Forschung 09.06.2000, 17:25 Uhr

„Die Wissenschaft ist gefährdet“

Wissenschaftler sollen die Besorgnisse von Laien stärker berücksichtigen und die Öffentlichkeit an ihrem Arbeitsalltag teilnehmen lassen, fordert Helga Nowotny von der ETH Zürich. Wenn sich die Forschung zu sehr am kommerziellen Nutzen orientiert, bleibe die Kreativität der Forscher auf der Strecke.

Es ist schon zu einem Gemeinplatz geworden: Die Gesellschaft der Zukunft werde eine Wissensgesellschaft sein. Vom Know-how, das in marktfähige Produkte umgesetzt werden könne, hänge die Zukunft eines rohstoffarmen Landes wie der Bundesrepublik ab – das behaupten zumindest Politiker wie Experten aus Bildung und Wissenschaft. So scheint es nur konsequent, wenn der Staat oder Unternehmen Milliardensummen in Wissenschaft und Forschung investieren.
Trotz solch“ offizieller Beteuerungen und trotz dieser enormen Finanzmittel: Die Zukunft der Wissenschaft ist gefährdet, behauptet Helga Nowotny, Professorin für Wissenschaftsforschung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Während in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren der Eindruck entstanden ist, dass von den Wissenschaften selbst eine Bedrohung für die Menschen ausgehe, man denke an den Streit um die Atomenergie oder um Bio- und Gentechnik, sieht die ETH-Professorin die Forschung ihrerseits bedroht.
Wovon gehen diese Gefahren aus? Zwei Ursachen hat Helga Nowotny ausgemacht: den Verlust an Vertrauen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit und die potenzielle Gefahr, die von der zunehmenden Privatisierung der Forschung selbst ausgeht.
Wissenschaft ist ein Wirtschaftsfaktor: Einer Nation soll sie zu Wohlstand verhelfen, einem forschenden Unternehmen zu einer besseren Wettbewerbsposition. Folglich, so Nowotny, versuchen Unternehmen, wenn sie Geld in Forschungsprojekte investieren, die Ergebnisse vor ihren Konkurrenten zu schützen, indem sie sie für sich behalten. Unter dem Mantel der Geheimhaltung werde Wissenschaft von einer öffentlichen Angelegenheit zur Privatsache der finanzierenden Firmen, kritisiert Nowotny: „Wissen wird monopolisiert“. Hier besteht die Gefahr, dass das Ethos der Wissenschaften zerstört wird, denn Wissen wachse, indem es mit anderen geteilt wird, und nicht, indem Dritte ausgeschlossen werden. Eine Möglichkeit, um Erkenntnisse und Ergebnisse für andere Wissenschaftler offen zu halten: Die Monopolisierung durch Patente inhaltlich und in der Dauer eng zu begrenzen.
Gefährdet wird Forschung aber nicht allein durch diese Art der Geheimhaltung. Eine Bedrohung gehe, so Helga Nowotny, bereits von der Prioritätensetzung in der Forschungsagenda aus: Wenn die Balance zwischen öffentlichem Interesse und privater, kommerzieller Nutzung zu sehr gestört wird, kann genau das verloren gehen, was Forscher für ihre Arbeit brauchen: Freiheit für Kreativität. Forschen sei eben kein Prozess, bei dem man von Anfang an schon weiß, ob überhaupt Ergebnisse zu erwarten sind und wie sie aussehen könnten.
Doch vor allem das abnehmende Vertrauen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit trägt dazu bei, dass die Reputation der Forschung in der Öffentlichkeit gelitten hat. Auf Vertrauen, so Helga Nowotny, sei jede Gesellschaft angewiesen. Es ist ein „kostbares Gut, das nicht automatisch nachwachse“.
Wie kam es zu diesem Vertrauensverlust? In der Vergangenheit wurde oft der Fehler gemacht, dass nach einem risikobehafteten Unfall nur solche Schäden zugegeben wurden, die nicht mehr zu leugnen gewesen seien. Die Glaubwürdigkeit der technologisch ausgerichteten Forschung und der Technik selbst würde wachsen, wenn diejenigen, die für Forschungsprojekte verantwortlich sind, auch vermitteln könnten, dass Risiken und Unsicherheiten zur Wissenschaft gehören wie die Nacht zum Tage.
Wie kann der Umgang zwischen Wissenschaftlern und Laien „normaler“ werden? Helga Nowotny rät Forschern, sich den Besorgnissen und Nöten zu öffnen, die viele Menschen gegenüber der Wissenschaft empfinden. Dabei könnte helfen, wenn Wissenschaftler ihre Laboratorien für die Öffentlichkeit öffnen, wenn sie Laien an ihrem Arbeitsalltag teilnehmen lassen, wenn sie zuhören, um zu erfahren, was Menschen interessiert.
