusätzlich 70 Mio. DM pro Jahr sollen an die Ex-GMD und Fraunhofer-Institute fließen, dazu 7 Mio. DM vom Land NRW.
Davon erhalten vermutlich aber die Fraunhofer-Institute den Löwenanteil. BMBF-Ministerialdirektor Wolf-Dieter Dudenhausen wollte GMD-Vertretern die 70 Mio. DM zudem nicht einmal verbindlich bestätigen. Kein Wunder: In der mittelfristigen Finanzplanung seines Ministeriums ist die Summe nicht vorgesehen. Auch das Land zögert: Von anvisierten 7 Mio. DM sollen maximal 5 Mio. DM fließen.
Aus gutem Grund. Denn damit die Grundlagenforschung nicht ganz vor die Hunde geht, haben sich die Gutachter mit Staatssekretär Thomas auf eine IuK-Akademie am Standort der GMD in St. Augustin bei Bonn geeinigt, in die ein Teil der GMD-Institute integriert werden soll. Thomas plant eine Art „Turbo-Uni“, ein „Center of Excellence“, das von Anfang an Praktika in FhG- oder Ex-GMD-Instituten mit dem Studium verbindet.
Das Land NRW jedoch zögert, plant lediglich eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen der Universität Bonn und der neu gegründeten Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg ab 2004. Zudem gehören die als Stiftungskapital für die IuK-Akadamie vorgesehenen Mittel von 110 Mio. DM nicht dem Bund, sondern der Stadt Bonn. Dort aber zeigte man sich von Thomas“ Idee wenig begeistert. Ob zudem ein jährliches Budget von 6 Mio. DM für die IuK-Akademie überhaupt ausreicht, ist mehr als fraglich.
Die geplante Finanzierung von 40 % Grundfinanzierung und 60 % Drittmitteln stößt bei den GMD-Professoren noch aus einem anderen Grund auf Skepsis: Martin Reiser, der das IBM-Forschungslabor in Rüschlikon (Schweiz) leitete und von dort zur GMD ging, vertritt die Auffassung, dass Grundlagenforschung frei sein soll, unabhängig von den Bedürfnissen der Industrie: „Damit haben wir im IBM-Forschungslabor zwei Nobelpreise gewonnen“. Das neue Finanzierungsmodell orientiere sich allein an den Wünschen der Fraunhofer-Gesellschaft.

GMD-Forscher beklagen fehlende Freiheit bei der Forschung

Das sieht auch GMD-Wissenschaftler Erich J. Neuhold so. „Die von der FhG so hoch gelobten Industrieaufträge haben überhaupt keinen langfristigen Horizont, sondern dienen der möglichst kurzfristigen betrieblichen Problemlösung“, klagt Neuhold gegenüber den VDI nachrichten.
GMD-Forscher McCascill sieht deshalb für sich und seine Mitarbeiter kaum Zukunftschancen. „Was fehlt, ist die Freiheit“, so McCascill gegenüber den VDI nachrichten. Wenn Wissenschaftler jedoch ihre Freiheit aufgeben müssten, gebe es für sie in der Industrie besser bezahlte Jobs.
Forschungsministerin Edelgard Bulmahn und ihr Staatssekretär Uwe Thomas werden den so oft beklagten Brain Drain mit der Fusion nicht bremsen, sondern eher noch ankurbeln. Und die Gesellschaft für Informatik e.V. warnt schon heute, dass die Stellung der deutschen Informatik-Grundlagenforschung im internationalen Vergleich „katastrophal“ sei. C. SCHULZKI-HADDOUTI/moc

Von C. Schulzki-Haddouti/Wolfgang Mock
Von C. Schulzki-Haddouti/Wolfgang Mock

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