Forschung 24.02.2006, 18:42 Uhr

Druck von oben hemmt Innovationsgeist  

VDI nachrichten, Göttingen, 24. 2. 06, ber – Vorgesetzte, die Untergebene häufig unter Druck setzen oder durch ihr Verhalten oder ein überzogenes Arbeitspensum sogar ängstigen, handeln nicht nur unfreundlich. Sie vergeuden auch ein enormes Potenzial an Einfallsreichtum und Originalität. Hirnforscher wundert das nicht. Neurobiologe Professor Gerald Hüther von der Universität Göttingen über die Chancen der Muße.

Hüther: Um die Effizienz zu steigern und noch vorhandene Ressourcen auszuschöpfen, mag es ein geeignetes Mittel sein, Konkurrenz- und Leistungsdruck zu verstärken und bisweilen sogar Angst zu schüren. Aber auf die Kreativität und den Innovationsgeist von Menschen wirkt dieser Druck wie ein zäher Ölfilm, der sich über eine sprudelnde Quelle legt.

VDI nachrichten: Was passiert denn im gestressten Hirn?

Hüther: Unter Druck gerät vor allem das Frontalhirn in solche Unruhe, dass dort kein Erregungsmuster für die Steuerung von Handlungen aufgebaut werden kann. Dabei ist das Frontalhirn genau der Bereich, wo die komplexesten Handlungsstrategien zum Lösen von Problemen entwickelt werden.

VDI nachrichten: Mit welcher Folge?

Hüther: Man kann komplizierte Handlungen nicht mehr gut planen und vorausschauend denken, sich nicht mehr in andere Menschen hineinversetzen, Frustrationen aushalten und innere Impulse kontrollieren.

VDI nachrichten: Und wie behilft sich ein Gehirn, das unter Druck gerät?

Hüther: Ein Chef, der seinen Leuten jede Zeit für entspanntes Nachdenken nimmt oder sie sogar verängstigt, zwingt ihre Hirne, auf einfache Bewältigungsstrategien zurückzugreifen. Statt komplexer Lösungen bevorzugen diese dann bewährte Vorgehensweisen, manchmal aber auch primitive.

VDI nachrichten: Welche meinen Sie?

Hüther: Gemeint sind Lösungswege, die im Hirn schon während der frühen Kindheit gebahnt worden sind. Oder sogar – wenn es besonders eng wird – archaische Notfallreaktionen. Die sind im Hirnstamm nicht nur bei uns, sondern auch bei Tieren angelegt und münden, falls sie aktiviert werden, in Angriff, Verteidigung oder panische Flucht. Und wenn gar nichts mehr geht, besteht der letzte Ausweg in ohnmächtiger Erstarrung. Regression nennen die Psychologen solche Rückgriffe auf frühere Muster.

VDI nachrichten: Und das, obwohl der betreffende Mitarbeiter potenziell kreativ ist?

Hüther: Häufig ja. Deshalb verschwenden stressende Vorgesetzte ja auch wertvolle geistige Ressourcen ihrer Mitarbeiter. Das lässt sich übrigens mit Hilfe bildgebender Verfahren nachweisen, die unsere Hirnfunktionen veranschaulichen: Je stärker die Anspannung beim Lösen einer Aufgabe oder bei einer Tätigkeit wird, desto weniger Bereiche in unserem Oberstübchen sind aktiviert.

VDI nachrichten: Was können Arbeitgeber tun, um das kreative Potenzial ihrer Mitarbeiter anzuzapfen?

Hüther: Salopp gesagt, können sie Situationen der Muße schaffen. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat schon vor über 60 Jahren darauf hingewiesen, dass Singvögel ihre schönsten Liedchen nur dann trällern, wenn es ihnen um gar nichts geht, sie also weder um ein Weibchen balzen noch einen Konkurrenten vertreiben müssen. Lorenz sprach davon, die Vögel seien dann vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt und produzierten ihre Melodien ganz spielerisch. Auch wir Menschen kennen diese Momente, wenn alles im Fluss ist, alles wie von selbst geht. Solch gelassenes Tätigsein empfinden wir nicht umsonst als außerordentlich erfüllend wir bekommen dann Anschluss an unsere Ressourcen, darunter auch unbekannte – wir entdecken uns quasi selbst.

VDI nachrichten: Womit Sie aber kaum dafür eintreten, in Unternehmen lockeren Pfeif-Unterricht zu erteilen?

Hüther: Nicht wirklich. Vorgesetzte sollten ihren Mitarbeitern lieber Freiräume schaffen, in denen geistiges, kreatives Arbeiten möglich wird. Zumindest zeitweise sollte eine entspannte Situation herrschen dürfen. Dabei ist mir das Dilemma der Arbeitgeber klar: Einerseits möchten sie schnell und innerhalb kürzester Zeit Ergebnisse sehen andererseits ist es langfristig gut, wenn man umsichtige Mitarbeiter hat, die möglichst über die Ränder ihres Arbeitsbereiches hinaus mitdenken. Dazu braucht es natürlich auch Beziehungsfähigkeit, um die es in unserer Gesellschaft nicht gerade gut bestellt ist – privat wie im Beruf.

VDI nachrichten: Aber was heißt das für Unternehmen oder Organisationen?

Hüther: Wer seine Mitarbeiter nicht einfach nur mehr, sondern vor allem bessere Leistungen erbringen lassen will, muss in Beziehungen denken und in Beziehungsfähigkeit investieren. Allerdings fängt das bei der Chefin oder dem Teamleiter selber an: Vorgesetzte müssen lernen, jeden einzelnen Mitarbeiter wertzuschätzen – und zwar als einzigartige Persönlichkeit und Quelle von Wissen und Erfahrungen.

WALTER SCHMIDT/ber

Gerald Hüther: „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“, 15,90 Euro, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005

Von Walter Schmidt/Bettina Reckter

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