Ein heikles Thema, darüber ist sich auch die Wissenschaftlerin Nowotny im Klaren. Denn eine solche Öffnung setzt voraus, dass sich das Selbstverständnis der Wissenschaftler ändert, dass sie ihre gesellschaftliche Rolle neu bestimmen. N och immer beobachtet die Zürcher Professorin bei Forschern in den Natur- und Ingenieurwissenschaften die Haltung: „Erst wenn alle so viel wissen wie wir, können wir auch Kritik annehmen“ . Kritik von wissenschaftlichen Laien werde deshalb häufig als unberechtigt zurückgewiesen.
Hinter dieser Haltung stecke ein elitäres Selbstverständnis. Doch durch die Expansion des Bildungswesens in den vergangenen 30 Jahren habe diese Haltung ihre Berechtigung verloren. Die Menschen hatten noch nie ein so hohes Bildungsniveau wie heute, und mit höherer Bildung wachse auch die Bereitschaft zu einer kritischeren Haltung. Auf den Gebieten, auf denen die Menschen von der Forschung direkt betroffen sind, z. B. in der Medizin, haben sie oft ein Wissen angesammelt, mit dem sie sich hinter den Experten nicht mehr verstecken müssten, so Nowotny. „Laien als Betroffene können oft über ein hervorragendes Wissen verfügen, ebenso wie Wissenschaftler, Ingenieure oder Ärzte.“
Eine Öffnung, die manchem Wissenschaftler vielleicht schwer fällt, an der aber kein Weg vorbei führe, so Helga Nowotny. Forscher seien viel weniger die Macher im Wissenschaftsprozess, als sie selbst oft glauben. Die Vergabe von Forschungsmitteln zum Beispiel wird nicht nur von der Forschung selbst bestimmt, sondern auch von einem sozialen und politischen Prozess, der wiederum im Wesentlichen gesteuert wird durch die Forschungsmittel, die von Unternehmen oder dem Staat aufgebracht werden.
Und auch der Erkenntnisprozess verlaufe nicht mehr nur als linearer Fortschritt, sondern in viel größerem Maße durch „nicht-lineare Verzweigungen“, also geprägt durch Zufälle: „Es ist so, es könnte aber auch anders sein“, wie auch der Titel ihres neuen Buches heißt. Das will Helga Nowotny jedoch nicht als Rückfall in den Glauben an ein Schicksal verstanden wissen, sondern als Appell, genau hinzusehen. Aber: Wenn man weiß, wie wissenschaftliche Ergebnisse zustande kommen, könne man Wissenschaft und Forschung auch wieder größeres Vertrauen entgegenbringen.
In der modernen Forschung gehe es nicht mehr nur um die Frage, was richtig und falsch sei, sondern darum, was die Menschen beschäftigt, um den Platz der Menschen im Prozess der Wissenserzeugung und -verarbeitung. Das gilt auch für die scheinbar „menschenleeren“ wissenschaftlichen Disziplinen, wie die Ingenieur- und Naturwissenschaften. Das Ziel sollte deshalb die Erzeugung von „sozial robustem Wissen“ sein: Das Verständnis der empirisch erfassbaren Welt, das auf dem herkömmlichen verlässlichen Expertenwissen aufbaut, aber dabei nicht stehen bleibt, sondern auch das Wissen einschließt, das sich Laien erworben haben und das auch sie zu „Experten“ gemacht hat. Ein solches Wissen kann auch jederzeit offen bleiben, um unerwünschte Folgen beherrschen oder abwenden zu können.
Kann damit der Autoritätsverlust, den die Wissenschaft erlitten hat, wieder rückgängig gemacht werden? Für die Internet-Generation zum Beispiel, also die 15-bis 35-Jährigen, gilt Wissenschaft nicht mehr viel, im Unterschied zur Erfahrung. Helga Nowotny ist sich nicht sicher, ob Wissenschaft und Forschung jemals wieder in dem Maße zur Integration der Gesellschaft beitragen können, wie in der Vergangenheit. Ihre Reputation verdanken Wissenschaft und Forschung ja gerade der Tatsache, dass die Ergebnisse direkt oder auf Umwegen zu marktfähigen Produkten geworden sind, die wiederum den Wohlstand gemehrt haben. Diese Art der Umverteilung sei an ihr Ende gekommen, glaubt Helga Nowotny.
Der Weg, den Wissenschaft einschlagen wird, führe – parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung – gerade in die entgegengesetzte Richtung, hin zu mehr Individualität. Schon heute zeichne sich ab, dass zum Beispiel Pharmaka entwickelt werden, die gezielt der genetischen Besonderheit eines Menschen gerecht werden. In einer Kolumne der Fachzeitschrift Nature zum Millennium wurde denn auch von den eingeladenen Autoren ganz nostalgisch der für die Zukunft zu befürchtende Verlust von Menschlichkeit beklagt.
Ganz so weit will Helga Nowotny aber nicht gehen, sie ist eher optimistisch. „Die Menschheit hätte nicht überlebt, wenn sie nicht immer wieder kreativ gewesen wäre“. HARTMUT STEIGER
Die Balance zwischen öffentlicher und privater Forschung dürfe nicht gefährdet werden.
Wissenschaftler sollten sich stärker den Fragen der Öffentlichkeit stellen.
Helga Nowotny kritisiert, dass Forschungsergebnisse immer stärker monopolisiert würden.

