Verpackungstechnik 01.07.2011, 12:09 Uhr

Dresdner Ingenieure machen Verpackungen seniorentauglich

So manche Lebensmittelverpackung stellt Ältere und Kranke vor fast unlösbare Herausforderungen. Wie viel Kraft sie zum Öffnen von Plastik- und Aludeckeln benötigen, haben jetzt deutsche Ingenieure und Schweizer Ärzte untersucht. Daraus leiten die Spezialisten direkte Empfehlungen für die Verpackungsindustrie ab.

Wer kennt nicht dieses Gefühl: Man zieht und zerrt an der Kunststofflasche einer Wurstverpackung, hält sie fest zwischen Daumen und Zeigefinger, greift nach, stützt sich ab, versucht es mit der anderen Hand – und nichts passiert. Die Hülle bleibt verschlossen, die Wurst scheint unerreichbar.

Lebensmittelverpackungen stellen nicht nur den Konsumenten, sondern auch die Industrie vor Herausforderungen. Einerseits müssen die Lebensmittel frisch und die Verpackung dicht bleiben, andererseits soll die Wegwerfhülle preiswert und verbraucherfreundlich, also leicht zu öffnen sein.

Die technischen Details, die bei Verpackungen zum Aufziehen eine Rolle spielen, kennen Ingenieure seit Langem. Es sind die Länge der Aufreißlasche, ihr Material und dessen Struktur sowie die Länge und Breite der Siegelnaht.

Das Öffnen von Verpackungen ist ein komplexer Vorgang

„Wie viel Kraft jedoch ein normaler Verbraucher aufbringt, um eine aufziehbare Verpackung zu öffnen, wusste man bisher nicht so genau“, sagte Andrea Liebmann, Ingenieurin am Fraunhofer-Anwendungszentrum Verarbeitungsmaschinen und Verpackungstechnik (AVV) in Dresden. Sie hat nun bei über 800 Menschen aller Altersgruppen geprüft, mit wie viel Kraft diese an der Lasche einer Verpackung ziehen können.

Eigens dafür entwickelte ihr Team den „Pinch Pull Force-Tester“ (PPF-Tester), ein Messgerät mit Kraftmesssensoren und einem Folienhalter, in den Aufreißlaschen verschiedener Längen und Materialien eingespannt werden können.

„Das Öffnen einer Aufreißverpackung ist ein komplexer Vorgang, bei dem das Ziehen an der Lasche und das Gegenhalten kombiniert werden“, so Liebmann. „Hinzu kommen der Einfluss durch die Haftreibung des Packmittels und die Konstitution des Menschen.“ Letztere ist alters- und geschlechtsbedingt vorgegeben. So zeigen Messungen der Dresdner Arbeitsgruppe, dass Frauen aller Altersgruppen erwartungsgemäß weniger Kraft aufbringen als Männer. Die Standardwerte für verbraucherfreundliche Verpackungen sollten sich also daran orientieren.

Mit 20 bis 60 Jahren ziehen 95 % der Frauen im Schlüsselgriff mit 17 N an einer 14 mm langen Kunststofflasche. Im Kindes- und Seniorenalter hingegen greifen sie mit deutlich weniger Kraft zu, nämlich nur noch mit 10 N bzw. 11 N. Diese Daten bestätigen Resultate einer Umfrage der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, wonach fast drei Viertel der über 55-Jährigen nur mit Mühe ein in Kunststoff eingeschweißtes Produkt öffnen können.

Handchirurg fordert barrierefreie Verpackungen

„Fürs Design von Verpackungen sollten wir uns an Älteren und an Menschen mit Handicap orientieren, um sie nicht vom Alltagsleben auszuschließen“, betonte auch der Schweizer Spezialist für Handchirurgie, Beat Simmen, von der Schulthess-Klinik in Zürich. Über zwei Drittel seiner Patienten mit Schmerzen an den Händen beklagen, dass sie Marmeladengläser, Schinkenverpackungen oder Plastikflaschen kaum oder nur mit technischer Hilfe öffnen können.

Deshalb wollte Simmen wissen, wie groß der Unterschied von Patienten mit Handproblemen gegenüber gesunden Gleichaltrigen ist. Mithilfe des PPF-Testers konnte er nun nachweisen, dass die Patienten in allen Altersgruppen durchschnittlich 44 % weniger Zugkraft aufbringen. Die größten Schwierigkeiten hatten die Kranken mit kleinen, nur 7 mm langen Plastiklaschen. An einer 21 mm langen Aluminiumlasche hingegen konnten sie fast mit der dreifachen Kraft ziehen.

„Mit unserer Studie hoffen wir die Industrie aufzurütteln“, so Simmen, „immerhin leiden etwa 40 % der arbeitsfähigen Bevölkerung unter Schmerzen im Handbereich, verursacht durch Rheuma, Gicht, Arthrose und andere Krankheiten.“ Anhand der gemessenen Kraftwerte kann Simmens Team jetzt konkrete Empfehlungen für die Verpackungshersteller abgeben. So sollte das Öffnen einer 14 mm langen Kunststofflasche nicht mehr als 9,5 N erfordern. Dann können noch 80 % der Menschen mit Handproblemen die Verpackung öffnen.

„Easy Opening“: Hilfestellung für die Industrie

Einen ähnlichen Weg wie die Schweizer Ärzte verfolgen auch die Dresdner Ingenieure. Mit klaren Vorgaben unter dem Fokus „Easy opening“ wollen sie der Industrie eine Hilfestellung geben, worauf diese beim Herstellen von verbraucherfreundlichen Verpackungen besonders achten sollte.

Liebmann zählt nur einige der Faktoren auf: „Die Aufreißlasche muss groß genug und gut zu erkennen sein, gut gegriffen werden können und die Siegelnaht muss so gestaltet sein, dass sie leicht aufgeht.“ Eine entsprechende Richtlinie für die Gestaltung von Aufreißverpackungen unter dem Gesichtspunkt „easy opening“ wird Anfang Juli von der Industrievereinigung für Lebensmitteltechnologie und Verpackung (IVLV) veröffentlicht.

www.easy-opening.de

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