Von Hartmut Steiger
Von Hartmut Steiger

Stellenangebote im Bereich Forschung & Entwicklung

Dörken GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Dörken GmbH & Co. KG Produktentwickler Innovationen (m/w/d) Herdecke
PerkinElmer Cellular Technologies Germany GmbH-Firmenlogo
PerkinElmer Cellular Technologies Germany GmbH Sr. Electronics Design Engineer (m/w/d) Hamburg
pmdtechnologies ag-Firmenlogo
pmdtechnologies ag Machine Learning/Deep Learning Engineer (m/w/d) R&D Siegen
Diehl Defence GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Diehl Defence GmbH & Co. KG Trainee (m/w/d) für das Technische Traineeprogramm Entwicklung | Produktion | Produktmanagement deutschlandweit
Jungheinrich Norderstedt AG & Co KG-Firmenlogo
Jungheinrich Norderstedt AG & Co KG Entwicklungsingenieur (m/w/d) Elektrotechnik / Mechatronik Norderstedt
h.a.l.m. elektronik gmbh-Firmenlogo
h.a.l.m. elektronik gmbh Senior Entwicklungsingenieur (m/w/d) in der Elektronikentwicklung Frankfurt / Main
VDI Technologiezentrum-Firmenlogo
VDI Technologiezentrum Betriebswirt / Verwaltungswirt (w/m/d) für die Forschungsförderung Düsseldorf
SimonsVoss Technologies GmbH-Firmenlogo
SimonsVoss Technologies GmbH Entwicklungsingenieur Feinmechanik (m/w/d) Unterföhring bei München
SimonsVoss Technologies GmbH-Firmenlogo
SimonsVoss Technologies GmbH Senior Middleware Stack Architect (m/w/d) Unterföhring bei München
SimonsVoss Technologies GmbH-Firmenlogo
SimonsVoss Technologies GmbH Prozessmanager / Ingenieur der Elektrotechnik für Normen & Produktzertifizierung (m/w/d) Unterföhring bei München

Alle Forschung & Entwicklung Jobs

Top 5 Forschung

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.